Gründerzeiten
Wohnen in der Innenstadt gilt wieder als schick. Doch altbaureiche Städte wie Leipzig haben auch eine schwere Bürde zu tragen. Wie Altbausanierung, Stadtplanung und Wirtschaft zusammenhängen."Ist Leipzig noch zu retten?" Heute würde diese Frage niemand mehr stellen. Doch Spuren des Verfalls gibt es nach wie vor.
Fehlende Vorstellungskraft?
Noch heute ist Leipzigs ehemaliger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee sicher, den Mitgliedern des IOC habe einfach die Vorstellungskraft gefehlt: die Vorstellungskraft, dass innerhalb von sieben Jahren eine Restaurierung derart ruinöser Häuser gelingen könne. Einmalig war tatsächlich nicht nur Leipzigs Konzept in der Geschichte der Olympiaden, einmalig ist auch die Situation Leipzigs und anderer ostdeutscher Städte in der Geschichte moderner urbaner Entwicklung.
Begrünte Regenrinnen
Im November 1989, gerade war die Medienzensur der fast schon untergegangenen DDR passé, strahlte das DDR-Fernsehen einen für die Wendezeit typischen Beitrag aus: Ist Leipzig noch zu retten?, so der Titel. Fahrten mit der Kamera durch Gründerzeitquartiere des Leipziger Südwestens zeigten nicht enden wollende Ruinenlandschaften: bröckelnde Fassaden, marode Dächer, begrünte Regenrinnen.
Soziale Durchmischung
Leipzigs Altbausubstanz - von rund einer Viertelmillion Wohnungen stammten immerhin knapp hunderttausend aus der Gründerzeit - verfiel. Konzentration auf "industriellen Wohnungsbau" führte zur Vernachlässigung der Altbauviertel. Man zog sozusagen den Wohnungen hinterher, vom Altbau in die Platte, vom Inneren der Stadt nach außen. Und die Wohnungen in der Platte glichen wie ein Ei dem anderen. Auch das nähere Wohnumfeld war für alle gleich, ob Arbeiter oder Professor. Dies entsprach dem letztlich egalitären Gesellschaftsmodell und sorgte für soziale Durchmischung.
Kern-Rand-Wanderung
Zu Beginn der 1990er Jahre setzte sich der Trend - wenn auch unter anderem Vorzeichen - fort: Suburbanisierung nennen Experten das Phänomen, Kern-Rand-Wanderung zu Lasten der innerstädtischen (Altbau-)Gebiete. Bald verschärfte ein weiterer Faktor die ohnehin schwierige Lage: Hunderttausende verließen die neuen Bundesländer gen Westen. Für Leipzig bedeutete dies das Sinken der Einwohnerzahl von 584.000 in den 1970er Jahren auf 437.000 im Jahr 1998, immerhin ein Minus von 25 Prozent. In den alten Gründerzeitquartieren, marode und unattraktiv, stand rund ein Drittel aller Wohnungen leer.
Vom Leerstand gebeutelt
Leipzig ist, trotz mancher Besonderheit, kein Einzelfall. Zahlreiche Groß- und Mittelstädte im Osten weisen ähnliche Tendenzen auf. Einwohnerverluste und Leerstand beuteln vor allem Gemeinden in eher strukturschwachen Regionen. Spitzenreiter im negativen Sinn, zum Beispiel das sächsische Hoyerswerda, sehen kaum Chancen den Trend zu stoppen.
Schrumpfung als Chance
Den Leipziger Planern allerdings muss man zugute halten, dass sie diese Probleme früh erkannten und ihnen offensiv gegenübertraten. "Schrumpfung als Herausforderung und Chance" lautet ihre Devise. Bestandteil der Strategie sind neben Rückbau und Abriss die Sanierung und Aufwertung der alten Gründerzeitgebiete. Und manches konsolidierte Altbauquartier ist heute schon zu besichtigen, oft in enger Nachbarschaft zu immer noch deutlichen Spuren des Verfalls. Die gründerzeitliche Blockstruktur, so das Ziel der Planer, gelte es lebensfähig zu erhalten.
An der Rentabilitätsgrenze
Da Hauseigentümern und Investoren im Zuge der Abwanderung an die Rentabilitätsgrenze gefallene Mieten zu schaffen machen, steht freilich hochwertige Sanierung im Zentrum des Interesses. Woher aber sollen, bei weiter sinkender Kaufkraft, solvente Mieter und potenzielle Wohnungskäufer kommen? Hier spielt nun ein deutschlandweiter Trend hinein, der Fachleute in jüngster Zeit eine "Wiederentdeckung des Wohnens in der Innenstadt" diagnostizieren lässt, als Gegenbewegung zur Suburbanisierung. Der Altbau, der sanierte Altbau, wird attraktiv!
Oberhalb der Wohlstandsschwelle
Allerdings: "Wenn man von den neuen Innenstadtbewohnern spricht, meint man diejenigen, die zu den etwa 60 Prozent gehören, die oberhalb der 'Wohlstandsschwelle' einzuordnen sind", heißt es etwa in den Difu-Berichten 2005. Und weiter: "Teile der Innenstadt, in denen nach gängiger Auffassung vor allem die so genannten Exkludierten (die A's: Arme, Ausländer, Arbeitslose) wohnen, werden nicht nur symbolisch an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sondern aufgrund der steigenden Mieten konkret an den Stadtrand verdrängt... Wer heute in die Stadt zieht, gehört zu den Gewinnern, zumindest nicht zu den Verlierern der Gesellschaft."
Auch in der Platte
Soziale Differenzierung, soziale Segregation, macht wohl auch um Leipzig keinen Bogen, ist vielmehr gerade Voraussetzung ökonomisch nachhaltiger Sanierung der Altbausubstanz. Weniger Wohnungen, dafür größer, besser ausgestattet, mit individuellem Zuschnitt - so sehen Planer die Perspektive der Leipziger Gründerzeitquartiere. Längst gegebener Leerstand erspart dabei zu Teilen die unpopuläre Verdrängung ganzer, finanziell schwacher Mieterschichten aus den nun attraktiver werdenden Altbauregionen, wie sie beispielsweise in Hinblick auf den Berliner Prenzlauer Berg einst Schlagzeilen machte. Salopp gesagt: Es ist oft sowieso kein Mensch mehr drin. Parallel dazu laufen Rückbau und Sanierung in der Platte, etwa in Leipzig-Grünau.
Die Abrissbirne wütet in Halle-Neustadt: In der Platte wird zurückgebaut, jedoch ebenso instandgesetzt. Denn wer arm ist, der muss dorthin ziehen.
Wie wird die Leipziger Innenstadt, wie wird die Altbausubstanz im Jahr 2030 aussehen? Kaum verwunderlich, dass Prognosen und Szenarien eng an allgemeine wirtschaftliche Daten gekoppelt sind. "Nachhinken", mühsam "Mitschwimmen" oder "Aufholen" - alles hängt ab von Kaufkraft, Beschäftigtenzahlen und damit verbundenen Wanderungsströmen. Der "Doppelstadt", der ungleichwertigen Stadt aus aufwändig sanierten Altbaugebieten einerseits und instandgesetzten Plattenbauten an den Rändern andererseits dürfte auf jeden Fall die Zukunft gehören. Fraglich sind nur noch die Proportionen.
Genutzter Schwung
Wolfgang Tiefensee, Leipzigs Oberbürgermeister bis November 2005, zeigte ungeachtet gescheiterter Olympiabewerbung übrigens Zuversicht: "Wir werden das nicht sanierte Fünftel der Innenstadt in den nächsten zehn Jahren an den Markt bringen. Gewiss, wir hatten gehofft, es in einem Satz zu schaffen. Jetzt realisieren wir das in Einzelschritten und nutzen den Schwung, den Imagegewinn und den Marketingeffekt, den uns die Olympiabewerbung trotz allem gebracht hat."
Michael Schmittbetz (02.09.2005)
Infobox
Leipzig hat - wie kaum eine andere deutsche Stadt - eine einzigartige, meist denkmalgeschützte gründerzeitliche Bausubstanz. Im weitesten Sinn gehören dazu zwischen 1870 und 1914 erbaute Häuser. Wirtschaftlicher Aufschwung nach gewonnenem Deutsch-Französischen Krieg und andere Ursachen hatten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einen Bauboom im Gefolge. Von schlichten Mietskasernen bis hin zu prächtigen Stadtvillen wurde gebaut was das Zeug hielt. Besonders das Leipziger Waldstraßenviertel erinnert an diese Epoche.


