Hoffnungsträger
Die fleißigsten Tunnelbauer sind die Schweizer: etwa 2.500 Kilometer Wege verlaufen in dem Alpenland unterirdisch. Zwei Eisenbahnröhren, je 57 Kilometer lang, entstehen derzeit im Gotthardmassiv.1882 eröffnete - nach zehn Jahren Bau - der erste Gotthardtunnel (im Bild links). Ab 2016 sollen Züge durch den neuen Tunnel (rechts) rollen.
Cheops mal fünf
Was mehr als zweieinhalbtausend Bergleute, Sprengmeister und Ingenieure seit dem Anstich am 4. November 1999 geleistet haben, macht ihnen so schnell keiner nach: Etwa 24 Millionen Tonnen Gestein holten die Arbeiter aus dem Berg; das ist das fünffache Volumen der Cheops-Pyramide in Gizeh. Tunnel und Stollen mit einer Gesamtlänge von 151,84 Kilometer Länge haben sie in den Berg gesprengt und gebohrt.
Je nach Gestein ging das mal schneller, mal langsamer vor sich: An guten Tagen schaffte die Tunnelbohrmaschine über fünfzig Meter. In ungünstigem Baugrund machte man mit Sprengungen gerade einmal einen Meter am Tag gut. Der große Moment kam am 15. Oktober 2010, weniger als elf Jahre nach dem Anstich: Die Tunnelbohrmaschine "fraß" die letzten zwei Meter Gestein tief unterm Berg, der Durchbruch war geschafft.
Schienen, Weichen, Kabel
Nicht weniger aufwändig als der Tunnelbau ist der Innenausbau: Für die Bahntechnik werden 131.000 Kubikmeter Beton verbaut, 308 Kilometer Schienen verlegt, 43 Weichen eingerichtet, 153 Kilometer Fahrleitung installiert. Die Stromversorgung läuft über 3.200 Kilometer Kupferkabel, 2.631 Kilometer Glasfaserkabel stellen die Kommunikation sicher. Über rund 70.000 Datenpunkte wird die Tunnelleittechnik verlaufen, 417 Notrufsäulen werden bei Gefahr bereit stehen.
Alle acht Jahre verdoppelt
Selbstzweck, pure Jagd nach Rekorden, ist das alles natürlich nicht: Der Gotthard-Basistunnel ist ein wichtiger Baustein in der Schweizer Verkehrsplanung. Die Schweizer haben sich vorgenommen, den Schienenverkehr über die Alpen zu verbessern und die verstopften Straßen zu entlasten. Das ist auch nötig, denn der alpenquerende Güterverkehr auf der Straße hat sich zwischen 1980 und 1999 mehr als verfünffacht. Der Straßenverkehr durch die Alpen insgesamt verdoppelt sich alle acht Jahre. Auf der Schiene hingegen ist der Verkehr nur leicht angewachsen - der Transport per Eisenbahn ist bisher wenig attraktiv.
Steil und kurvig
Zwar gibt es bereits seit 1882 einen Tunnel durch den Gotthard: 15 Kilometer lang ist der Gotthard-Scheiteltunnel (siehe Infobox). Doch die Auffahrt ist steil und kurvenreich; schwere Güterzüge benötigen dafür Schiebe- und Zwischenloks, im Winter besteht Lawinengefahr, häufig sind Streckenteile gesperrt.
Der neue Gotthardbasistunnel, Abschnitt Faido: Nach Fertigstellung werden Züge mit 250 Kilometer pro Stunde durch den Tunnel rasen. (Bild: Cooper.ch; Creative Commons)
Mit dem neuen Tunnel soll alles besser werden. Er liegt rund 600 Meter tiefer als sein Vorgänger und ermöglicht das fast ebenerdige Durchfahren der Alpen. Mit bis zu 250 Kilometer pro Stunde sollen Personenzüge durch das lang gezogene S rauschen. Güterzüge können schwerere Lasten transportieren, zeitraubendes Rangieren mit zusätzlichen Loks entfällt.
Experten sagen voraus, dass die neue Bahnstrecke den Schienentransport von Gütern auf der Schweizer Nord-Süd-Achse nahezu verdoppeln wird. Und auch Passagiere können sich freuen: Die Reisezeit zwischen Mailand und Zürich verkürzt sich um eine Stunde auf zwei Stunden und vierzig Minuten.
Bis zu dreihundert Züge
Doch Schwierigkeiten nach der Fertigstellung sind bereits absehbar: bis zu dreihundert Personen- und Güterzüge sollen täglich in beiden Richtungen unterwegs sein. Behinderungen zwischen langsamen Schwerlastzügen und auf Pünktlichkeit angewiesenen Hochgeschwindigkeitszügen sind da nicht auszuschließen - und könnten die Vorteile der neuen Nord-Süd-Verbindung wieder aushebeln. Ob der neue Tunnel der Straße also tatsächlich Konkurrenz machen kann, wird erst die Zukunft zeigen.
Urte Paul (aktualisiert 18.07.2011)
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Infobox
Der Gotthard-Scheiteltunnel
Ende der 1860er Jahre waren Verkehrsverbindungen über die Alpen dank Bahnen und Tunnels in Österreich und Frankreich schon gut entwickelt. Die Schweiz allerdings drohte, vom lukrativen Geschäft des Nord-Süd-Verkehrs abgeschnitten zu werden.
Also machte man sich, mit internationaler Unterstützung, an die Umsetzung eines ehrgeizigen Vorhabens: Durch das Gotthardmassiv sollte ein 15 Kilomter langer Tunnel gegraben werden. Die Tunneltechnik stand noch am Anfang, doch es gelang, Fachleute zu gewinnen, die bereits an Projekten wie der Brennerbahn, der Schwarzwaldbahn und dem Fréjustunnel gearbeitet hatten.
Den Auftrag zum Bau der Gotthardbahn erhielt der Unternehmer Louis Favre; am 13. September 1872 begannen die Arbeiten am Tunnel. Nur langsam kam der Bau voran: Das Gestein erwies sich als härter als gedacht, immer wieder brach Wasser aus unterirdischen Quellen hervor, die Temperaturen von über 30 Grad Celsius bei unzureichender Belüftung setzten den Arbeitern zu.
Während einer zehnwöchigen Krankheit des zuständigen Vermessungsingenieurs Gelpke verfehlten die Arbeiter zudem die Bohrrichtung, so dass die Neigungswinkel der Tunnelröhren nicht mehr stimmten - zweihundert Meter Tunnel musste man aufgeben. Dem Unternehmer Louis Favre soll das eine "Herzkrise" beschert haben, er starb am 19. Juli 1879.
Der Durchbruch erfolgte am 28. Februar 1880, und als erstes reichten die Bergleute eine Kapsel mit dem Bild Louis Favres durch die Öffnung. Nur 22 Monate später fuhr die erste Lok durch den Tunnel; die offizielle Eröffnung feierte man am 23. Mai 1882. Der Gotthard-Scheiteltunnel war damals der längste Tunnel der Welt.
Mindestens ebenso spektakulär wie der Tunnel sind übrigens die Anfahrtsrampen: Auf der Nordrampe musste die Bahn einen Höhenunterschied von mehr als sechshundert Meter überwinden, auf der Südrampe waren es sogar mehr als achthundert Meter. Um das zu bewerkstelligen, entstanden zahlreiche Kehrtunnel und Schraubentunnel. Die Gesamtlänge aller Tunnel beträgt mehr als 32 Kilometer. Noch heute ruft die Gotthardbahn, dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst, Bewunderung hervor.
Ende der 1860er Jahre waren Verkehrsverbindungen über die Alpen dank Bahnen und Tunnels in Österreich und Frankreich schon gut entwickelt. Die Schweiz allerdings drohte, vom lukrativen Geschäft des Nord-Süd-Verkehrs abgeschnitten zu werden.
Also machte man sich, mit internationaler Unterstützung, an die Umsetzung eines ehrgeizigen Vorhabens: Durch das Gotthardmassiv sollte ein 15 Kilomter langer Tunnel gegraben werden. Die Tunneltechnik stand noch am Anfang, doch es gelang, Fachleute zu gewinnen, die bereits an Projekten wie der Brennerbahn, der Schwarzwaldbahn und dem Fréjustunnel gearbeitet hatten.
Den Auftrag zum Bau der Gotthardbahn erhielt der Unternehmer Louis Favre; am 13. September 1872 begannen die Arbeiten am Tunnel. Nur langsam kam der Bau voran: Das Gestein erwies sich als härter als gedacht, immer wieder brach Wasser aus unterirdischen Quellen hervor, die Temperaturen von über 30 Grad Celsius bei unzureichender Belüftung setzten den Arbeitern zu.
Während einer zehnwöchigen Krankheit des zuständigen Vermessungsingenieurs Gelpke verfehlten die Arbeiter zudem die Bohrrichtung, so dass die Neigungswinkel der Tunnelröhren nicht mehr stimmten - zweihundert Meter Tunnel musste man aufgeben. Dem Unternehmer Louis Favre soll das eine "Herzkrise" beschert haben, er starb am 19. Juli 1879.
Der Durchbruch erfolgte am 28. Februar 1880, und als erstes reichten die Bergleute eine Kapsel mit dem Bild Louis Favres durch die Öffnung. Nur 22 Monate später fuhr die erste Lok durch den Tunnel; die offizielle Eröffnung feierte man am 23. Mai 1882. Der Gotthard-Scheiteltunnel war damals der längste Tunnel der Welt.
Mindestens ebenso spektakulär wie der Tunnel sind übrigens die Anfahrtsrampen: Auf der Nordrampe musste die Bahn einen Höhenunterschied von mehr als sechshundert Meter überwinden, auf der Südrampe waren es sogar mehr als achthundert Meter. Um das zu bewerkstelligen, entstanden zahlreiche Kehrtunnel und Schraubentunnel. Die Gesamtlänge aller Tunnel beträgt mehr als 32 Kilometer. Noch heute ruft die Gotthardbahn, dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst, Bewunderung hervor.



