Vom Treiben der Römer
Viele Karnevalsbräuche haben ihren Ursprung in vorchristlichen Winter- und Frühlingsfesten. Im alten Rom gab es das Saturnalienfest, wo sich Herren und Sklaven gegenseitig beschenkten und miteinander feierten.Hoch ging es einst her auf den Stufen des Kapitols: die sieben tollen Tage machten den Römern sichtlich Spaß. (Gemälde von Antoine-François Callet)
Gräbt man nur tief genug, lässt sich hinter jedem christlichen Fest eine heidnische Ursprungsgeschichte entdecken. Vielerlei Bräuche, die heute eher unverständlich erscheinen, sind aus solchen vorchristlichen Wurzeln erklärbar. Keine Ausnahme macht da unser Karneval. Er geht zurück auf ein altes römisches Bauernfest: die Saturnalien.
Gleichheit und Glück
Ähnlich wie der Karneval, der für wenige Tage gewissermaßen paradiesische Zustände schafft, waren die Saturnalien der Erinnerung an ein längst vergangenes Zeitalter des Glücks gewidmet. Und wie beim Karneval finden wir auch dort schon das Prinzip der zeitweiligen Aufhebung aller sozialen Rangordnung: Sklaven und Herren sollen einander in Gleichheit begegnet sein; Ritter und Senatoren die Zeichen ihres Standes niedergelegt haben.
Würfelspiel und Wein
Die Reichen beschenkten die Armen, diese revanchierten sich dafür mit Disteln und Lorbeerblättern. Manches, was sonst striktem Verbot unterlag, war nun erlaubt: das Würfeln um Geld zum Beispiel, oder der süße Wein im Übermaß. Sigillaria (kleine Tonpuppen) und Kerzen schmückten Bäume und Sträucher an den Straßen. Im Zentrum des Trubels stand der Tempel des Saturn am Fuß des Kapitol. 497 v. Chr. errichtet, zählt er zu den frühesten römischen Bauwerken überhaupt. Kein Wunder, ist doch Saturn, Vater des Zeus, eigentlicher Gott der alten Römer.
Die Ruine des Saturn-Tempels in Rom.
Der antiken Mythologie zufolge floh Saturn, nachdem er von Jupiter (Zeus) gestürzt war, nach Latium. Der doppelköpfige Schutzgott Janus gewährte ihm Asyl. Saturn ließ sich auf dem Kapitol nieder, gab den dort lebenden Menschen Gesetze und begründete so eine neue Herrschaft: saturnia regia - das Goldene Zeitalter eben. Die römischen Saturnalien begannen am 17. Dezember, dem Einweihungstag des Tempels. Einem vom Staat gespendeten öffentlichen Mahl (convivium publicum) am ersten Tag präsidierte bereits der gewählte saturnalicus princeps, der Saturnalienfürst. Den Römern gefielen ihre Saturnalien so gut, dass sie sie immer weiter ausdehnten: Aus drei Tagen wurden unter Tiberius (42 v. Chr. bis 37 n. Chr.) vier; Caligula (12 n. Chr. bis 41 n. Chr.) hängte noch einen fünften Tag an. Schließlich feierte man das Fest vom 17. bis zum 23. Dezember.
Nicht nur bunte Fassade
Anders als unser Karneval, der lediglich eine bunte, fröhliche Fassade errichtet, hatten die Saturnalien tatsächlich etwas mit echter "Basisdemokratie" zu tun: Der zweite, vierte und sechste Tag waren dies comitiales, an denen die Bürger zu politischen Streitfällen ihre Stimme laut werden lassen konnten. Cicero hielt an einem solchen Tag (44 v. Chr.) seine Philippischen Reden gegen Marcus Antonius. Mehr als hundert Jahre später wurde am vierten Tag der Saturnalien gar ein unbeliebter Kaiser, Vitellius, auf dem Forum ermordet und in den Tiber geworfen. Moderne Büttenredner müssen also noch einen Zahn zulegen, wollen sie ihren antiken Vorbildern nacheifern.
Gemilderte Brunst
Der Liebe hingegen gebührte anhaltend am siebten Tag der Vorrang: Göttin Acca Larentia, wohl wegen ihrer lockeren Moral gelegentlich lupa (Wölfin) genannt, führte an eben diesem larentalia Regie. Viel Wein an den sechs Tagen zuvor mag da bei manchem Römer die wildeste Brunst schon gemildert haben. Weiß man doch, dass der saturnalicus princeps für viele auch rex bibendi (König der Trinkenden) hieß. Bona Saturnalia!
Michael Schmittbetz (23.01.2008)
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Infobox
Etwas Latein zum Karneval
Saturnalien: römisches Fest des Saturn (17. bis 23. Dezember)
Saturnalicus princeps: Saturnalienfürst, etwa wie unser Karnevalsprinz
Saturnalicus princeps: Saturnalienfürst, etwa wie unser Karnevalsprinz
Sigillaria: Tonpuppen, Geschenke zum Fest
Saturnia regia: das Goldene Zeitalter, dessen man festlich gedachte
Convivium publicum: ein öffentliches, vom Staat gespendetes Mahl
Larentalia: 6. sowie 7. Tag der Saturnalien, Lust und Liebe gewidmet
Rex bibendi: König der Trinkenden
Lupa: wilde Wölfin
Bona (oder Io) saturnalia!: Schöne, fröhliche Saturnalien!
Convivium publicum: ein öffentliches, vom Staat gespendetes Mahl
Larentalia: 6. sowie 7. Tag der Saturnalien, Lust und Liebe gewidmet
Rex bibendi: König der Trinkenden
Lupa: wilde Wölfin
Bona (oder Io) saturnalia!: Schöne, fröhliche Saturnalien!



