"Dass man sich wagt und rührt..."
Von Urangst und Urkonflikt, von Hoffnungen und Sehnsüchten erzählen Märchen. Sie seien die Geschichte unserer Seele, so der Psychoanalytiker und Autor Eugen Drewermann im Interview mit LexiTV.Eugen Drewermann, Psychoanalytiker und Autor, im Gespräch mit Lexi-Online.
Eugen Drewermann: Natürlich können wir die Märchen nicht mehr hören mit der Naivität von Kindern. Märchen verstehen, in ihrer Großartigkeit und in ihrer Abgründigkeit, bedeutet, sich selber kennen zu lernen und die Menschen an unserer Seite, sensibler zu werden für ihre Geschichte, für Gefühle, damit zu rechnen, dass in der Gegenwart sich vieles wiederholt, was in Kindertagen mal begründet wurde. Das alles macht die Märchen notwendig für uns, als Wegweiser, als Erziehungsmittel. Dies nicht sehen zu wollen bedeutet eine Art Verweigerung, genauer hinzusehen, was im Menschen, zwischen Menschen, wirklich passiert. Die Verweigerung, die Märchen zu verstehen, ist identisch mit der Scheu, Probleme, die man selber anderen schafft, die einem von anderen gemacht werden, durchzuarbeiten. Man fällt dann ziemlich schnell zurück ins Moralisierende: Ist die Hexe böse, so ist sie zu bestrafen; ist jemand ein Gnom, der verzaubert, der Ansprüche stellt, den schafft man am liebsten ab. Kurz: Wer die Märchen nicht begreift, gerät in Gefahr, sie in der Realität auf schlimme Weise aufzuführen.
LexiTV: Dies legt doch aktuelle Bezüge nahe.
Eugen Drewermann: Sagen wir mal so: Weil George W. Bush keine Ahnung hat, wie man die Bibel liest, weil er Mythen auf schreckliche Weise wörtlich nimmt, weil er sich fühlt als Märchenprinz im Kampf gegen das Böse, haben wir alles, was wir doch im Fortschreiten der Menschwerdung eigentlich überwinden wollten: die Todesstrafe, den Antiterrorkrieg, die Rechtfertigung der Gewalt. Kurz, wir haben das Märchenszenario in schlimmster Realität aufgeführt, weil wir die Märchen nicht verstehen.
LexiTV: Das Angenehme an meinem früheren Märchen-Empfinden war gerade diese saubere Trennung von Gut und Böse. Sie aber interpretieren das Böse ja weg! Ich denke etwa an die Mutter von Hänsel und Gretel, die ich intuitiv immer als erzböse empfinden würde. Und Sie erklären nun, dass da eine gequälte, verständlich handelnde Frau sei, jemand, der eigentlich in dieser Situation gar keinen Ausweg habe. Immerhin geht es ums Töten der eigenen Kinder. Nimmt man nicht, wenn man den handelnden Personen die Schuld nimmt, den Märchen die Unschuld?
Eugen Drewermann: Das stimmt ja so nicht. Der Buddha hat uns fünfhundert Jahre vor Christus gesagt: "Wohl gibt es Gutes und Böses, beides hat seine Ursache." Die Psychotherapie, aber auch das Christentum als Erlösungsreligion, bringen diese Dimension des Verstehens in die menschlichen Tragödien hinein. Es gibt kein Recht, Menschen zu verurteilen, mit Fingern auf sie zu zeigen, sie mit Pfui-Teufel weg zu jagen. Alle Menschen haben ihre Geschichte. Und was die Märchen erzählen, ist die Geschichte unserer eigenen Seele. Wir tragen sie alle in uns: Gnome, Riesen, die bösen Mütter, die guten Mütter, die Pechmarie und die Goldmarie... Wir sind all das. Aufgabe unseres Lebens ist nun, die verschiedenen Schattierungen zu integrieren, sie flüssig zu machen. Auf wieder kindliche Weise unschuldig werden wir damit nicht. Konsequent richtig ist, dass wir Schuldgefühle entwickeln an den zentralen Stellen, an denen es sich im Sinne von Ablösung lohnt, schuldig zu werden. Viele Menschen bleiben doch gebunden an die Vorgaben, die sie in Kindertagen übernommen haben: Die Kirche war richtig, in die sie geboren wurden, der Staat hatte seine Pflichten, die Verbände und Vereine hatten ihre Forderungen. Mehr musste man nicht tun, als weisungsgemäß sich zu fügen...
Teil 1: Märchen sind notwendig
Teil 2: Zweiwertige Logik?
Teil 3: Jedermanns Konstellation
Teil 4: Märchen als Offenbarung?
Teil 2: Zweiwertige Logik?
Teil 3: Jedermanns Konstellation
Teil 4: Märchen als Offenbarung?


