Die Atempause
Tages Arbeit, Abends Gäste!Saure Wochen, frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.
(Johann Wolfgang Goethe, Der Schatzgräber)
Seit Menschen in Gemeinschaften leben, begehen sie Feste. Das Phänomen ist also uralt und gehört zur sozialen Existenz wie Arbeit oder Sprache. Ethnologen und Historiker untersuchen seine vielfältigen Formen - und fragen nach dem Ursprung: Gab es so etwas wie ein erstes Fest, das Menschen irgendwann in grauer Vorzeit begangen haben? Der Satz des griechischen Philosophen Platon hilft da weiter, die "Atempause" des Festes sei "eine Gründung der Götter". Wirklich steckt die Wurzel des Festes im Glauben. Das erste Fest könnte ein Ausdruck des Dankes gewesen sein: für Jagdglück, für eine willkommene Geburt, vielleicht für das schlichte Überleben.
Übergänge, Wendemarken
Religiös verwurzelt sind aber keineswegs nur Feste, die schon am Namen als religiös zu erkennen sind. Ganz allgemein gliedern Feste ja die Zeit, verleihen Zeitabschnitten einen Sinn, der über das bloß Individuelle hinausweist: Übergänge, Wendemarken - sei es in Biografien oder im Lauf der Natur - nehmen Menschen seit jeher zum Anlass, sich dem Göttlichen, dem Universellen, zu öffnen. Besinnung ist Teil der "Atempause" - Besinnung, die wiederum Voraussetzung des Entstehens von Persönlichkeit ist.
Sicht auf die Welt
Wenn Ethnologen Sitten und Gebräuche von Völkern erforschen, kommen sie ohne den Blick auf dort übliche Feste nicht aus: Feste sagen viel über die für alle verbindliche Art, das große Ganze, die Welt, zu sehen. Als der Pharao Echnaton im 14. Jahrhundert v. Chr. die älteste monotheistische Religion der Menschheitsgeschichte etablierte, reformierte er als erstes Sinn und Ablauf der Feste. Gefeiert wurden nun nicht mehr die zahlreichen Gestalten des ägyptischen Götterhimmels, sondern einzig die Sonne. Ihr galt der Dank, den neue Feste zum Ausdruck brachten.
Umkehr der Ordnung
Aus den Beschreibungen, welche Völkerkundler oft ziemlich detailversessen liefern, ergibt sich aber noch keine echte Antwort auf die Frage nach dem Warum: Was suchen, was wollen Menschen, wenn sie Feste feiern? An dieser Stelle kommt der Begriff des Alltags in die Überlegung. Zum Alltag verhält sich der Beginn des Festes nämlich ungefähr so, wie die Feierabendglocke zum Fließbandjob. Während des Festes ruhen profane Tätigkeiten. Vorher strikt Untersagtes - wegzugehen aus der Routine, Hierarchien und eiserne Regeln zu durchbrechen - wird möglich. Man denke zum Beispiel an den Karneval, der von alters her das zeitlich begrenzte Umkehren sonst unverbrüchlicher Ordnung zum Inhalt hat...
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Infobox
Das lateinische festum - ein von profanen Tätigkeiten freigehaltener Zeitabschnitt - ist die sprachliche Wurzel des deutschen Wortes Fest. Verwandt ist der Begriff Feier (vom lateinischen feriae). Beides wiederum geht zurück auf fanum: das Religiöse. Trotz gleicher sprachlicher Herkunft ist es sinnvoll, Fest und Feier zu unterscheiden. Steht hinsichtlich des Festes der Exzess-Aspekt, das Rauschhafte, die Befreiung von den Zwängen des Alltags im Vordergrund, bilden Rituale das wesentliche Moment der Feier. Doch die Unterscheidung ist, wie Soziologen sagen, eher "idealtypisch" gemeint: Konkrete Ereignisse lassen sich nur mehr oder weniger der einen oder anderen Kategorie zuordnen. Weihnachtsfeier und Weihnachtsfest sind zwar verschiedene Dinge, können aber ineinander übergehen. Die Geburtstagsfeier hingegen ist eine Mischung aus Feier und Fest. Zum Beispiel für Firmenfeiern, mit teilweise offiziellem Charakter, sind auch deshalb gewisse Verhaltensregeln empfehlenswert: Tritt das "Rauschhafte" (im Sinne gesteigerten persönlichen Wohlgefühls) zu sehr hervor, sollte man lieber gehen.



