Tore zum Himmel
Um mit dem boomenden Flugverkehr Schritt zu halten, müssen Flughafen-Betreiber Kapazitäten erweitern. Eine neue Generation von Start- und Landeplätzen ist bereits in Planung.Fliegt er, oder fliegt er nicht? Bange Momente durchlebten die Ingenieure von Airbus am 27. April 2005, als ihr Jüngster - und Größter - flügge werden sollte. Ihre Sorgen zerstoben im Nu: Bekanntlich meisterte der Airbus A380 seinen Jungfernflug ohne Probleme. Probleme kommen allerdings jetzt auf die Flughäfen zu.
Breiter und schwerer
Mit knapp 80 Metern Spannweite und bis zu 560 Tonnen Startgewicht ist der Riesenflieger nämlich breiter und schwerer als alle anderen Passagierflugzeuge - breiter und schwerer auch als die bisherige Rekordhalterin, die 747 von Boeing. Um für den A380 - und für die Zukunft - gerüstet zu sein, müssten Betreiber internationaler Flughäfen mindestens sechs Milliarden US-Dollar in ihre Anlagen investieren, schätzen Experten.
Asiatischer Aufschwung
Sechzig Landeplätze weltweit wollen sich bis 2010 an die ausladenden Maße des Airbus angepasst haben. Es bleibt ihnen, so scheint es, kaum eine Wahl: Im Verlauf der nächsten Jahrzehnte wird die Anzahl der Flugreisen enorm zunehmen, geschuldet vor allem dem rapiden Wachstum der asiatischen Wirtschaft: In den aufstrebenden, bevölkerungsreichen Ländern wie Indien und China gehören immer mehr Menschen der wohlhabenderen Mittelschicht an. Und wer Geld hat, jettet herum - ob privat in den Urlaub oder geschäftlich.
Alles fliegt
Für das Jahr 2020 prognostiziert die World Tourism Organization einhundert Millionen chinesische Touristen, die ins Ausland reisen - meist per Flugzeug. Das Bundesverkehrsministerium geht davon aus, dass 2015 etwa 256 Millionen Fluggäste in Deutschland ein-, aus- oder umsteigen: 74 Prozent mehr als 2003. Insgesamt rechnen Experten mit einem Anstieg der Passagierzahlen um jährlich fünf Prozent in den nächsten zwanzig Jahren; im gleichen Zeitraum werden Jahr für Jahr rund sechs Prozent mehr Luftfracht transportiert. Am Himmel wird es eng.
Dr. John Kasarda von der amerikanischen University of North Carolina ist sich sicher: "Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Luftfahrt. Wenn die Zahl der möglichen Starts und Landungen begrenzt ist, ist es wichtig, größere Flugzeuge zu haben." Und größere Flugzeuge erfordern größere Flughäfen, die zum einen den Giganten genügend Platz bieten, zum anderen das steigende Passagier- und Frachtaufkommen bewältigen.
81 Millionen Reisende
Allein der Frankfurter Rhein-Main-Flughafen, kalkuliert dessen Management, wird im Jahr 2015 Start-, Lande- und Transferplatz für 81 Millionen Reisende sein - ein Plus von dreißig Millionen im Vergleich zu 2004. Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, müssen die Flughäfen ihre Anlagen massiv erweitern - oder sie versinken in Bedeutungslosigkeit.
Denn der Konkurrenzkampf ist hart: Künftig werden die großen internationalen Airline-Allianzen, Kooperationen mehrerer nationaler Fluggesellschaften, nur noch wenige Luftfahrt-Drehkreuze pro Kontinent direkt bedienen. Dort "bündeln" sie dann ihre Passagiere, von dort aus fliegen sie kleinere Zielflughäfen mit kleineren, sparsameren Jets an. In Europa sind wahrscheinlich bloß Heathrow (London), Charles de Gaulle (Paris) und Frankfurt als Knotenpunkte erste Wahl.
Großflughäfen in Großstädten
Neben der Infrastruktur entscheidet der Markt - sprich: Einzugsgebiet und Attraktivität der Umgebung - über den Ort künftiger Großflughäfen, auch Mega-Hubs genannt (von englisch Hub = Mittelpunkt). Die Boom-Städte Asiens, die touristischen und geschäftlichen Zentren Europas, die Küstenmetropolen Amerikas - "Nachfrage besteht ganz einfach da, wo die Leute hin wollen", stellt eine Airbus-Studie lapidar fest.
Aerotropoli
Einerseits wachsen Flughäfen also vor allem in stark urbanisierten, wirtschaftlich aktiven Regionen; andererseits regen sie städtisches und ökonomisches Wachstum an. Aus den USA stammt das Konzept der Aerotropoli: Städte - oder besser: Stadtviertel -, die sich um Flughäfen herum entwickeln. Und auch die Flughäfen selbst übernehmen mehr und mehr urbane Funktionen wie Wohnen, Verwaltung, Arbeit und Freizeit: Nicht grundlos tauften die Planer den auf 120 Millionen Passagiere ausgelegten Flughafen-Neubau in Dubai "Jebel Ali Airport City".
Der Rhein-Main-Flughafen Frankfurt ist mit jährlich 51 Millionen Passagieren der größte Flughafen Deutschlands. (Foto: Fraport AG)
Motoren des Fortschritts
Mega-Hubs, die Drehkreuze des Flugverkehrs, Start und Ziel der wichtigen internationalen Routen, dürften für das 21. Jahrhundert das sein, was Seehäfen in vorindustrieller Zeit waren: Umschlagplätze für Personen und Güter, Zentren von Handel und Gewerbe, Motoren ökonomischen Fortschritts. Wenigstens dann, wenn die Prognostiker Recht behalten sollten.
Flughäfen zu Geisterstädten
Aber was, wenn sie daneben liegen? Was, wenn die Branche stagniert - wie nach den Anschlägen des 11. September oder während der SARS-Krise? Was, wenn die Realität den Visionären einen Strich durch die Rechnung macht? Dann könnten sich die Airport Cities rasch in Geisterstädte verwandeln: verwaiste Monumente aus Stahl und Glas, die vom Kater nach dem Höhenrausch zeugen.
Kai Müller (24.06.2005)
Infobox
Die ersten Flughäfen waren kaum mehr als schlichte Graslandebahnen, umgeben von ein paar Blechhütten. Viele dienten nur dazu, Schaulustigen die neuesten Fluggeräte vorzuführen. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs baute man Landeplätze für die militärische Verwendung aus.
Nach dem Krieg wurden einige der nun asphaltierten Flugfelder zivil genutzt. Die frühesten "richtigen" Flughäfen entstanden Anfang der 1920er Jahre in Paris Le Bourget und London Croydon. In Königsberg wurde 1922 die erste Abfertigungshalle eigens für den kommerziellen Luftverkehr errichtet. Mit dem Verkehr wuchsen die Flughäfen; die Ära der Luftfahrt forderte immer größere Anlagen für immer mehr Reisende.
Die Düsenjets bedeuteten einen Quantensprung, der auch die Architektur von Flughäfen beeinflusste: Die heutigen Betonwüsten und Stahlkolosse sind bloß auf den reibungslosen Ablauf des gesamten Betriebs ausgerichtet. In Zukunft sollen sich Besucher aber richtig wohl im Flughafen fühlen - und dort Geld ausgeben.
Nach dem Krieg wurden einige der nun asphaltierten Flugfelder zivil genutzt. Die frühesten "richtigen" Flughäfen entstanden Anfang der 1920er Jahre in Paris Le Bourget und London Croydon. In Königsberg wurde 1922 die erste Abfertigungshalle eigens für den kommerziellen Luftverkehr errichtet. Mit dem Verkehr wuchsen die Flughäfen; die Ära der Luftfahrt forderte immer größere Anlagen für immer mehr Reisende.
Die Düsenjets bedeuteten einen Quantensprung, der auch die Architektur von Flughäfen beeinflusste: Die heutigen Betonwüsten und Stahlkolosse sind bloß auf den reibungslosen Ablauf des gesamten Betriebs ausgerichtet. In Zukunft sollen sich Besucher aber richtig wohl im Flughafen fühlen - und dort Geld ausgeben.
Infobox
Der Hartsfield-Jackson Airport Atlanta (USA) ist, gemessen am Passagieraufkommen, der größte Flughafen der Welt. Im Jahr 2004 betraten über 83,5 Millionen Fluggäste seine Hallen. Ihm folgt Chicago-O'Hare mit 75,5 Millionen. Der wichtigste europäische Flughafen ist zugleich die globale Nummer Drei: London Heathrow verbuchte im letzten Jahr über 67 Millionen Passagiere. Auf Platz vier liegt Tokio-Haneda; ihn frequentierten mehr als 62 Millionen Reisende. Frankfurt belegt mit 51 Millionen die achte Position.


