Brüchiger Boden
Zwischen häufig erzwungener Assimilation und dem Bewahren nationaler Identität liegt das Schicksal der Sorben. Eine Reise durch die Lausitz verknüpft Geschichte und Gegenwart.In den Bundesländern Brandenburg und Sachsen: Niederlausitz und Oberlausitz sind Siedlungsraum der Sorben.
Über Jahrhunderte ließ vielgestaltiger Anpassungsdruck, ließen wirtschaftliche Umstände die Zahl der Sorben, die bewusst mit ihrer Herkunft leben, kleiner werden. Das ist, trotz staatlicher Förderung, bis heute der Fall.
Vergangenheit im Museum
Wer die Lausitz von Norden nach Süden bereist, gelangt auf unterschiedliche Weise mit dem Sorbischen in Berührung: Im Spreewald ist die auffallende sorbische Volkstracht mit ihren prachtvollen weißen Seidenkleidern und dem ausladenden weiblichen Kopfputz wichtiger Teil des touristischen Angebots.
Rund zwei Millionen zahlende Besucher pro Jahr bewundern Tanzensembles und Trachtengruppen, und lauschen dem Fährmann, der zur Begrüßung einen niedersorbischen Spruch auf den Lippen hat. Vergangenheit existiert dort in Heimatmuseen, weniger in den Empfindungen der Menschen. Folklore ersetzt Tradition.
Sprache vor dem Aussterben
Aber je weiter südlich man kommt, um so alltäglicher und spürbarer wird das Dasein der kleinen nationalen Minderheit, deren slawische Ursprünge bis in die Epoche der Völkerwanderung reichen. Am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus zum Beispiel, dem einzigen Gymnasium, an dem die niedersorbische Sprache Unterrichtssprache ist, lernen heute fast siebenhundert Schüler.
Das scheint viel zu sein, gehen doch sorbische Institutionen von deutschlandweit nur noch rund siebentausend aktiven Sprechern dieser dem Polnischen verwandten Sprache aus. Und es weckt etwas Hoffnung angesichts düsterer Prognosen von Experten, die das Niedersorbische kurz vor dem Aussterben sehen.
Schaufelradbagger in der Lausitz: wo die Wunden unübersehbar sind.
Der Weg weiter nach Süden, zur brandenburgisch-sächsischen Landesgrenze hin, führt durch Landschaften, deren Wunden unübersehbar sind. Idyllische Dörfer wechseln mit zerstörter, auf lange Sicht ruinierter Natur. Der Braunkohleabbau hinterließ hier Krater und Wüsten.
Für die sorbische Minderheit bedeutete der flächenzehrende Tagebau eine "weiche" Vertreibung: Um Millionen Tonnen Kohle unter der Lausitzer Heide zu gewinnen, ließen Wirtschaftsfunktionäre der DDR Dutzende Dörfer schleifen, und boten den einstigen Landwirten Quartiere in Neubausiedlungen an.
Aus sorbischen Bauern wurden Arbeiter im Braunkohle-Kombinat Schwarze Pumpe. Mit dem Verlust des angestammten Landes ging der Verlust sorbischer Identität einher. Brüchig wurde der Boden, in dem das Sorbische wurzelt.
Erzwungene Assimilation
Brüchig geworden war zu jener Zeit längst auch die geistige Basis: Schon mit der Reformation, etwa ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, hatten Prozesse erzwungener Unterordnung unter die deutsche Mehrheitskultur eingesetzt.
Deutschsprechende Pfarrer und Lehrer sollten dem "Wendentum" den Garaus machen, den Anschluss an die "germanische Hochkultur" vorbereiten. Antisorbische Repression gewann an Schärfe bis zum vorläufigen Höhepunkt unter Reichskanzler Bismarck: dem Verbot der sorbischen Sprachen an allen Schulen 1875...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Sorben | ![]() |
Infobox
Sprachen und Namen
Bautzen = Budyšin
Cottbus = Chóśebuz
Hoyerswerda = Wojerecy
Senftenberg = Zły Komorow
Kamenz = Kamjenc
Weißwasser = Běła Woda
Obersorbisch, in der Oberlausitz, und Niedersorbisch, in der Niederlausitz, sind die beiden sorbischen Sprachen. An der Grenze beider Sprachgebiete, sehr grob übereinstimmend mit der brandenburgisch-sächsischen Landesgrenze, existiert eine Anzahl von Übergangsdialekten.
Sorbisch unterrichtet wird heute an 25 Grundschulen und mehreren weiterführenden Schulen, darunter je ein Gymnasium in Cottbus und Bautzen. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) senden monatlich Fernsehmagazine in den sorbischen Sprachen, außerdem gibt es mehrere Stunden regionales Hörfunkprogramm. Eine Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften ergänzt das Angebot.
Sorbisch unterrichtet wird heute an 25 Grundschulen und mehreren weiterführenden Schulen, darunter je ein Gymnasium in Cottbus und Bautzen. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) senden monatlich Fernsehmagazine in den sorbischen Sprachen, außerdem gibt es mehrere Stunden regionales Hörfunkprogramm. Eine Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften ergänzt das Angebot.
Anders als das Obersorbische mit rund 14.000 aktiven Sprechern, das wahrscheinlich das 21. Jahrhundert überdauern wird, könnte das Niedersorbische (rund 7.000 Sprecher) nach Expertenschätzung in zwanzig bis dreißig Jahren verschwunden sein. Die Wissenschaft zur Erforschung der sorbischen Sprachen heißt Sorabistik. Akademisch betrieben wird die Sorabistik in einem eigenen Institut an der Universität Leipzig.
Für Angehörige der sorbischen Minderheit sind je zwei Vor- und Familiennamen, einmal in Deutsch und einmal in Sorbisch, seit jeher selbstverständlich. Beispielsweise lautet der deutsche Name Schneider auf Sorbisch Krawc. Von der männlichen sorbischen Namensform leiten sich wiederum verschiedene weibliche Namensformen ab. Im Beispiel: (Frau) Krawcowa für die Ehefrau des Herrn Krawc, sowie (Fräulein) Krawcec für die (unverheiratete) Tochter von Frau Krawcowa und Herrn Krawc. In Ausweisdokumenten taucht lediglich der deutsche Name (hier: Schneider) auf.
Zweisprachig sind im sorbischen Sprachgebiet auch Orts- und Straßenbezeichnungen. Im Folgenden die sorbischen Namensformen für alle Orte, die im nebenstehenden Text erwähnt werden:
Bautzen = Budyšin
Cottbus = Chóśebuz
Hoyerswerda = Wojerecy
Senftenberg = Zły Komorow
Kamenz = Kamjenc
Weißwasser = Běła Woda



