Der Autor als Jugendweihling, 1972: Man beachte die geputzten Schuhe und die zu kurze Schlaghose.
Jugendweihe 1972
Am schlimmsten war der Lachkrampf. Wenn irgendwo in der Reihe jemand zu kichern anfing, dann standen die Dinge schlecht. Es gab nur noch die Aussicht, mit angehaltenem Atem und purpurrotem Kopf nach vorn zu treten, ans Rednerpult, wo die Blumensträuße und Weltall-Erde-Mensch verteilt wurden. Jugendweihe in der DDR: Die Präsent-20-Anzüge klemmten und an den kurzen Kleidern der Mädchen steckte mit etwas Pech noch das Preisschild aus dem Exquisit-Laden."Seid Ihr bereit, für die große und edle Sache des Sozialismus zu kämpfen und zu arbeiten, so antwortet: Ja, das geloben wir!"
Zu viel Radeberger
Jugendweihe ist wie zehnmal Weihnachten, bloß ohne Baum. In diesem Punkt herrschte Einigkeit. Zu Hause warteten die Geschenke - und die vollzählige Verwandtschaft plus Patentante. Schön hingebaut lagen die Mitbringsel auf der Anrichte. Eine Ausnahme machte der Onkel aus Köln: Der hielt den neuen Kassettenrekorder im Schoß und im Schoß des Onkels sangen die Beatles. Am nächsten Morgen war die Stimmung mies. Zu viel Radeberger.
"Hat die Erde Brot für alle? Brüder seht die rote Fahne. Wie wird unser Vaterland im Jahr 2000 aussehen?"
Von 17,3 auf 97,4 Prozent
Die Teilnehmerzahl an der DDR-Jugendweihe stieg rasch: von 17,3 Prozent aller Vierzehnjährigen im Jahr 1955 auf 88,5 Prozent schon zehn Jahre später und auf 97,4 Prozent im Jahr 1985. Über 300.000 DDR-Bürger seien als ehrenamtliche Helfer an den Jugendweihe-Feiern aktiv beteiligt gewesen, schreibt heute ein Dr. phil. Klaus-Peter Krause vom Verein Jugendweihe Deutschland e. V. Der Initiationsritus Jugendweihe war flächendeckend, gehörte zum Alltag. Und er war das Sahnehäubchen. Offener Widerstand gegen die so verpackte SED-Ideologie galt als skurril. Gemecker gab es, wie fast immer, nach dem fünften Glas Bier. Der Onkel aus Köln meckerte nicht mit.
Junge Leute auf der Bühne: Bei Siebziger- Jahre-Partys wären sie wieder die Stars.
Was ist eigentlich ein Initiationsritus? Soziologen und Völkerkundler haben die Frage beantwortet: Symbolhaft nehme so ein Ritus vorweg, was den Heranwachsenden in kommenden Phasen seines Lebens erwartet. Das Ritual soll den Blick weiten und die Erfahrungen vorangegangener Generationen in gedrängter Form vermitteln. Ein Initiationsritus ist wie ein Schlüssel: Er passt in die Tür, hinter der sich die Geheimnisse des Lebens in Gesellschaft verbergen.
"Gezielt atheistisch und kirchenfeindlich"
"Die überwiegende Konfessionslosigkeit in den neuen Ländern ist eine Tatsache, auf die unsere Gesellschaft reagieren muss. Die wichtigste Ursache dafür, dass die meisten Jugendlichen hier weder für Konfirmation noch Firmung als traditionellem Initiations-Ritus in Frage kommen, liegt in der gezielt atheistischen und kirchenfeindlichen Politik der SED", meint Günter Nooke, CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag.
Kammer mit doppeltem Boden
Die Tür, zu der unser Schlüssel passte, führte in eine Kammer mit doppeltem Boden: Im oberen Fach steckten die hehren Parolen, wenig beachtet, aber hingenommen. Im unteren Fach lag der Kassettenrekorder des Onkels aus Köln. Mit Kirche oder Anti-Kirche hatte das nichts zu tun. Dafür allerlei mit Schizophrenie. Die war der Preis, den wir "Jugendweihlinge" aus vergangenen DDR-Jahrzehnten für eine schlampige Diktatur zu zahlen hatten, die uns weitgehend in Ruhe ließ, aber stetige Lippenbekenntnisse verlangte. Auch weil der Alltag, besonders sein privater Bereich, so schön unberührt blieb, fielen die Lippenbekenntnisse leicht. Und so erschien jede Verweigerung weltfremd, geradezu als Indiz einer gewissen Lebensuntüchtigkeit.
Nie wieder heucheln?
Wenn uns heute der Chef im Nacken sitzt, und im Kampf um den Arbeitsplatz wieder Doppelzüngigkeit und Überanpassung zweckmäßig erscheinen - dann könnten wir an unser missratenes Initiationsritual doch gelegentlich denken: Nie wieder heucheln. Ja, das geloben wir?
Michael Schmittbetz (10.04.2003)


