Politik und Architektur
Symbolhaft steht das Haus in der Mitte Berlins für unsere Demokratie. Symbol ist es auch für verfehlte Versuche, Scheitern und neue Hoffnung, bis heute.Der Berliner Reichstag im Februar 2003.
"Gipfel der Geschmacklosigkeit"
Wirkliche Macht hatte das Parlament jedoch kaum. Der Kaiser konnte den Reichstag nach Belieben einberufen oder auflösen. Trotz - oder gerade wegen - der fast völlig machtlosen Stellung des Reichstags forderten seine Mitglieder ein repräsentatives Gebäude für ihre Tagungen. Bis zur Grundsteinlegung sollten dreizehn Jahre vergehen. Der Architekt Paul Wallot war aus dem entscheidenden Wettbewerb als Sieger hervorgegangen - für einen Entwurf, den Kaiser Wilhelm II. später "den Gipfel der Geschmacklosigkeit" nannte.
Viel Raum und weite Wege
1894 konnten die Parlamentarier endlich aus einem 23jährigen Provisorium - der umgebauten Königlichen Porzellanmanufaktur - in den Neubau umziehen: Plenarsaal für 397 Abgeordnete, Ausschussräume, Sitzungs- und Arbeitszimmer, eine Bibliothek - alles war geräumiger als früher, aber auch die Wege wurden weiter und das Restaurant ließ manchen Wunsch offen. Erst die Finanznöte des Ersten Weltkriegs steigerten die Bedeutung des Parlaments. Der so genannte "Burgfriede", bei dem alle Parteien Kriegskrediten zustimmten und ihre Konflikte während des Krieges nicht mehr öffentlich auszutragen versprachen, verblüffte nicht nur den Kaiser.
"Dem deutschen Volke"
Mehr noch, er gestand dem Parlament unter dem Druck der Umstände deutlich erweiterte Befugnisse zu: So benötigten künftige Kanzler nun das Vertrauen der Abgeordneten. Symbolhaft war folgender Akt: Die Inschrift "Dem Deutschen Volke" wurde 1916 angebracht, nachdem der Kaiser sich jahrelang dagegen gesträubt hatte. Freilich hätte er "Der Deutschen Einigkeit" den Vorzug gegeben.
Nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. wurde der Reichstag Mittelpunkt des politischen Geschehens in der neuen Republik. Auch wenn man sie die Weimarer Republik nannte, weil ihre verfassunggebende Versammlung 1919 dort tagte, wurden die politischen Geschicke - oder besser: Ungeschicke - der folgenden Jahre vom Berliner Reichstag aus gelenkt.
Versailles, Inflation, Krise
Die Jahre bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 waren turbulent. Der jungen Demokratie wuchs ihre Aufgabe über den Kopf, die Lasten des Vertrages von Versailles, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise zu bewältigen. Im Reichstag herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Keines der vierzehn Kabinette erlebte das Ende einer Wahlperiode; im Schnitt nach acht Monaten brachen die Koalitionen auseinander.
Opern-Parlament
Mit der Diktatur Hitlers verlor der Reichstag seine Bedeutung. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 zog das Parlament in die Kroll-Oper. Dort stimmten die Abgeordneten am 23. März dem Ermächtigungsgesetz zu - dem Freibrief für Hitler, das Parlament aufzulösen und alle Parteien außer der NSDAP zu verbieten. Das Ende der Sitzungen im Reichstag war zugleich auch das Ende der fragilen Demokratie in Deutschland. 58 Jahre sollte es dauern, bis wieder eine parlamentarische Sitzung im Reichstag stattfand.
Im neuen Zentrum
Nach dem Krieg wurde der Reichstag renoviert, war aber nicht mehr Ort großer politischer Veranstaltungen. Die konstituierende Sitzung des ersten gesamtdeutschen Bundestages am 20. Dezember 1990 markierte die Rückkehr des Parlamentarismus in den Reichstag. 1991 beschloss der Bundestag, seinen Sitz nach Berlin zu verlegen. Der Reichstag wurde das Zentrum des neuen Regierungsbezirks. Seit 1999 tagt nun das Parlament als zentrales Organ der Demokratie wieder im Reichtagsgebäude.
Jochen Bast (27.02.2003)
Infobox
Er sollte der...
"bedeutendste und dem Range nach hervorragendste Monumentalbau des deutschen Volkes" werden, so beschrieb die Deutsche Bauzeitung die Forderung der Parlamentsabgeordneten Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts nach einem repräsentativen Gebäude. Am 9. Juni 1884 wurde der Grundstein für den Reichstag gelegt.
Die Umsetzung erfolgte nach den Plänen von Paul Wallot (1841 bis 1912), der den zweiten Wettbewerb der Architekten gewonnen hatte. 39 Jahre tagte das Parlament dann im Reichstag - bis zum Brand am 27. Februar 1933. Zwischen 1961 und 1972 baute man das Gebäude nach Plänen von Paul Baumgarten wieder auf.
Nach der deutschen Vereinigung wurde 1992 ein neuer Wettbewerb ausgelobt: Der Ältestenrat entschied sich für den Entwurf von Sir Norman Foster. Der ließ vom alten Reichstag nur noch die Außenwände stehen und gab ihm ein neues Innenleben. Entstanden ist ein modernes Parlament in historischem Gewand.
"bedeutendste und dem Range nach hervorragendste Monumentalbau des deutschen Volkes" werden, so beschrieb die Deutsche Bauzeitung die Forderung der Parlamentsabgeordneten Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts nach einem repräsentativen Gebäude. Am 9. Juni 1884 wurde der Grundstein für den Reichstag gelegt.
Die Umsetzung erfolgte nach den Plänen von Paul Wallot (1841 bis 1912), der den zweiten Wettbewerb der Architekten gewonnen hatte. 39 Jahre tagte das Parlament dann im Reichstag - bis zum Brand am 27. Februar 1933. Zwischen 1961 und 1972 baute man das Gebäude nach Plänen von Paul Baumgarten wieder auf.
Nach der deutschen Vereinigung wurde 1992 ein neuer Wettbewerb ausgelobt: Der Ältestenrat entschied sich für den Entwurf von Sir Norman Foster. Der ließ vom alten Reichstag nur noch die Außenwände stehen und gab ihm ein neues Innenleben. Entstanden ist ein modernes Parlament in historischem Gewand.


