Perspektive Abrissbirne?
Zu Anfang der 1970er Jahre startete in der DDR ein groß angelegtes Programm. Bis zur Wende entstanden rund eine Million Wohnungen in den Plattenbausiedlungen am Rande der Städte.Leipzig - im November 2007: Die Platte am Brühl weicht der Abrissbirne.
Besser, schneller, billiger
Als ideal wurde die "Platte" allerdings auch damals nicht empfunden. Dennoch war eine "Neubauwohnung" heiß begehrt. Wie kam es zu solcher scheinbar widersprüchlichen Haltung? Antworten liefert ein Blick auf Historie, Wirtschaft und Ideologie der DDR. Während noch zu Lebzeiten des sowjetischen Diktators Stalin der "Zuckerbäckerstil", also teure, dem Neoklassizismus nachempfundene Wohnbauten wie auf der Berliner Karl-Marx-Allee angesagt waren, änderte sich dies nach Stalins Tod im Jahr 1953 schnell. Sein Nachfolger Chruschtschow gab neue Richtlinien aus: besser, schneller, billiger! Ein Motto, das Walter Ulbrichts Wirtschaftsplanern nur recht war, verschlangen die pompösen Prestigebauten doch viel zu viel Geld.
Lange Wartezeiten
Der sozialistische Gedanke der Gleichheit stärkte das Konzept des billigen Plattenbaus: Die sozialen Schichten sollten sich sowohl in Bildung, im Einkommen, als auch hinsichtlich der Wohnqualität einander annähern. Dass manches individuell Wünschenswerte dabei übergangen wurde, interessierte nicht weiter - groß war die Wohnungsknappheit, und groß war dementsprechend auch die Begeisterung, rückte die Kommunale Wohnungsverwaltung, nach meist jahrelanger Wartezeit, eine der begehrten Wohnungen mit Fernheizung, Bad und Innen-WC heraus.
Dresden-Johannstadt heute: was einst Wohnträume waren, ist jetzt eher trist.
Alle Vorteile des Wohnens in der DDR blieben den schon nahezu "privilegierten" Neubau-Mietern uneingeschränkt erhalten: Der Mieter galt als unkündbarer Quasi-Eigentümer, ob er nun pünktlich seine Miete zahlte oder nicht, die Mietpreise waren per Gesetz auf dem Stand von 1936 eingefroren. Eine Achtzig-Quadratmeter-Wohnung kostete um die siebzig Mark. Dazu gesellten sich - wenigstens auf dem Reißbrett - noch weitere Vorteile: Die Siedlungen, gedacht als urbane Mikrokosmen, boten eigens errichtete Gaststätten, Ladenzentren, Jugendclubs, Kinos, Kindergärten, Schulen und vieles mehr. Es war ein Programm der Rundum-Betreuung, konzipiert für Familien, in denen alle Erwachsenen vollbeschäftigt waren.
Uniforme Städte
Immer mehr Menschen standen in langen Schlangen vor den Wohnungsverwaltungen oder warteten oft Jahre, um in die Häuser des Typs P2 zu ziehen, die in den 1960ern und Anfang der 1970er den Standard bildeten. Erst mit den neuen Siedlungen der weiter entwickelten Baureihe WBS 70 kam man der angestrebten Lösung des Wohnungsproblems, wie auf dem VIII. Parteitag der SED im Jahr 1971 verkündet, ein Stück näher. Oft aber ging das auf Kosten von Qualität: Uniforme Schlafstädte entstanden, in denen die einst geplanten Einrichtungen des Umfelds dem Kostendruck zum Opfer fielen.
Balkon-Wettbewerbe
Bemerkenswert war die Findigkeit, mit der viele "Quasi-Eigentümer" auf das triste Grau in Grau reagierten: Balkon-Wettbewerbe brachen aus, teils offiziell gefördert, die den einheitlichen Fassaden Farbe gaben. "Hausgemeinschaften" kümmerten sich um Eingangsbereiche, Gemeinschaftsräume, Parkplätze und kleine Gärten. Es war eine Solidarität unter Bedingungen der Knappheit...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Plattenbau | ![]() |
Infobox
Zahlen und Fakten
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch im Osten Deutschlands große Wohnungsnot. 50 Prozent der Städte waren zerstört, 25 Prozent des Wohnraums vernichtet sowie weitere 16 Prozent stark beschädigt.
Die Lösung des Problems waren schnell und billig produzierte Plattenbauten. Die durchschnittliche Fläche der Wohnungen war mit 62 Quadratmetern im Vergleich zum Westen mit 69,2 Quadratmetern eher klein. Jeder Ostbürger wohnte im Schnitt auf 28 Quadratmetern, während die Menschen im Westen auf 36,8 Quadratmetern lebten.
Rund ein Drittel der gut drei Millionen von 1950 an erbauten Wohnungen liegen in einer der 125 Großsiedlungen. In den 225.700 Plattenbauten stehen heute um die 300.000 Wohnungen leer.
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch im Osten Deutschlands große Wohnungsnot. 50 Prozent der Städte waren zerstört, 25 Prozent des Wohnraums vernichtet sowie weitere 16 Prozent stark beschädigt.
Die Lösung des Problems waren schnell und billig produzierte Plattenbauten. Die durchschnittliche Fläche der Wohnungen war mit 62 Quadratmetern im Vergleich zum Westen mit 69,2 Quadratmetern eher klein. Jeder Ostbürger wohnte im Schnitt auf 28 Quadratmetern, während die Menschen im Westen auf 36,8 Quadratmetern lebten.
Rund ein Drittel der gut drei Millionen von 1950 an erbauten Wohnungen liegen in einer der 125 Großsiedlungen. In den 225.700 Plattenbauten stehen heute um die 300.000 Wohnungen leer.
Infobox
Projekt Stadtumbau
In einem vom Bund geförderten Projekt zum Thema "Stadtumbau Ost - für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen" haben Claus Asam, der am Institut für Erhaltung und Modernisierung von Bauwerken (IEMB) an der Technischen Universität Berlin forscht, und der Architekt Hervé Biele die Wiederverwendbarkeit der "Platte" untersucht.
Es hat sich herausgestellt, dass deren Betonteile sich sehr gut für den Bau neuer Eigenheime eignen und auf solche Weise sogar bis zu vierzig Prozent der Rohbaukosten eingespart werden können. Rohbaukosten machen ungefähr die Hälfte der Gesamtbaukosten aus. Ein Unternehmen aus Berlin-Kreuzberg, dessen Kopf der Architekt Hervé Biele ist, hat sich auf die Planung und Montage dieser Recyclinghäuser spezialisiert.
Der Bau eines schlüsselfertigen Niedrigenergie- Hauses mit zweihundert Quadratmetern Wohnfläche, teilunterkellert, ausgestattet mit Satteldach und Laminatboden, beläuft sich laut Kostenplaner auf rund 220.000 Euro. Erheblich preiswerter als ein Leichtbauhaus ist die recycelte "Platte" also nicht, verglichen mit anderen Betonbauten ist sie dennoch günstig.
In einem vom Bund geförderten Projekt zum Thema "Stadtumbau Ost - für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen" haben Claus Asam, der am Institut für Erhaltung und Modernisierung von Bauwerken (IEMB) an der Technischen Universität Berlin forscht, und der Architekt Hervé Biele die Wiederverwendbarkeit der "Platte" untersucht.
Es hat sich herausgestellt, dass deren Betonteile sich sehr gut für den Bau neuer Eigenheime eignen und auf solche Weise sogar bis zu vierzig Prozent der Rohbaukosten eingespart werden können. Rohbaukosten machen ungefähr die Hälfte der Gesamtbaukosten aus. Ein Unternehmen aus Berlin-Kreuzberg, dessen Kopf der Architekt Hervé Biele ist, hat sich auf die Planung und Montage dieser Recyclinghäuser spezialisiert.
Der Bau eines schlüsselfertigen Niedrigenergie- Hauses mit zweihundert Quadratmetern Wohnfläche, teilunterkellert, ausgestattet mit Satteldach und Laminatboden, beläuft sich laut Kostenplaner auf rund 220.000 Euro. Erheblich preiswerter als ein Leichtbauhaus ist die recycelte "Platte" also nicht, verglichen mit anderen Betonbauten ist sie dennoch günstig.



