Regieren ohne Volk?
Für einen Atomkrieg konstruierte man technisch ausgefeilte Anlagen - zuerst für Eliten, welche den Einsatz nuklearer Waffen als Option kalkulierten, danach aber weiterregieren wollten.Im Ernstfall zieht die Elite in den Bunker: Deutscher Bundestag 1953. (Bild: DHM)
Tag X
Politische und militärische Führungen in Ost und West wollten auf diesen Tag X vorbereitet sein. So entstanden Anlagen unter der Erde, kleine Siedlungen oft, die unter erheblichem Aufwand an finanziellen Mitteln, Technik und Personal errichtet und über Jahrzehnte unterhalten wurden. Technisch auf höchstem Stand, funktionell eingerichtet und auf Notwendiges beschränkt, waren solche Bunker Zufluchtstätten für eine Auswahl von Funktionsträgern.
Welt im Chaos
Die Supermächte hatten ein Arsenal an Massenvernichtungswaffen aufgebaut, das die Welt mehrfach hätte vernichten können, doch glaubten einige, einen Atomkrieg begrenzen zu können. In autarken Refugien wollte man Ordnung und Autorität aufrechterhalten, sollte die politische Elite weiter funktionieren, wenn oben die Welt im Chaos versinkt. Diese Bunkeranlagen waren Staatsgeheimnisse, und "aus Angstfantasien zusammengesetzt, hinter denen nichts weiter steht als Machtwille, organisiert in Verwaltungsvorgängen", wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Der Feind durfte natürlich vom Bunker nichts wissen; vielleicht hätten auch die eigenen Bürger, die ihn mit ihren Steuern finanzierten, gefragt: Was wird dann aus uns?
Vorbauen für den Ernstfall
Die Regierung der ersten Atommacht USA ließ sich schon in den späten 1950er Jahren einen Bunker für den Krisenfall bauen. Nachdem die Bundesrepublik ab 1955 ins westliche Militärbündnis eingebunden war, begannen Planungen für den Bau des Ausweichsitzes der Verfassungsorgane des Bundes, wie es im Amtsdeutsch hieß. Ein System von Eisenbahntunneln unter den Weinbergen des Ahrtals, vor dem Ersten Weltkrieg angelegt, erkoren die Planer als idealen Standort: Mehr als hundert Meter dickes Schiefergestein schützte die weitläufige Anlage, rund zwanzig Kilometer vom Bonner Regierungssitz entfernt.
Zusammenleben auf engstem Raum: Die psychischen Belastungen sind enorm.
1972 kamen die streng geheimen Arbeiten am "Regierungsbunker" nach einer Bauzeit von zwölf Jahren zum Abschluss. Auch nach Fertigstellung ging es geheimniskrämerisch zu: Selbst das technische Personal und für Wartungsarbeiten zuständige Handwerker waren verbeamtet und mussten sich zum Schweigen verpflichten.
Stillschweigen zu bewahren hatten auch die Politiker, die im Rahmen der NATO-Übung Fallex zwischen 1966 und 1989 alle zwei Jahre in die Dienststelle Marienthal einzogen. Neben Staats- und Regierungschef, Parlament und Kabinett sollten die Spitzen von Bundesbank, Justiz und Militär sowie das technische und Büropersonal Schutz im Bunker finden. Die Angehörigen mussten draußen bleiben.
Magnetkärtchen verschieben
So spielte man unter Tage Krieg. Strategen verschoben im Lagezentrum Magnetkärtchen als Symbole für Panzerverbände, Flugzeuge und Schiffe, berechneten Verluste, entwarfen Erklärungen fürs Volk... Im technokratischen Denken ist der "Faktor Mensch" natürlich immer das schwächste Glied: Die Stärke von Wänden, die einer Druckwelle standhalten müssen, lässt sich berechnen; nicht aber die psychische Belastbarkeit der Bunkerinsassen.
Nervenzusammenbrüche
Wie wäre es denen ergangen, in der Enge, beim Gedanken an zurückgelassene Nächste, in der Ungewissheit, was oben übrig bleibt? Hätten sie nach Plan funktioniert? Von den Manövern im Ahrtal-Bunker sind Nervenzusammenbrüche der Beteiligten überliefert; Beruhigungsmittel lagen in Mengen bereit. Militärisch war der "Regierungsbunker" bald nach der Fertigstellung fragwürdig: Als Amerikaner und Sowjets in Europa Mittelstreckenraketen stationiert hatten, waren nur wenige Minuten Zeit, um auf einen Angriff zu reagieren. Zeit genug, um von Bonn bis in den Bunker zu fliehen? Bekannt ist ebenso wenig, ob die Anlage einen direkten Treffer ausgehalten hätte; denn verborgen blieb sie dem potentiellen Gegner nicht. Der Stasi lagen sogar detaillierte Baupläne vor.
In den Tunnelstollen unter dem Ahrtal verbarg sich die geheime Zufluchtstätte der Bundesregierung. (Bild von 1900)
Auch die Regenten des anderen deutschen Staates ließen Einsatzzentralen in die Erde graben; für den Krisenfall verteilte man die Führungskräfte hier allerdings auf mehrere Objekte. Die beiden wichtigsten Anlagen, die Kommandobunker für die Führung der NVA und den Nationalen Verteidigungsrat befanden sich im Nordosten von Berlin. Ohne Zweifel waren die Bunker in Ost und West technische Meisterleistungen. Der Sinn der Bauten hingegen erscheint zweifelhaft.
Was kommt danach?
Hatten die Architekten des Kalten Krieges überhaupt Vorstellungen, wie es weitergehen sollte nach dem großen Knall? Etwa einen Monat hätten die Eliten im Bunker überleben können. Was hätte sie nach dem Öffnen der hermetisch verriegelten Schleusen erwartet? Der Bunker im Ahrtal ist Geschichte, bleibt aber, anders als einige Pendants in den USA oder der ehemaligen DDR, als Zeugnis nicht erhalten: Die Anlage wird geflutet und dann versiegelt; begraben wie die Planspiele der Nuklearstrategen, die sie einst erschufen für das Unvorstellbare.
Thomas Tschepke (03.05.2005)
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Das Greenbrier...
in White Sulphur Springs im Bundesstaat West Virginia ist eine der feinsten Adressen der USA. Die Regierung ließ unter dem Westflügel des Luxushotels zwischen 1958 und 1961 einen geheimen Bunker bauen, in dem Kongressmitglieder und Beamte Schutz finden sollten. Durch vier massive Stahltüren gelangt man ins Innere, in dem 153 Räume auf zwei Etagen verteilt sind, Platz für etwa Tausend Personen.
Der Bunker verfügt über eigene Energieversorgung; als Transportwege dienten ein eigens angelegter Autobahnabschnitt und ein nahe gelegener Flugplatz. Die Anlage war bis zur ihrer Aufdeckung durch die Washington Post im Jahr 1991 ständig betriebsbereit. Während der Kuba-Krise 1962 gab es den einzigen Alarm. Heute bietet das Hotel Führungen durch den Bunker an.
in White Sulphur Springs im Bundesstaat West Virginia ist eine der feinsten Adressen der USA. Die Regierung ließ unter dem Westflügel des Luxushotels zwischen 1958 und 1961 einen geheimen Bunker bauen, in dem Kongressmitglieder und Beamte Schutz finden sollten. Durch vier massive Stahltüren gelangt man ins Innere, in dem 153 Räume auf zwei Etagen verteilt sind, Platz für etwa Tausend Personen.
Der Bunker verfügt über eigene Energieversorgung; als Transportwege dienten ein eigens angelegter Autobahnabschnitt und ein nahe gelegener Flugplatz. Die Anlage war bis zur ihrer Aufdeckung durch die Washington Post im Jahr 1991 ständig betriebsbereit. Während der Kuba-Krise 1962 gab es den einzigen Alarm. Heute bietet das Hotel Führungen durch den Bunker an.
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Dienststelle Marienthal...
oder Rosengarten hieß der Ausweichsitz der Bundesregierung in den Ahrbergen bei Marienthal/Dernau. Das Netz aus Stollen und Gängen erstreckt sich über 19 Kilometer und besteht aus fünf Abschnitten, in denen jeweils sechshundert Personen unterkommen konnten.
In zwei Geschossen sind mehr als 1.800 Schlaf- und Arbeitsräume untergebracht. Krankenstation, Fernsehstudio, Friseur, Konferenzräume, ein Plenarsaal und militärische Führungsstellen gehörten zur Ausstattung. Schätzungen über die Kosten liegen zwischen drei und fünfzig Milliarden Mark.
Als Betriebspersonal waren ständig zwischen 50 und 180 Menschen im Bunker angestellt. Die Regierung beschloss im Jahr 1997, die Anlage aufzugeben und zu verkaufen. Als Münzdepot, Diskothek, sogar zur Pilzzucht wollte man den Bunker nutzen, keiner der Vorschläge schien umsetzbar. Der "Rückbau" soll bis 2006 dauern.
oder Rosengarten hieß der Ausweichsitz der Bundesregierung in den Ahrbergen bei Marienthal/Dernau. Das Netz aus Stollen und Gängen erstreckt sich über 19 Kilometer und besteht aus fünf Abschnitten, in denen jeweils sechshundert Personen unterkommen konnten.
In zwei Geschossen sind mehr als 1.800 Schlaf- und Arbeitsräume untergebracht. Krankenstation, Fernsehstudio, Friseur, Konferenzräume, ein Plenarsaal und militärische Führungsstellen gehörten zur Ausstattung. Schätzungen über die Kosten liegen zwischen drei und fünfzig Milliarden Mark.
Als Betriebspersonal waren ständig zwischen 50 und 180 Menschen im Bunker angestellt. Die Regierung beschloss im Jahr 1997, die Anlage aufzugeben und zu verkaufen. Als Münzdepot, Diskothek, sogar zur Pilzzucht wollte man den Bunker nutzen, keiner der Vorschläge schien umsetzbar. Der "Rückbau" soll bis 2006 dauern.


