Die Mitte und der Rand
Die hohe Zeit der Schienen-"Kathedralen" ist vorüber, Prestigebauten aus ferner Bahn-Vergangenheit sind zu teuer im Erhalt. Nun erlangen sie in Form von "Einkaufszentren mit Gleisanschluss" neuen Glanz.Empfangshalle des Hauptbahnhofs in Leipzig, Fühjahr 2005: Per Rolltreppe geht es zur Shoppingmeile. (Bild: msz)
Der Bahnhof hingegen, in seiner hohen Zeit, war geprägt von Unrast, vom Luxus einer kosmopolitischen Elite, für die Reisen Lust war und Pflicht, Zurschaustellung und gesellschaftliches Ereignis.
298 Meter Sandstein
Rund 53.000 Kilometer umfassen allein die deutschen Schienenwege im Jahr 1920. Zu den Knotenpunkten dieses gigantischen Netzes zählt der Leipziger Hauptbahnhof, fertiggestellt 1915. Er ist, damals, der größte Bahnhof der Welt, mit seiner Fläche von 85.000 Quadratmetern, wovon 16.000 auf das 298 Meter lange, aus hellem Sandstein errichtete Empfangsgebäude entfallen.
Bahn schuf Arbeit
Der "große Bahnhof" steht für Dynamik schlechthin: Wer regelmäßig die Aura seiner Hallen genießen darf, gehört eher zu den Bessergestellten, nimmt im Ansatz jene Elite "moderner Nomaden" vorweg, von der heute Globalisierungsfanatiker träumen. Für die Zwischenschichten bleibt der Bahnhof gelegentlicher Höhepunkt, ein Abenteuer. Den untersten Klassen ist er fremdes Terrain, sofern sie ihn nicht als dienstbare Geister betreten dürfen. Immerhin, die Bahn schafft Arbeit, bringt Menschen in Lohn und Brot.
Einkaufsparadies - mit 140 Läden auf mehreren Etagen steht der Leipziger Haupbahnhof Konsumtempeln von heute in nichts nach.
In ihrer Mitte gelegen, formt der Bahnhof die Metropole: Das nobelste Hotel am Platze, wie beispielsweise das Leipziger Astoria, liegt selbstverständlich in Bahnhofsnähe; moderne Geschäftshäuser entstehen um das Zentrum der Mobilität herum, wachsen in die Höhe, denn Baugrund dort ist teuer. Bahnhöfe sind Mitten, sowohl im städtebaulichen als auch im sozialen Sinn. Insofern stimmt das Bild von der Kathedrale wieder.
Mehr als acht Jahrzehnte nach diesen bahnparadiesischen Zuständen, am 12. November 1997, erlebt der Leipziger Hauptbahnhof eine "Wiedergeburt": Bahn-Offizielle, Stadtobere und Vertreter von Ministerien weihen, wie Kritiker bemerken, "ein Einkaufszentrum ein, das auch einen Bahnhof beherbergt". 140 Geschäfte warten auf Kundschaft, gut 30.000 Quadratmeter "Erlebnisraum" gibt es auf drei Etagen. Um fünfhundert Millionen Mark hat die Sanierung gekostet.
"Hafen voll sakraler Majestät"
Geboren ist ein Prestigeobjekt der Deutschen Bahn AG, das die Vorreiterrolle spielt im Bestreben, der Öffentlichkeit die radikale Modernisierung auch anderer Großbahnhöfe nahezubringen. Wie es in offiziellen Bahn-Verlautbarungen heißt: Bahnhöfe sollen wieder "Hallen voll sakraler Majestät", "Kathedralen von Mobilität und Verkehr", "Kern städtebaulicher Entwicklung" sein. Nichts sagen die Verlautbarungen vom Automaten-Bahnhof, der immer weniger Personal benötigt, immer weniger Arbeitsplätze bereitstellen wird...
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Die Bahnhofsmission
Ein kleines Schild weist den Weg zur Bahnhofsmission, gleich neben den Schaufenstern mit Seidenkrawatten, Kosmetika und frischem Obst: 14 hauptamtliche und bis zu sechzig ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen auf dem Berliner Bahnhof Zoo für Hilfsbedürftige. Vieles hat wirklich mit Reisen zu tun: der ausgebüchste Jugendliche, um den sich die Bahnhofsmission zunächst einmal kümmert, der Ausländer, der seinen Pass verloren hat und zu seinem Konsulat vermittelt werden muss.
Mehr und mehr aber sind Bahnhofsmissionen - nicht nur die am Bahnhof Zoo - Anlaufstellen für Arme, für psychisch beeinträchtigte Menschen und für Wohnungslose. Zum geputzten, glitzernden Automatenbahnhof, wenn möglich ohne viel Personal, liegen Bahnhofsmissionen eindeutig quer. Deshalb werden sie von der Deutschen Bahn AG eher geduldet als wohlwollend angenommen. Der "Schmuddel" soll ja raus, allen voran die unerwünschte Klientel. Für "Heimatlose", so will es die Bahn, ist der Bahnhof der Zukunft kein Ort.
Ein kleines Schild weist den Weg zur Bahnhofsmission, gleich neben den Schaufenstern mit Seidenkrawatten, Kosmetika und frischem Obst: 14 hauptamtliche und bis zu sechzig ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen auf dem Berliner Bahnhof Zoo für Hilfsbedürftige. Vieles hat wirklich mit Reisen zu tun: der ausgebüchste Jugendliche, um den sich die Bahnhofsmission zunächst einmal kümmert, der Ausländer, der seinen Pass verloren hat und zu seinem Konsulat vermittelt werden muss.
Mehr und mehr aber sind Bahnhofsmissionen - nicht nur die am Bahnhof Zoo - Anlaufstellen für Arme, für psychisch beeinträchtigte Menschen und für Wohnungslose. Zum geputzten, glitzernden Automatenbahnhof, wenn möglich ohne viel Personal, liegen Bahnhofsmissionen eindeutig quer. Deshalb werden sie von der Deutschen Bahn AG eher geduldet als wohlwollend angenommen. Der "Schmuddel" soll ja raus, allen voran die unerwünschte Klientel. Für "Heimatlose", so will es die Bahn, ist der Bahnhof der Zukunft kein Ort.



