Der Reichstagsbrand
Im Februar 1933 brennt der Reichstag, kurz darauf wird ein Verdächtiger festgenommen. Hat er alleine gehandelt? Was ist heute bekannt über die Umstände des Brandes?Berlin, 27. Februar 1933: Der Reichstag brennt. (Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License)
Selbstmord der Demokratie
Vier Wochen sind vergangen, seit Hitler die Kanzlerschaft übernommen hat. Auf legale, parlamentarische Weise war das geschehen: Die deutsche Demokratie hatte sich selbst den Todesstoß versetzt. Doch immer noch gibt es politische Parteien mit ihren Kampfverbänden; es gibt Gewerkschaften und Organisationen verschiedenster Couleur. Noch ist der Weg zur "Gleichschaltung", zur Okkupation der totalen Macht nicht geebnet.
Verhaftungslisten im Safe
Mit Hindenburg steht ein zögerlicher Reichspräsident an der Spitze dessen, was von der Weimarer Republik übrig geblieben ist. Wie so oft wirkt aber auch Hitler seltsam entschlusslos: Ohne seinen Getreuen eine Strategie präsentieren zu können, vertraut der "Führer" scheinbar allein auf sein Glück. Andere haben vorgearbeitet: Im Safe des preußischen Innenministers Herrmann Göring liegen schon die Femelisten. Kommunisten, Sozialdemokraten, Politiker der bürgerlichen Parteien, linke Schriftsteller - längst sind ihre Verhaftungen geplant.
Gespenst in Deutschland
Wie aber soll man dem "alten Herrn" Hindenburg die Zustimmung entwinden, steht hinter dem doch noch die Reichswehr? Wie schlagende Argumente finden, für jenes "Ermächtigungsgesetz", das dann im März durchgepeitscht wird und Hitler alle Vollmachten eines Diktators gibt? Und wie den großen Erfolg erzielen in der letzten Wahl, die Hitler der Rest-Demokratie noch einmal zugestehen musste? Die Lösung lag in der Luft: Ging da nicht ein Gespenst um in Deutschland, die Angst vor einem kommunistischen Putsch? Bis jetzt waren die roten Revolutionäre ja erstaunlich ruhig geblieben. Bereiteten sie still und heimlich etwas vor? Es wäre Hitler zupass gekommen.
"Nun aber heißt es handeln"
Wie es ihm zupass kam, was dann passierte, lesen wir in Goebbels' Tagebuch vom 27. Februar: "Lichterloh schlagen die Flammen aus der Kuppel. Brandstiftung! ... Über dicke Feuerwehr-Schläuche gelangen wir in die große Wandelhalle. Auf dem Wege dahin kommt uns Göring entgegen... Es besteht kein Zweifel, dass die Kommune hier einen letzten Versuch unternimmt... Nun aber heißt es handeln. Sofort verbietet Göring die gesamte kommunistische und sozialdemokratische Presse. Die kommunistischen Funktionäre werden in der Nacht dingfest gemacht... Nun können wir aufs Ganze gehen." Und sie gingen aufs Ganze, Schlag auf Schlag! Heute ist klar, wie übrigens auch schon damals, wer die Nutznießer des Reichstagsbrandes waren. Wer aber waren die Brandstifter?
Marinus van der Lubbe (1909 bis 1934): Im Prozess versank er weitgehend in Apathie.
Freispruch für die Funktionäre
Im September 1933, die große Welle der Verhaftungen ist längst vorbei, beginnt der Prozess vor dem Reichsgericht. Das agiert mit einer, wenn auch stark eingeschränkten Unabhängigkeit: Es spricht Lubbes Mitangeklagte - den Vorsitzenden der KPD-Fraktion Torgler und die drei bulgarischen Komintern-Funktionäre Dimitroff, Popov und Toneff - aus Mangel an Beweisen frei. Der Blamierte ist Innenminister Göring. Lubbe verurteilt man zum Tode und richtet ihn bald darauf hin.
Lubbe war nicht allein
Schon kurz nach dem Brand veröffentlicht ein Komitee unter Mitwirkung des kommunistischen Agitators Willi Münzenberg ein "Braunbuch": "Den Plan zur Brandstiftung ersann der fanatische Verfechter der Lüge und Provokation: Dr. Goebbels. Die Leitung der Aktion hatte ein Morphinist: Hauptmann Göring... Das Werkzeug war ein kleiner, halbblinder Lustknabe: Marinus van der Lubbe." So sind der Weltöffentlichkeit zwei Lesarten präsentiert: kommunistischer Putschversuch hier, nationalsozialistische Verschwörung dort. In einem Punkt allerdings stimmen beide Deutungen überein. Und dieser eine Punkt wird über Jahrzehnte hinweg so gut wie niemals angezweifelt: Lubbe war kein Alleintäter!
Ein Paukenschlag
Nach dem Krieg mühten sich Historiker in Ost und West, die These von der Nazi-Täterschaft zu zementieren. Gutachten wurden erstellt, Zeitzeugen befragt, Dokumente studiert. Doch mit dem Beginn der 1960er Jahre gab es den großen Paukenschlag: Der Amateurhistoriker Fritz Tobias schien nachweisen zu können, dass Lubbe allein - ohne Mittäter, Auftraggeber oder Mitwisser - die spektakuläre Aktion unternommen hatte.
Mehr als Kriminalgeschichte
Tobias legte das zunächst 1959/60 in einer Spiegel-Serie dar, und 1962 in einem dickleibigen Buch. Seine Auffassung setzte sich nicht kampflos aber stetig durch. Und ab den 1970er Jahren wussten wir es genau: Lubbe war doch allein! Könnten wir es damit nicht gut sein lassen? Die Geschichte des Nazireichs ist geschrieben; bekannt ist, was vorher und nachher geschah. Ein simpler Kriminalfall schien aufgeklärt. Aber der Reichstagsbrand war immer mehr als nur ein Stück Kriminalgeschichte: Seine Rekonstruktion legt in einem sehr weiten Sinn unseren Blick fest auf das Wesen nationalsozialistischer Herrschaft. Wie das?
Hermann Göring (1893-1946): im Prozess um den Reichstagsbrand gescheitert.
Organisation und Chaos
Vom "Chaos im Gleichschritt" war die Rede. Zusammengehalten worden sei das Ganze durch die "Intuition", die "Künstlernatur" des "Führers", der seine Paladine nach Belieben gegeneinander ausspielte. Joachim Fest hat hier mit seiner Biografie des Albert Speer viel beigetragen. Nichts also mit planvoll, stattdessen das Agieren im Chaos, das Ausnutzen günstiger Gelegenheiten als Herrschaftstechnik! Immer habe Hitler die Steilvorlagen seiner Gegner, manchmal auch - wie beim Reichstagsbrand - die des Zufalls genutzt. Sicher ist, dass jedes Gericht Verbrechen aus Gelegenheit anders werten würde als die gezielte, langfristig durchdachte Tat.
Eine passende These
Folglich steht auch die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen im System, bis hin zur personengebundenen Kriegsschuld, jeweils anders. Zur eher "distanzierten" Geschichtsschreibung passte die These von der Zufallstäterschaft des Marinus van der Lubbe. Wirklich, wir sollten es damit bewenden lassen. Sollten wir?
Wie Geschichte gemacht wird
Ende 1999 erschien in der Historischen Zeitschrift ein Artikel, der die Ergebnisse des Fritz Tobias in neues Licht rückt. Dessen Autoren Alexander Bahar und Wilfried Kugel berufen sich auf Dokumente, die erst seit der Wende 1989/90 frei benutzbar sind. Dazu gehören auch für Tobias und andere vor vierzig Jahren noch unzugängliche Akten des Reichstagsbrand-Prozesses von 1933. Der Vorwurf ist harsch: Um seine Alleintäterschafts-These zu stützen, habe Tobias Quellentexte manipuliert. Spätestens als im Jahr 2000 das Buch von Bahar und Kugel unter dem Titel Der Reichstagsbrand - Wie Geschichte gemacht wird erschien, brach ein Sturm los. War der Brand des Reichstags also doch geplant und von den Nazis in Szene gesetzt?
Was geht's uns an?
Der Kriminalfall Reichstagsbrand ist wieder offen. Und zur Debatte steht damit auch der bequemer gewordene Blick auf das Dritte Reich. So kann die Diskussion um persönliche Verantwortung, um die planvoll agierenden politischen Täter - wo und in welcher Zeit immer - eine schärfere Tonart bekommen. Ist es denn so ein Wunder? Wenn Kriege, überall auf der Welt, wieder führbar sind, uns näher rücken, dann stellt sich auch die Frage nach der Schuld konkreter Personen wieder in grellerem Licht. Die distanzierte, abgeklärte Sicht auf vergangene Ereignisse mag da manchem nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Was geht uns heute ein Kriminalfall aus den 1930er Jahren an? Sehr viel, denn Geschichte ist der wechselvolle Entwurf der Vergangenheit - aus den Bedürfnissen und Interessen der Gegenwart.
Michael Schmittbetz (27.02.2003)
Infobox
Der Brandstifter
1909: 13. Januar: Marinus van der Lubbe wird im holländischen Leiden geboren. Für längere Zeit lebt er in einem Heim für verwahrloste Kinder.
1924: Beginn einer Maurerlehre.
1925: Van der Lubbe schließt sich dem kommunistischen Jugendverband an. Bei einem Arbeitsunfall werden seine Augen verletzt.
1926-1928: Kontakte zur Kommunistischen Partei Hollands (KPH) und Gründung eines Pionier- verbands.
1929: Van der Lubbe schreibt Flugblätter und Streikaufrufe und tritt als Redner auf.
1931: April: Er will in die Sowjetunion wandern, kommt aber nur bis Berlin. Nach seinem Austritt aus der KPH engagiert er sich im niederländischen "Spartacus", wo er sich die Ideen des Anarchismus aneignet.
1933: Januar: Van der Lubbe erkrankt an Augentuberkulose. Mitte Februar: Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wandert er nach Berlin. 25. Februar: Er versucht drei Brandstiftungen an öffentlichen Gebäuden. 27. Februar: Um 21.27 Uhr wird er im brennenden Reichstag verhaftet. 21. September: Beginn des Prozesses. 23. Dezember: Er wird vom Reichsgericht zum Tode verurteilt.
1934: 10. Januar: Marinus van der Lubbe wird in Leipzig hingerichtet.
1924: Beginn einer Maurerlehre.
1925: Van der Lubbe schließt sich dem kommunistischen Jugendverband an. Bei einem Arbeitsunfall werden seine Augen verletzt.
1926-1928: Kontakte zur Kommunistischen Partei Hollands (KPH) und Gründung eines Pionier- verbands.
1929: Van der Lubbe schreibt Flugblätter und Streikaufrufe und tritt als Redner auf.
1931: April: Er will in die Sowjetunion wandern, kommt aber nur bis Berlin. Nach seinem Austritt aus der KPH engagiert er sich im niederländischen "Spartacus", wo er sich die Ideen des Anarchismus aneignet.
1933: Januar: Van der Lubbe erkrankt an Augentuberkulose. Mitte Februar: Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wandert er nach Berlin. 25. Februar: Er versucht drei Brandstiftungen an öffentlichen Gebäuden. 27. Februar: Um 21.27 Uhr wird er im brennenden Reichstag verhaftet. 21. September: Beginn des Prozesses. 23. Dezember: Er wird vom Reichsgericht zum Tode verurteilt.
1934: 10. Januar: Marinus van der Lubbe wird in Leipzig hingerichtet.


