Höher, schneller, weiter
Bergsteigen ist längst nicht mehr, was es mal war: Seit der Erstbesteigung des Mount Everest haben sich Ausrüstung und Technik der Bergsteiger kontinuierlich verbessert. Doch der Sport hat seine Schattenseiten.Lager im Himalaja: zahllose Bergsteiger wagen sich auf die Gipfel - doch bleibt der Sturm auf die Berge nicht ohne Folgen.
Neugier und Entdeckerlust
Als Hillary und Norgay die "Muttergöttin der Erde", wie die Buddhisten den Berg nennen, bezwangen, war Bergsteigen noch Domäne von Abenteurern, verschrobenen Sonderlingen und Lebensmüden - zumindest in den Augen jener, die nicht auf Berge kraxelten.
Angezogen von der Faszination und Schönheit der Bergwelt, getrieben von Neugier und Entdeckerlust drängten Bergsteigerpioniere auf die höchsten Gipfel - oftmals unter Einsatz ihres Lebens. Mittlerweile jedoch, so kritische Stimmen, sei Bergsteigen zum Modesport, gar zum Mainstream verkommen. Immerhin zählt der Deutsche Alpenverein (DAV), der größte Bergsteigerverein der Welt, rund eine Dreiviertelmillion Mitglieder.
Trendiges Hobby
Ob Klettern, Bergsteigen oder Höhenwandern: heute sind die Berge ein Outdoor-Sportpark für die ganze Familie, was regelmäßig zu Massenanstürmen auf bestimmte Gebiete führt. Schließlich soll das trendige Hobby der Gesundheit, dem Wohlbefinden und dem Stressabbau dienen. Außerdem garantiert Bergsteigen einen hohen Fun-Faktor, mit dem Ergebnis, dass sich künstliche Trainingsanlagen und Klettersteige mehr und mehr in Außenposten der Vergnügungs- und Fitnessindustrie verwandeln. Nicht zuletzt ist da der massenhafte Hunger nach Gefahr und Nervenkitzel.
Neuseelands 5-Dollar-Scheine erinnern an Edmund Hillarys Pionierleistung am Mount Everest.
Der Berg ruft - und Scharen folgen dem Ruf. Um sich da aus der Schwemme von Hobbysportlern abzuheben, ist schon Besonderes gefragt. Und so nimmt die Jagd nach Rekorden, das Verlangen, die Leistungen vorheriger Generationen zu übertreffen, permanent zu. Kaum ein Berg eignet sich dafür so gut wie der Mount Everest: der erste Beinamputierte erreicht 1998 den Gipfel, der erste Blinde drei Jahre später. Mit dem jüngsten, ältesten oder schnellsten Gipfelstürmer wetteifern sie um Einträge ins Guinnessbuch der Rekorde.
Pioniere des Bergsteigens sehen diesen Trend kritisch: "Ich finde das alles ziemlich dämlich", sagte der im Januar 2008 verstorbene Edmund Hillary im Interview. "Die meisten dieser Leute sind nicht von Herzen Bergsteiger. Sie wollen bloß Aufmerksamkeit erregen."
Herausforderung und Wagnis
Und für diese Aufmerksamkeit genügt es nicht mehr, nur den Gipfel zu erreichen. Wichtiger ist, wie man ihn erreicht: sei es eine Besteigung auf bisher unbegangenen Routen, entlang gewaltiger Felswände oder im Alleingang. Noch gefährlicher, noch steiler, noch herausfordernder muss es sein - die Zukunft gehört dem gewagten Stil.
Dinosaurier der Bergsteigerszene
Verbesserte technische Standards machen es möglich: der Trend geht weg von der Belagerungsexpedition, hin zur Minimalausstattung. Die "Belagerung" eines Berges mit Trägern, Sauerstoff und Vorratslagern gilt als Dinosaurier in der Bergsteigerszene. Heute gibt der Alpinstil den Ton an, bei dem Bergsteiger ihre Ausrüstung komplett mit sich führen und auf Zwischenlager verzichten...
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Der Mount Everest wird auch als "Höchste Müllkippe der Welt" bezeichnet: Tausende leere Sauerstoffbehälter, zerfetzte Zelte, Dosen, Speisereste, kaputte Öfen und anderen Abfall haben unzählige Expeditionen zurückgelassen. Es gab zwar bereits Aufräumaktionen, doch liegen noch immer mehrere hundert Tonnen Zivilisationsdreck in eisigen Höhen. Ein wachsendes Problem sind auch die Exkremente, denn öffentliche Toiletten gibt es am Mount Everest nicht. Mittlerweile versuchen Tibet, Nepal und Indien diese Begleiterscheinungen zu reduzieren: der von jeder Expedition hinterlegte Müllpfand wird nur dann zurückgezahlt, wenn die gesamte Ausrüstung und sogar die Fäkalien aus dem Basislager wieder abtransportiert werden.



