Die Grundsatz-Knolle
Für die Industrie ist Kartoffelstärke ein wertvoller Rohstoff. Besonders viel davon enthält die Sorte Amflora. Die Knolle jedoch ist umstritten. Denn: Amflora kommt aus dem Gen-Labor.Trecker bei der Kartoffelernte: Etwa zehn Millionen Tonnen Kartoffelstärke erzeugen Europas Landwirte jährlich.
Gefragter Rohstoff
Und hier kommt der Vorzug der Amflora ins Spiel: Die Stärke der am Reißbrett der Gen-Designer entworfenen Knolle besteht zu 99 Prozent aus Amylopektin, fast ohne störende Amylose. Amylopektin taugt als Baustoff, als Dichtungsmittel, als Hartplastik, als Grundstoff für Arzneimittelkapseln. Es macht Garn fester und hält Klebstoff länger flüssig. Bereits heute erzeugen Europas Landwirte rund zehn Millionen Tonnen Kartoffelstärke pro Jahr. Schön, wenn sich diese gewaltige Menge, weil reiner, bald kostengünstiger - und umweltfreundlicher - verarbeiten lässt! Wo liegt das Problem?
Kunstgriff mit Risiko
Um die weitestgehend amylosefreie Amflora zu gestalten, haben schwedische Genforscher einen Kunstgriff ersonnen: Sie bauten das Gen für die Amylose-Synthese einfach noch einmal gespiegelt ins Kartoffel-Genom ein. Gen und Spiegelbild legen sich gegenseitig lahm.
Leider funktioniert der Kunstgriff nur mit einem so genannten Marker: Das Marker-Gen heißt hier nptll - und ist möglicherweise gefährlich: Es macht Organismen resistent gegen die Antibiotika Kanamycin und Neomycin. Kanamycin und Neomycin sind der Wirkstoff in zahlreichen Medikamenten gegen Tuberkulose. Kritiker fürchten, die gut gemeinte Amflora-Knolle könne, gelange sie irgendwie in die Nahrung, weltweit zur Ausbreitung von Tuberkulose führen.
Der Weg des Gens
An dieser Befürchtung entzündet sich nun der Streit: Immerhin könnte ja jemand essen, was nicht zum Essen gedacht ist, obwohl es scheußlich schmeckt; immerhin könnte sich das Amflora-Gen unkontrolliert verbreiten - und wie steht es überhaupt mit der bislang üblichen Praxis, industrielle Rückstände als Tierfutter zu verwenden?
Gutachter der europäischen Lebensmittelbehörde Efsa tendieren trotz allem zur Diagnose: ungefährlich. Der Ludwigshafener Chemieriese BASF, der die Forschung finanziert und in dessen Verantwortung die Genkartoffel vermehrt werden soll, schließt "Kollateralschäden" sogar rigoros aus: Was da verbreitet wird, und was nicht, könne man kontrollieren. Kritiker geben zu bedenken: Schon 2005 habe die holländische Firma AVEBE eine konventionell gezüchtete Kartoffel auf den Markt gebracht, die 99 Prozent Amylopektin enthalte. Niemand brauche Amflora, den gentechnischen Risikofaktor, außer natürlich BASF.
Sachfragen und Details
Beide Lager argumentieren nicht ohne Logik. Weil es vordergründig um Sachfragen geht, sollten wissenschaftliche Studien die Entscheidung bringen. Tatsächlich wurden seit 1996 - dem Jahr, in dem BASF erstmals Genehmigungsanträge verschickte - diverse Einzelfragen geklärt: Zum Beispiel legte der wissenschaftliche Dienst des Bundestages 2006 einen "Sachstandsbericht" zur "Verbreitung transgener Kartoffeln durch Vögel" vor. Ergebnis: Vögel fressen keine Kartoffelbeeren. So weit, so gut.
Mehr als fünftausend Kartoffelsorten sind durch herkömmliche Züchtung entstanden - darunter eine Kartoffel, die wie Amflora 99 Prozent Amylopektin enthält.
Allerdings, die Schwierigkeit steckt tiefer, sie ist zu finden im fundamentalen Charakter der Kontroverse: Ginge die Genkartoffel durch, hätte Europas Gentechnik-Lobby - nicht gerade erfolgreich im Fall Monsanto-Mais - endlich einen Fuß in der Tür!
Die schwer genießbare Knolle wird zum Politikum, den einen schmeckt sie, den anderen nicht. Europaweit wollen Gentechnik-Gegner Amflora-Felder verwüsten; Polizei zieht auf, wie um das im Mai 2009 genehmigte Versuchsfeld in Mecklenburg. Selbst entlang wirtschaftlicher Interessengruppen verlaufen Fronten: Vertreter der Stärkeindustrie - als Teil der Lebensmittelbranche - bangen um Absatz und Renommee. Amflora blüht in der politischen Debatte. Der Riss geht quer durch Parteien. Wissenschaftliche Klarheit ist unter solchen Umständen ein interpretierbares Ding.
Grüne Revolution und Frankenstein-Kartoffel
Das Projekt Amflora, meint BASF-Vorstand Stefan Marczinowski, sei "der Lackmustest, wie es in Deutschland und Europa um die Zukunft der Grünen Gentechnik bestellt ist." Der Manager fordert eine "neue grüne Revolution" - mit einem alten Argument: Angesichts weltweiten Bevölkerungswachstums müsse die landwirtschaftliche Produktivität innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten verdoppelt werden. Konventionelle Produktivitätssteigerungen um 1,6 Prozent jährlich reichten nicht aus.
Gentechnik-Gegner kontern, dass Hunger und Rohstoffknappheit primär Verteilungsprobleme seien. Erfolgreich setzen sie auf das Grauen - vor der Frankenstein-Kartoffel, vor Krankheiten, vor einer Destabilisierung des Ökosystems. Am 2. März 2010 hat die EU den Amflora-Anbau genehmigt; in Schweden, in Tschechien und in Deutschland wird die Knolle mittlerweile angebaut.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 01.02.2011)
Infobox
Gentechnik im Supermarkt
Lebensmittel, die gentechnisch veränderte (gv-) Organismen enthalten oder aus ihnen hergestellt sind, müssen entsprechend gekennzeichnet werden - so sieht es das Gesetz vor. Im Labor kreierte "Anti-Matsch-Tomaten", Bier mit gentechnisch optimierter Hefe, gv-Mais und gv-Soja gelangen demnach nur mit entsprechendem Hinweis ins Regal.
Allerdings, wer im Supermarkt nach solchen Produkten sucht, wird selten fündig. Hersteller wissen, dass genmanipulierte Lebensmittel nicht in der Gunst der Verbraucher stehen, und verzichten daher lieber auf alles, was der Kennzeichnungspflicht unterliegt.
Was der Verbraucher nicht ahnt: Dass auf einem Produkt nicht "Gentechnik" draufsteht, heißt noch lange nicht, dass es auch ohne Gentechnik hergestellt wurde! Lebensmittel, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen entstanden sind, aber keine Spuren davon enthalten, sind von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen. Nach Ansicht von Verbraucherschützern trifft das auf 50 bis 80 Prozent des Supermarktangebots zu!
Ein Beispiel: Futtermittel aus gv-Mais und gv-Soja werden heute vielerorts an Hühner, Rinder und Schweine verfüttert. Wer im Supermarkt Eier, Milch und Fleisch kauft, erfährt aber nicht, ob das Tier, von dem das Produkt stammt, gentechnisch verändertes Futter erhalten hat. Hersteller müssen das nicht angeben.
Ähnliches gilt für Stoffe, die Lebensmitteln zugesetzt werden (Aromen, Vitamine) oder die in der Herstellung zum Einsatz kommen (Enzyme). Auch sie können aus gv-Organismen gewonnen oder im Bio-Reaktor mit Hilfe genmanipulierter Mikroorganismen erzeugt worden sein. Ebenfalls ausgenommen von der Kennzeichnungspflicht sind "zufällige, technisch unvermeidbare" Beimischungen mit gv-Material bis zu einem Anteil von 0,9 Prozent der jeweiligen Zutat.
Für mehr Transparenz dem Verbraucher gegenüber soll das im Mai 2008 eingeführte Siegel "Ohne Gentechnik" sorgen, für das sich Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner stark gemacht hat. Produkte mit dem "Aigner-Logo" sind frei von gv-Zutaten und ohne die Hilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen entstanden.
Völlige Gentechnikfreiheit gibt es allerdings auch hier nicht: Rinder müssen lediglich die letzten zwölf Monate vorm Schlachten gentechnikfreies Futter gefressen haben, damit ihr Fleisch das Logo bekommt; auch für andere Tiere und tierische Produkte gelten solche Fristenregelungen; ebenfalls toleriert werden besagte "unvermeidbare" Beimischungen. Kritiker bezeichnen das Logo darum gern als "Mogelpackung" und "gesetzlich legitimierte Verbrauchertäuschung".
Einen anderen Weg der Verbraucherinformation geht Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation setzt auf freiwillige Verpflichtungen von Herstellern, auf Gentechnik in der Lebensmittelerzeugung zu verzichten. Ein Einkaufsratgeber gibt Auskunft darüber, welche Firmen gentechnikfrei produzieren, welche Firmen auf dem Weg dahin sind und welche Produzenten weiter mit Gentechnik arbeiten.
Lebensmittel, die gentechnisch veränderte (gv-) Organismen enthalten oder aus ihnen hergestellt sind, müssen entsprechend gekennzeichnet werden - so sieht es das Gesetz vor. Im Labor kreierte "Anti-Matsch-Tomaten", Bier mit gentechnisch optimierter Hefe, gv-Mais und gv-Soja gelangen demnach nur mit entsprechendem Hinweis ins Regal.
Allerdings, wer im Supermarkt nach solchen Produkten sucht, wird selten fündig. Hersteller wissen, dass genmanipulierte Lebensmittel nicht in der Gunst der Verbraucher stehen, und verzichten daher lieber auf alles, was der Kennzeichnungspflicht unterliegt.
Was der Verbraucher nicht ahnt: Dass auf einem Produkt nicht "Gentechnik" draufsteht, heißt noch lange nicht, dass es auch ohne Gentechnik hergestellt wurde! Lebensmittel, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen entstanden sind, aber keine Spuren davon enthalten, sind von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen. Nach Ansicht von Verbraucherschützern trifft das auf 50 bis 80 Prozent des Supermarktangebots zu!
Ein Beispiel: Futtermittel aus gv-Mais und gv-Soja werden heute vielerorts an Hühner, Rinder und Schweine verfüttert. Wer im Supermarkt Eier, Milch und Fleisch kauft, erfährt aber nicht, ob das Tier, von dem das Produkt stammt, gentechnisch verändertes Futter erhalten hat. Hersteller müssen das nicht angeben.
Ähnliches gilt für Stoffe, die Lebensmitteln zugesetzt werden (Aromen, Vitamine) oder die in der Herstellung zum Einsatz kommen (Enzyme). Auch sie können aus gv-Organismen gewonnen oder im Bio-Reaktor mit Hilfe genmanipulierter Mikroorganismen erzeugt worden sein. Ebenfalls ausgenommen von der Kennzeichnungspflicht sind "zufällige, technisch unvermeidbare" Beimischungen mit gv-Material bis zu einem Anteil von 0,9 Prozent der jeweiligen Zutat.
Für mehr Transparenz dem Verbraucher gegenüber soll das im Mai 2008 eingeführte Siegel "Ohne Gentechnik" sorgen, für das sich Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner stark gemacht hat. Produkte mit dem "Aigner-Logo" sind frei von gv-Zutaten und ohne die Hilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen entstanden.
Völlige Gentechnikfreiheit gibt es allerdings auch hier nicht: Rinder müssen lediglich die letzten zwölf Monate vorm Schlachten gentechnikfreies Futter gefressen haben, damit ihr Fleisch das Logo bekommt; auch für andere Tiere und tierische Produkte gelten solche Fristenregelungen; ebenfalls toleriert werden besagte "unvermeidbare" Beimischungen. Kritiker bezeichnen das Logo darum gern als "Mogelpackung" und "gesetzlich legitimierte Verbrauchertäuschung".
Einen anderen Weg der Verbraucherinformation geht Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation setzt auf freiwillige Verpflichtungen von Herstellern, auf Gentechnik in der Lebensmittelerzeugung zu verzichten. Ein Einkaufsratgeber gibt Auskunft darüber, welche Firmen gentechnikfrei produzieren, welche Firmen auf dem Weg dahin sind und welche Produzenten weiter mit Gentechnik arbeiten.
Infobox
Polymere...
chemische Verbindungen, die aus vielen identischen Bausteinen (so genannten Monomeren) bestehen. Oft bilden sie lange Molekülketten oder baumartige Strukturen, die in Knäuelform auftreten und daher eine hohe Elastizität aufweisen. Polymere, die in der Natur vorkommen, heißen Biopolymere - dazu gehören zum Beispiel die DNA, Eiweiße, Lipide und pflanzliche Stärke.
Künstliche Polymere, vor allem Kunststoffe, werden für zahlreiche Zwecke eingesetzt, unter anderem als Verpackungen, in Textilien und als High-Tech-Materialien. Durch Zusätze und Änderungen in der Zusammensetzung lassen sich die Eigenschaften solcher Polymere fast beliebig variieren: Farbe, Stärke, Elastizität, Gewicht, Feuerfestigkeit können im Labor "maßgeschneidert" werden.
chemische Verbindungen, die aus vielen identischen Bausteinen (so genannten Monomeren) bestehen. Oft bilden sie lange Molekülketten oder baumartige Strukturen, die in Knäuelform auftreten und daher eine hohe Elastizität aufweisen. Polymere, die in der Natur vorkommen, heißen Biopolymere - dazu gehören zum Beispiel die DNA, Eiweiße, Lipide und pflanzliche Stärke.
Künstliche Polymere, vor allem Kunststoffe, werden für zahlreiche Zwecke eingesetzt, unter anderem als Verpackungen, in Textilien und als High-Tech-Materialien. Durch Zusätze und Änderungen in der Zusammensetzung lassen sich die Eigenschaften solcher Polymere fast beliebig variieren: Farbe, Stärke, Elastizität, Gewicht, Feuerfestigkeit können im Labor "maßgeschneidert" werden.




