Terrakotta-Maske für eine Mädchenrolle: Nur Männer durften auf der Bühne agieren.
Maskeraden
Die Sonne strahlt über dem Theater von Thessaloniki. Chor und wenige Schauspieler führen die Tragödie auf. Schnell Gesicht, Haltung und Sprache verändernd, spielt ein und derselbe Mime den mächtigen König, den hoffnungsvollen Jungen, den Bettler am Wegesrand. Und niemanden wundert das...Talente ohne Rollenfach
Schon immer bargen sich Menschen hinter Masken: in der Urzeit für Jagd- und Fruchtbarkeitsrituale, im klassischen Griechenland dann gekonnt auf der Bühne. Es war heilige Handlung, von hohem politischem Wert. Regelrechte Multitalente verkörperten die unterschiedlichsten Protagonisten, sei es der strahlende Held oder die zänkische Alte. Rollenfächer, wie im modernen Schauspiel, kannte man nicht. Die Akteure wechselten einfach die Maske.
Trichter am Mundloch
Solche Masken waren einfach und dennoch ausdrucksvoll. Feine Details gab es da keine. Wichtig war, dass selbst der letzte Zuschauer in der obersten Reihe die Masken erkennen und die - meist wohlbekannten - Charaktere identifizieren konnte. Und, dass er die Dialoge verstand. Deshalb war das Mundloch jeder Maske mit einem Trichter versehen. So wurde der Schall verstärkt und kam auch auf den "billigen Plätzen" an.
"Ein Gesicht machen"
Schon die Griechen der Antike erkannten jene Verbindung, die zwischen einer Person und ihren Masken besteht. Die Maske hieß prósopon, wörtlich bedeutet das "ein Gesicht machen". Von prósopon stammt das lateinische persona her, das wir mit "durchtönen" übersetzen. Und das Wort persona gab schon im alten Rom die Grundlage ab für den Begriff Person, heute sagen wir: Persönlichkeit. Aber was haben diese Begriffe mit Masken zu tun, im weitesten Sinn, nicht nur auf dem Theater?
Was passiert mit dem Menschen hinter den Masken?
Selbstentwurf
Das tun unsere sozialen Masken heute auch. Unser Verhalten, unsere Erscheinung, kennzeichnet uns, nicht bloß als Lehrer, Arzt oder Kellner, sie zeigt vor allem, wer wir sein wollen - wie wir uns entwerfen. "Wir alle spielen Theater", behauptet der Soziologe Erving Goffmann in seinem gleichnamigen Buch von 1969. Was aber passiert mit dem Menschen hinter den Masken? Lässt der sich auf die sozialen Rollen, die er spielt und spielen muss, reduzieren? Gegen Ende des Mittelalters begann diese Frage für viele Menschen wichtig zu werden, im Zwanzigsten Jahrhundert, als das Repertoire der Rollen widersprüchlicher und reicher wurde, stellte sie sich mit äußerster Schärfe: Es ist die Frage der Individualität.
Modernes Verwirrspiel
Der österreichische Schriftsteller Robert Musil (1880 bis 1942) brachte es auf den Punkt: Keiner, so Musil, sehe heute mehr aus wie er aussehen sollte: der Kellner wie ein Arzt, der Büroangestellte wie ein Professor. Das einst übersichtliche Spiel der Masken sei zum Verwirrspiel geworden. Ist die soziale Maske, ihre klare Botschaft, also eher Sache von Gestern? Wohl kaum. Nur spielt der moderne Mensch so virtuos mit seinen Masken, komponiert aus Masken sein Ich wie ein Musikstück aus Noten, dass es dem antiken Tragöden, mit seinen rasanten Rollenwechseln, alle Ehre machen würde.
Blick in den Spiegel
Darin steckt Chance, hohe Kreativität - und darin steckt Gefahr: Wenn die Masken, die wir über- und nebeneinander tragen, irgendwann Lücken zeigen, wird jeder Blick in den Spiegel zum Höllentrip. Aber der Weg durch die Hölle ist der Preis, den wir für unser Spiel zu zahlen haben. Erst am Ende solcher Tour kommt die Einsicht, König, hoffnungsvoller Mensch und Bettler zu sein, auf einmalige Art. Ob das Ich doch mehr ist als die Summe der Masken?
Barbara Scheiter/Michael Schmittbetz (07.11.2004)
Infobox
Jede Kultur hat Konventionen, welches Gesicht wer in welcher Situation zeigen darf. In Mitteleuropa gilt noch immer die Maxime, dass ein Mann in der Öffentlichkeit nicht weint. Koreanische Männer hingegen lächeln in der Öffentlichkeit nur selten. Überhaupt bekunden Asiaten ihre Gefühle eher dezent. Deshalb gibt es dort sogar Kurse, in denen Menschen in Trance versetzt werden, um den Emotionen freien Lauf lassen zu können. Lateinamerikaner dagegen zeigen Gefühle meist überschwänglich. Aber ganz ohne Masken geht es wohl auch dort nicht ab.


