Porentief rein?
Schon Griechen und Römer nahmen die Körperreinigung sehr ernst. Im 19. Jahrhundert - die Cholera hatte Europa fest im Griff - entsann man sich des alten Wissens. Hygiene wurde Synonym für Prävention und Sauberkeit.Der Haltegriff im Bus, die Toilette im Büro oder der Einkaufswagen im Supermarkt: Händewaschen schützt vor Bakterien!
Gestörtes Verhältnis zum Körper
Sauberkeit und Hygiene spielen in der Gesellschaft eine besondere Rolle - in der Form, in der man sie heute kennt, allerdings erst seit knapp hundert Jahren. Dabei mischte Werbung entscheidend mit: Haushalt, Kleidung, Körper - alles hat porentief rein zu sein. Die Industrie will den Eindruck erwecken, dass weniger Sterilität und Sauberkeit die Gesundheit extrem bedrohen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Zeigt sich nicht gerade in übertriebener Reinlichkeit ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper?
Gesunder Schmutz?
Heute leiden Menschen unter Krankheiten, von denen man vor wenigen Generationen noch nicht das Geringste zu wissen schien. So mehren sich in den letzten Jahren Hinweise, wonach eine keimfreie Umgebung Allergien, Asthma oder Neurodermitis fördern könnte. Solche Überreaktionen des menschlichen Immunsystems entstünden, weil es unterfordert und die körpereigene Abwehr nicht ausreichend entwickelt sei.
Es gibt zwar strenge Hygienerichtlinien, doch noch immer sind Infektionen durch Krankenhauskeime ein großes Problem.
Frischwasser und Kanalisation
Schon in der Antike war bekannt, dass Sauberkeit und Gesundheit eng zusammenhängen. Griechen und Römer verfügten über Systeme der Kanalisation und Frischwasserzufuhr, über öffentliche Bäder und sogar Toiletten mit Wasserspülung. Doch mit dem Untergang des römischen Imperiums gerieten dessen Hygienestandards in Vergessenheit.
In offenen Rinnen
Zwar wusste man auch noch im Mittelalter die Vorzüge von Bädern und Latrinen zu schätzen. Aber während Körperhygiene weiterhin großgeschrieben wurde, häufte sich der Schmutz in den Straßen. In offenen Rinnen flossen Abwässer durch die Städte; Müll und Exkremente vermischten sich ungehindert mit dem Trinkwasser - gute Bedingungen also für die Ausbreitung von Seuchen. Mitte des 14. Jahrhunderts wütete die Pest in ganz Europa. Ihr fielen rund 25 Millionen Menschen zum Opfer, ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Die in der Stadt wie auf dem Land herrschenden unzureichenden hygienischen Verhältnisse förderten die Verbreitung der Seuche.
Die Pest (1898) von Arnold Böcklin: Vor der als Sensenmann personifizierten Pest gibt es kein Entrinnen. Rund 25 Millionen Menschen fielen der Seuche allein im 14. Jahrhundert zum Opfer.
Das Nicht-Wissen um die Ursachen der Erkrankung führte schließlich zu absurden Reaktionen in Bezug auf allgemeine Körperhygiene. Da man glaubte, die Krankheit würde durch aufgeweichte Poren der Haut in den Körper eindringen, galt Baden als schädlich. Eine dicke Schmutzschicht sollte den Körper vor Krankheiten schützen. Die "trockene Wäsche" wurde Gang und Gäbe: Saubere Tücher dienten dazu, sichtbare Körperstellen lediglich abzuwischen. In der Oberschicht und am Hofe ersetzte Parfüm das Waschen des Körpers.
Schwachstelle der Hygiene
Hygiene, im Sinne von Krankheitsvorbeugung und Sauberkeit, blieb in Europa lange Zeit auf der Strecke. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Unsitte, Exkremente durch das Fenster auf die Straße zu kippen, verboten. Dennoch blieb ungeklärtes, verschmutztes Wasser bis Mitte des 19. Jahrhundert die Schwachstelle der Hygiene - auch die Cholera konnte sich deshalb ungehindert ausbreiten...
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Infobox
Museum vom Menschen
Über fünf Millionen Besucher kamen 1911 zur ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung nach Dresden, entstanden aus der Initiative des Mundwasserfabrikanten Karl August Lingner (1861 bis 1916).
Gezeigt wurden rund vierhundert Objekte, darunter anatomische und mikroskopische Präparate, Abbildungen und Wachsabgüsse. Die Vermittlung von Wissen sollte die Besucher zu "gesundheitlichem Verhalten befähigen".
1912 ging aus der Ausstellung das Deutsche Hygiene-Museum hervor. Mit seinen allgemeinverständlichen Präsentationsformen förderte es entscheidend die Demokratisierung des Gesundheitswesens. 1930 bezog das Museum einen neuen Bau, in dem es noch heute seinen Sitz hat. Größte Attraktion ist seit 1934 der Gläserne Mensch, Leitobjekt und markantestes Exponat des Museums.
Nach 1933 gewannen ideologische Ziele die Vorherrschaft: Volksaufklärerischer Gedanke und moderne Vermittlungsmethoden wurden nun ganz und gar in den Dienst nationalsozialistischer Rassenideologie gestellt. Die Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 zerstörten das Museum zu achtzig Prozent.
Aber die Gesundheitsaufklärung ging weiter - in der DDR als "Gesundheitserziehung" verstanden, war sie allerdings auch nicht frei von ideologischen Einflüssen. 1991 erhielt das Hygiene-Museum eine neue Konzeption: Als "Museum vom Menschen" knüpft es nun mit zeitgemäßen Mitteln an innovative Ansätze der Gründerjahre an.
Über fünf Millionen Besucher kamen 1911 zur ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung nach Dresden, entstanden aus der Initiative des Mundwasserfabrikanten Karl August Lingner (1861 bis 1916).
Gezeigt wurden rund vierhundert Objekte, darunter anatomische und mikroskopische Präparate, Abbildungen und Wachsabgüsse. Die Vermittlung von Wissen sollte die Besucher zu "gesundheitlichem Verhalten befähigen".
1912 ging aus der Ausstellung das Deutsche Hygiene-Museum hervor. Mit seinen allgemeinverständlichen Präsentationsformen förderte es entscheidend die Demokratisierung des Gesundheitswesens. 1930 bezog das Museum einen neuen Bau, in dem es noch heute seinen Sitz hat. Größte Attraktion ist seit 1934 der Gläserne Mensch, Leitobjekt und markantestes Exponat des Museums.
Nach 1933 gewannen ideologische Ziele die Vorherrschaft: Volksaufklärerischer Gedanke und moderne Vermittlungsmethoden wurden nun ganz und gar in den Dienst nationalsozialistischer Rassenideologie gestellt. Die Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 zerstörten das Museum zu achtzig Prozent.
Aber die Gesundheitsaufklärung ging weiter - in der DDR als "Gesundheitserziehung" verstanden, war sie allerdings auch nicht frei von ideologischen Einflüssen. 1991 erhielt das Hygiene-Museum eine neue Konzeption: Als "Museum vom Menschen" knüpft es nun mit zeitgemäßen Mitteln an innovative Ansätze der Gründerjahre an.
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Tödliche Infektionen
Jedes Jahr ziehen sich etwa eine halbe Million Patienten in deutschen Kliniken eine so genannte nosokomiale Infektion zu. Die geschätzte Zahl jener Patienten, die wegen solcher Infektionen mit Krankenhauskeimen sterben, variiert dabei zwischen zehn- und sechzigtausend, da die Todesursache häufig nicht eindeutig auf eine nosokomiale Infektion zurückzuführen ist.
Gerade bei geschwächtem Immunsystem können Viren Wundinfektionen, Blutvergiftungen (Sepsis) oder andere Entzündungen auslösen. Das Einhalten von Hygienerichtlinien ist ein wesentlicher Schritt bei der Bekämpfung der Krankenhausinfektionen.
Und doch sind sie nicht wirklich zu verhindern, da sich kein regulärer Klinikbetrieb völlig keimfrei führen lässt. Millionenfach verteilen sich Keime, hinein gelangt mit Besuchern, Personal oder Patienten. Durch regelmäßige Desinfektion von Gegenständen und Räumen versuchen die Kliniken, das Problem in den Griff zu bekommen.
Jedes Jahr ziehen sich etwa eine halbe Million Patienten in deutschen Kliniken eine so genannte nosokomiale Infektion zu. Die geschätzte Zahl jener Patienten, die wegen solcher Infektionen mit Krankenhauskeimen sterben, variiert dabei zwischen zehn- und sechzigtausend, da die Todesursache häufig nicht eindeutig auf eine nosokomiale Infektion zurückzuführen ist.
Gerade bei geschwächtem Immunsystem können Viren Wundinfektionen, Blutvergiftungen (Sepsis) oder andere Entzündungen auslösen. Das Einhalten von Hygienerichtlinien ist ein wesentlicher Schritt bei der Bekämpfung der Krankenhausinfektionen.
Und doch sind sie nicht wirklich zu verhindern, da sich kein regulärer Klinikbetrieb völlig keimfrei führen lässt. Millionenfach verteilen sich Keime, hinein gelangt mit Besuchern, Personal oder Patienten. Durch regelmäßige Desinfektion von Gegenständen und Räumen versuchen die Kliniken, das Problem in den Griff zu bekommen.



