Sicht ohne Grenze
Der Berliner Fernsehturm hat dem "Einheitsbrei" der DDR-Architektur getrotzt. Auf seinem langen Beton-Schaft sitzt eine riesige Kugel aus rostfreiem Edelstahl. Und der Ausblick hatte seinen Reiz.Blick in Richtung Osten: Aushängeschild des Sozialismus sollte Berlins Mitte mitsamt dem Fernsehturm sein.
"Sozialistische Höhendominante"
Der Fernsehturm ist Trend - vor allem unter denjenigen Zugezogenen, die jünger sind als das Bauwerk. Das Verhältnis der Ur-Berliner dagegen ist ein ambivalentes. Unübersehbar markiert der 365 Meter hohe Fernsehturm die Mitte Berlins. Als "sozialistische Höhendominante" sollte er bis in den Westteil Berlins hinein die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren. Weshalb aber kam man auf die Idee, einen Fernsehturm zu bauen?
Ohne Rücksicht auf alte Strukturen
Auf dem III. SED-Parteitag 1950 appellierte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht an die Architekten, das Ostberliner Stadtzentrum - ohne Rücksicht auf alte Strukturen - vollkommen neu zu gestalten. Die Berliner Mitte sollte ein modernes Äußeres bekommen und zum Aushängeschild des sozialistischen Staates werden. In den folgenden Jahren gab es einige Wettbewerbe, wie das neue Zentrum zu gestalten sei - doch entsprachen die Ergebnisse nie den Vorstellungen der Parteifunktionäre.
Oktober-Heft der DDR-Zeitschrift "Bummi" von 1969: Die Kleinen sollten das Bauwerk ebenfalls feiern.
Der Entwurf des DDR-Staatsarchitekten Herrmann Henselmann sah schließlich als attraktiven Stadtmittelpunkt einen Turm der Signale vor. Damit ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn der Vorschlag verband den Wunsch Ulbrichts nach einem repräsentativen Staatsbau mit der Lösung eines technisch-politischen Problems: Der staatseigene Radio- und Fernsehfunk konnte bis dahin wegen schwacher Sendeleistung nicht alle Haushalte erreichen - während man die "westlichen Hetzsender" ganz gut empfing.
Kostspielige Angelegenheit
Der anfängliche Plan sah vor, einen Fernsehturm auf den Müggelbergen vor den Toren Berlins zu bauen - dort allerdings hätte der Turm den Flugverkehr behindert. Nach langen Diskussionen entschied Ulbricht dann, den Turm am Alexanderplatz zu errichten. Aber welch Schreck: Schon zu Baubeginn im Jahr 1964 war abzusehen, dass das Projekt weit mehr kosten würde als ursprünglich angenommen. Doch um nicht das Gesicht zu verlieren, musste das ehrgeizige Bauvorhaben, trotz leerer Staatskassen, zu Ende geführt werden. Der Bau des Fernsehturms verschlang über 130 Millionen Ost-Mark - mehr als viermal so viel wie geplant.
Nach viereinhalb Jahren Bauzeit war das architektonische Meisterstück schließlich vollendet: Am 3. Oktober 1969 nahm der Turm den Funkbetrieb auf und wurde für Besucher geöffnet - interessanterweise an dem Tag, der 21 Jahre später zum Nationalfeiertag des wiedervereinigten Deutschland wurde.
Einst ein ideologisches Problem: Von hier oben trifft auch der Blick gen Westen auf keine Barrieren.
Der Berliner Fernsehturm war zu DDR-Zeiten nicht nur eine leistungsstarke Sendeanlage: Er war auch ein politisches Prestigeobjekt, das für den Westteil der Stadt sichtbar sein sollte. Doch hatten Parteiapparat und Staatsarchitekten bei der Planung des Riesen eines nicht bedacht: Oben auf dem Turm war der Blick für alle grenzenlos: Die Sicht auf die herausgeputzten Bezirke, wie Charlottenburg oder Wilmersdorf, im westlichen Teil Berlins erschien wie Hohn für den in grauen Beton gehüllten Osten. Es waren gegensätzliche Welten - von denen sich die Ostberliner nun ihr eigenes Bild machen konnten.
Morbider Charme
Was ist aus dem sozialistischen Symbol von einst geworden? Von der neuen Reinlichkeit und Eleganz, die heute an vielen Orten der Hauptstadt herrscht, haben Fernsehturm und Alexanderplatz noch recht wenig zu spüren bekommen. Reste von Baumaterial, vergessene Absperrungen und schlecht geflickte Fahrbahnen sind normal.
Der Ostankino-Turm in Moskau erlebte am 28. August 2000 eine Katastrophe.
Zukunft wagen
Wenn man am Alten zu sehr festhält, bleibt kein Raum für Neues: Das Areal rund um den Fernsehturm braucht nicht auf der Welle der Ostalgie weiterzuschwimmen. Neue Konzepte müssen her, die mit etwas Mut und Kreativität die Veränderung dieses zentralen Ortes wagen.
Julia Ziebell (23.09.2004)
Infobox
Der Berliner Telespargel...
ist mit 365 Metern nicht nur höchstes Bauwerk der Hauptstadt, sondern auch der einzige Fernsehturm in Europa, der mitten in der Stadt steht. Rund eine Million Besucher genießen jährlich den Ausblick auf Berlin.
In den über viereinhalb Jahren Bauzeit von 1964 bis 1969 wurden 7.900 Kubikmeter Beton, 1.650 Tonnen Rundstahl, 300 Tonnen Spannstahl und 1.500 Tonnen Profilstahl verbaut. Insgesamt wiegt der Koloss rund 26.000 Tonnen. Aus Sicherheitsgründen kamen nur schwer entflammbare Materialien zum Einsatz.
Sollte es trotzdem einmal brennen, gibt es unterhalb der siebengeschossigen Kugel mit Aussichtsplattform und Telecafé zwei Bühnen zur Evakuierung auf 188 beziehungsweise 191 Metern Höhe. Sie bieten 400 Personen Platz, die dann über eine feuersichere Treppe nach unten gelangen können.
Mit den beiden Aufzügen kommt man innerhalb von vierzig Sekunden in 200 Meter Höhe. Hier oben beträgt der Pendelradius des Turms rund 15 Zentimeter, an der Antennenspitze dagegen etwa 60 Zentimeter. Zum Jahreswechsel 1995/96 wurde der Fernsehturm saniert und die Haus-, Klima- und Brandschutztechnik komplett erneuert. Heute steht das Bauwerk unter Denkmalschutz.
ist mit 365 Metern nicht nur höchstes Bauwerk der Hauptstadt, sondern auch der einzige Fernsehturm in Europa, der mitten in der Stadt steht. Rund eine Million Besucher genießen jährlich den Ausblick auf Berlin.
In den über viereinhalb Jahren Bauzeit von 1964 bis 1969 wurden 7.900 Kubikmeter Beton, 1.650 Tonnen Rundstahl, 300 Tonnen Spannstahl und 1.500 Tonnen Profilstahl verbaut. Insgesamt wiegt der Koloss rund 26.000 Tonnen. Aus Sicherheitsgründen kamen nur schwer entflammbare Materialien zum Einsatz.
Sollte es trotzdem einmal brennen, gibt es unterhalb der siebengeschossigen Kugel mit Aussichtsplattform und Telecafé zwei Bühnen zur Evakuierung auf 188 beziehungsweise 191 Metern Höhe. Sie bieten 400 Personen Platz, die dann über eine feuersichere Treppe nach unten gelangen können.
Mit den beiden Aufzügen kommt man innerhalb von vierzig Sekunden in 200 Meter Höhe. Hier oben beträgt der Pendelradius des Turms rund 15 Zentimeter, an der Antennenspitze dagegen etwa 60 Zentimeter. Zum Jahreswechsel 1995/96 wurde der Fernsehturm saniert und die Haus-, Klima- und Brandschutztechnik komplett erneuert. Heute steht das Bauwerk unter Denkmalschutz.
Infobox
Ein Fernsehturm, ...
oder auch Fernmeldeturm, ist ein röhrenförmiger Bau in schlanker Stahlbetonbauweise. Darin unterscheidet er sich vom Funkturm, der meist aus einer reinen Stahlkonstruktion besteht. Beider vorwiegende Aufgabe ist es, Hörfunk-, Fernseh- wie auch Telefonsignale auszusenden.
Über hundert solcher großen Sendeanlagen gibt es weltweit. 1956 wurde in Stuttgart der erste Fernsehturm in Stahlbetonbauweise errichtet. In fast jeder Metropole der Welt zählen Fernsehtürme zu den Wahrzeichen der Stadt, auch wenn sie, nicht wie in Berlin, außerhalb des Zentrums stehen.
Einer der bekanntesten Fernsehtürme ist der Moskauer Ostankino-Turm. Seit seiner Fertigstellung 1967 war er bis 1975 mit 537 Metern das höchste Bauwerk der Welt. Am 28. August 2000 kamen bei einem Brand in der Kuppel vier Menschen ums Leben. Der Turm wurde stark beschädigt. Er ist seitdem für Besucher geschlossen.
oder auch Fernmeldeturm, ist ein röhrenförmiger Bau in schlanker Stahlbetonbauweise. Darin unterscheidet er sich vom Funkturm, der meist aus einer reinen Stahlkonstruktion besteht. Beider vorwiegende Aufgabe ist es, Hörfunk-, Fernseh- wie auch Telefonsignale auszusenden.
Über hundert solcher großen Sendeanlagen gibt es weltweit. 1956 wurde in Stuttgart der erste Fernsehturm in Stahlbetonbauweise errichtet. In fast jeder Metropole der Welt zählen Fernsehtürme zu den Wahrzeichen der Stadt, auch wenn sie, nicht wie in Berlin, außerhalb des Zentrums stehen.
Einer der bekanntesten Fernsehtürme ist der Moskauer Ostankino-Turm. Seit seiner Fertigstellung 1967 war er bis 1975 mit 537 Metern das höchste Bauwerk der Welt. Am 28. August 2000 kamen bei einem Brand in der Kuppel vier Menschen ums Leben. Der Turm wurde stark beschädigt. Er ist seitdem für Besucher geschlossen.


