Über ein Jahrhundert ist dieser Katalog alt: Kein Weihnachten ohne Geschenke - das gilt bis heute. Was aber bleibt, wenn die Mittel fehlen?
Mangel im Überfluss
Haus Nummer 55 ist schwer zu finden. Ein kleines Schild weist in den Hof, weg von der Straße mit den sanierten Häusern. Auf dem Hof steht eine zweistöckige Baracke, vor dem Eingang parken zwei leere Transporter. Der tägliche Ansturm ist vorbei. Jetzt, am frühen Nachmittag, deutet wenig darauf hin, dass die Erfurter Tafel hier an sechs Tagen in der Woche Lebensmittel an ein paar Hundert Leute verteilt.Anonyme Spenderin
Sabine will nichts holen. Sie will etwas bringen: ein kleines Paket, gefüllt mit Süßigkeiten, Keksen und Kaffee. Die Idee ist vor einigen Wochen gereift, als die Erfurterin an den weihnachtlichen Geschenkstress gedacht hat, an die krampfhafte Suche nach DEM Geschenk für Verwandte und Freunde. Sabine hat beschlossen, dieses Jahr auszubrechen aus dem Teufelskreis von Erwartungen und Pflichterfüllung. Lieber will sie anonyme Spenderin sein und Fremden eine Freude machen.
"Schenken Sie sinnvoll!"
Die Möglichkeiten sind schier unüberschaubar: "Schenken Sie sinnvoll!" "Sparen Sie Zeit!" "Zeigen Sie Ihr soziales Engagement!" - Sätze, mit denen karitative Einrichtungen an so etwas wie Menschlichkeit appellieren. Menschlichkeit in Form von Onlinespenden zum Beispiel: Obendrauf gibt es dann die Spendenquittung für das Finanzamt. Ist die herkömmliche Form des Spendens (und Schenkens), ein Paket mit nützlichen Dingen zusammenzustellen, heute noch gefragt?
Schnell und unbürokratisch
Zu den wenigen Organisationen, die gern Sach- und Lebensmittelspenden entgegen nehmen, gehört Tafel e.V. In den letzten Jahren hat sich der gemeinnützige Verein in vielen deutschen Städten etabliert, auch in Erfurt. Weil Armut Realität ist, haben es sich die Tafeln zur Aufgabe gemacht, einen Teil vom Überfluss der Überflussgesellschaft einzusammeln und an Arme abzugeben - schnell und
Lagerraum der Erfurter Tafel - am Ende des Tages sind kaum noch Lebensmittel in den Regalen und Kisten übrig. (Foto: ys)
Obst, Käse und Milch
Den Besuchern ist die Tafel oft einzige Anlaufstelle für eine regelmäßige Versorgung mit Lebensmitteln. Hier bekommen sie das, was im Supermarkt ihr monatliches Budget überfordert: frisches Obst und Gemüse, Brot und Brötchen, Joghurt, Käse oder Milch. Auch wenn nicht jeden Tag von allem da ist, ist das Angebot abwechslungsreich und ausgewogen. Nur Fleisch ist Mangelware. Ohne verlässliche Sponsoren, wie Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte, wäre diese Versorgung kaum aufrechtzuerhalten...
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Infobox
Dass Schenken mehr ist als nur selbstloses Geben, dies hat schon der Ethnologe Marcel Mauss in seiner Abhandlung Die Gabe 1925 nachgewiesen. Als ein Urphänomen menschlicher Kontakte schließt der Akt des Schenkens neben dem Geben auch das Nehmen und Erwidern ein. Noch heute erinnern das sinnliche Darreichen, die feierliche Übergabe und die Dankesbezeugungen an das ritualisierte Zeremoniell in archaischen Gesellschaften, für die der wechselseitige Gabenaustausch eine Art Gesellschaftsvertrag war. Oft versicherten sich die Naturvölker damit dauerhaften Friedens. Auch wenn Geschenke mittlerweile nicht mehr über Krieg und Frieden entscheiden, sind sie nach wie vor mehr als bloße Gefälligkeiten. Geschenke dienen dazu, zwischenmenschliche Bindungen zu bewahren und soziale Beziehungen zu festigen. Welche Motivation auch immer hinter dem Geben stehen mag - es setzt ein Höchstmaß an Engagement und Aufmerksamkeit voraus; sowohl auf Seiten des Beschenkten als auch des Schenkenden. Denn eine Gabe wird meist erst dann als Geschenk geachtet, wenn sie vor allem eins widerspiegelt: Individualität.



