Das traurige Gesicht
Als irrer Außenseiter gilt der Romanheld Don Quijote, der sich mit der Lanze sogar an Windmühlen wagt. Flossen Charakterzüge des Autors in diesen gewaltigen Narren ein?Erfolglos gegen Windmühlen: Don Quijote und Sancho Pansa in einer Illustration von Gustave Doré.
Dort warten Abenteuer, doch keine grundsätzliche Überraschung: Die Welt da draußen ist tatsächlich die Welt der Ritterbücher. Denn warum sollen Windmühlen keine bösen Riesen sein, warum ein Wirtshaus keine Burg und Huren keine Edelfräulein?
Wer sagt uns, dass es anders ist? Ansichten lokaler Mehrheiten sind schließlich keine Beweise. Wer ist man überhaupt? Bei Cervantes, dem Verfasser des Don Quijote, sind zumindest die Fachleute einig: ein caballero de armas y letras (etwa: Ritter des Schwertes und der Feder). Klingt nett, sagt aber wenig.
Jede Menge Erfahrung
Aus den überlieferten Dokumenten geurteilt war dieser Cervantes der Reihe nach: Jesuitenschüler, Theaterfan, Student, jugendlicher Dichter, Duellant, Flüchtling, Sekretär, Soldat, Sklave in Algier, Beamter, Strafgefangener wegen Schulden, wieder Flüchtling, noch einmal Gefangener - am Ende ein mittelloser alter Mann ohne linke Hand aber mit jeder Menge Erfahrung.
Die Hand haben sie ihm 1571 bei Lepanto weggeschossen, in der Seeschlacht gegen die Türken. Das Heldenstück muss wohl auch Glanzstück seines Lebens gewesen sein. In den Romanen, er schrieb ja weitaus mehr als nur den Don Quijote, ist es, wie ein Flashback, immer wieder da.
Miguel de Cervantes Saavedra (1547 bis 1616), Verfasser des Don Quijote.
Wer lebt wie Don Quijotes Schöpfer, der erlebt viele Welten. Da können andere kommen, die ihre Hintern nie aus ein- und demselben Dorf, derselben Stadt, derselben Gegend fortbewegen, und meinen, dass es nur eine Wirklichkeit gebe.
Irgendwann wird für den richtigen caballero die Sache relativ: Irgendwann muss, zum Beispiel, der feine Unterschied zwischen Huren und Edelfräulein verschwinden. Warum nicht auch der grobe zwischen Windmühlen und Riesen?
Glanzhelles Licht
Dramatische Folgen sind unausweichlich: Wer so denkt, bindet mit der Welt an, wird "eines Besseren belehrt", verlacht, verbläut. Aber bleibt der Ritter von der traurigen Gestalt (im spanischen Original: "vom traurigen Gesicht") sich treu, wirft der Verlauf seiner Abenteuer ein glanzhelles Licht auf die Realität.
Don Quijote reitet in eine Burg (Wirtshaus), der Burgherr (Wirt) klärt ihn auf, dass auch fahrende Ritter Geld bei sich zu führen haben, obwohl das nicht in den einschlägigen Büchern steht...
Die zwangsverkleideten Figuren müssen ihre Wahrheit verraten; die Don Quijotes verharren von ihrer Narrheit gut gedeckt. So gibt das Buch ein Handlungsmuster vor - gern kopiert in trüben Zeiten: Don Quijote, der Urtyp des Dissidenten?
Müde, verdroschen und weise
Zu Unrecht gilt Don Quijotes Kampf gegen Windmühlenflügel als Bild für vergebliches Tun. Will jemand nämlich "abenteuerlich und tugendsam" leben, stehen ihm an jeder Ecke Windmühlen im Weg, hin und wieder auch Hammelherden, wie "mächtige Heere". Und es ist die "blutige Schlacht" zu bestehen gegen etliche Schläuche roten Weins.
Wer dann heimkehrt, müde, verdroschen und weise, der nehme ein dickes Ritterbuch zur Hand - oder schreibe eine Parodie! So lässt sich’s als Ex-Narr, guter Christ und kluger Mensch sanft hinüberschlummern.
Michael Schmittbetz (27.05.2004)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Ritter | ![]() |
Infobox
Zahllose kuriose Abenteuer...
muss der sinnreiche Ritter Don Quijote de la Mancha, Held des gleichnamigen Romans von Miguel de Cervantes Saavedra (1547 bis 1616), überstehen. Am bekanntesten wurde sein Kampf gegen die Windmühlenflügel, die der verschrobene Kleinadlige für Arme böser Riesen hält. Der erste Teil des Romans erschien 1605, der zweite zehn Jahre später, noch im Goldenen Zeitalter des spanischen Imperiums.
Als festen Bestandteil der Weltliteratur betrachteten zuerst die deutschen Romantiker den Don Quijote. Nach Ludwig Tiecks Übersetzung (1799 bis 1801) faszinierte deutsche Leser vor allem Cervantes' Erzähltechnik, also die in sich selbst gebrochene, ironische Form. Miguel de Cervantes schrieb vermutlich wenigstens den zweiten Teil des Buches im Gefängnis, wo er eine Haftstrafe wegen Unterschlagung abbüßen musste.
muss der sinnreiche Ritter Don Quijote de la Mancha, Held des gleichnamigen Romans von Miguel de Cervantes Saavedra (1547 bis 1616), überstehen. Am bekanntesten wurde sein Kampf gegen die Windmühlenflügel, die der verschrobene Kleinadlige für Arme böser Riesen hält. Der erste Teil des Romans erschien 1605, der zweite zehn Jahre später, noch im Goldenen Zeitalter des spanischen Imperiums.
Als festen Bestandteil der Weltliteratur betrachteten zuerst die deutschen Romantiker den Don Quijote. Nach Ludwig Tiecks Übersetzung (1799 bis 1801) faszinierte deutsche Leser vor allem Cervantes' Erzähltechnik, also die in sich selbst gebrochene, ironische Form. Miguel de Cervantes schrieb vermutlich wenigstens den zweiten Teil des Buches im Gefängnis, wo er eine Haftstrafe wegen Unterschlagung abbüßen musste.



