Ruf nach Freiheit
Camping als Urlausbform und Massenbewegung ist noch keine einhundert Jahre alt. Vor allem weniger Betuchte fanden auf dem Zeltplatz preiswerte Erholung.Zeltplatz bei Berlin-Spandau 1939. Ein Zelt reichte aus, um dem Alltag zu entfliehen.(Foto: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
Recht auf Urlaub
Die Geschichte des Campings ist eng mit der Arbeiterbewegung verknüpft: 1903 hatten deutsche Arbeiter erstmals ein Anrecht auf drei Tage Urlaub im Jahr erstritten. In den Goldenen Zwanzigern kam schließlich auch etwas mehr Geld in die Taschen, was lag da näher, als kostengünstig mit einfachem Zelt in der Natur zu entspannen? Neben den wenigen Urlaubstagen nutzten Arbeiter vor allem die Wochenenden, um zelten zu gehen - die so genannte Wochenendbewegung entstand.
Freie Gemeinschaft
Zu zelten hieß, sich Freiraum zu schaffen. Stadt, Arbeit und grauen Alltag ausgeblendet, ließ sich am Wochenende Freiheit und Selbstbestimmung erleben - und bald auch Gemeinschaft. Denn schnell entwickelten sich feste Plätze im Umland der Städte, auf denen man gemeinsam zeltete. Wer sich in der Fabrik nur als unbedeutendes Rädchen fühlte, fand sich hier als Teil einer Gemeinschaft, die fast nur aus Arbeitern und Gleichgesinnten bestand. Arbeitervereine unterstützten die Wochenendbewegung, indem sie Wander- und Campingausflüge organisierten und politisch motivierte Sport- und Freizeitgruppen gründeten.
Raum für Neues
Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde der Zeltplatz für viele vollends zum Rückzugsort. Wer konnte, kam auf der Flucht vor dem tristen Alltag der Arbeitslosigkeit hierher. Nicht wenige waren gezwungen zu bleiben, da sie ihre Stadtwohnungen nicht mehr bezahlen konnten. Ein Leben auf dem Zeltplatz bedeutete auch, losgelöst zu sein vom gesellschaftlichen Alltag und von Verpflichtungen - es gab Platz und Zeit für neue Ideen. Viele politische Organisationen nutzten diesen Umstand zur "Erziehung" im Sinne ihrer Ideologien.
Zeltplatz der Hitlerjugend, um 1933. Das Versprechen auf Abenteuer lockte viele. (Foto: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
Der Nationalsozialismus trieb diese Entwicklung auf die Spitze: In der Hitlerjugend war das Zelten nunmehr nur noch Mittel zum Zweck: einerseits als Vorbereitung auf den Dienst im Militär, andererseits als ideale Umwelt für Indoktrination. Gelockt vom Versprechen auf freies und abenteuerliches Leben im Zelt, kamen Kinder zu Tausenden.
Abseits von Eltern, Alltag und gesellschaftlicher Kontrolle, flößten ihnen politisch ausgebildete Gruppenführer zwischen Spielen und Wehrertüchtigung nationalsozialistisches Weltbild und Führerprinzip ein. Auch das Camping der Erwachsenen fand unter Aufsicht des Führerstaates und dessen Urlaubsorganisation Kraft durch Freude statt.
Wachsender Markt
Mit dem Ende des Dritten Reiches und dem Beginn des deutschen Wirtschaftswunders sehnten sich Camper wieder nach möglichst unbeschwerter Freizeitgestaltung. In den 1950er Jahren gelangte nicht nur das Auto, sondern auch der Wohnwagen in die finanzielle Reichweite vieler West-Deutscher.
Besonders Frankreich und Italien erlebten daraufhin einen Strom deutscher Wohnwagentouristen. Bedenken, dass in beiden Ländern nur ein Jahrzehnt zwischen deutschen Panzer- und Wohnwagenkolonnen lagen, wurden vom wachsenden Tourismusmarkt verdrängt. Die finanziellen Anreize beschleunigten so nicht zuletzt auch die Normalisierung der Beziehungen zwischen den ehemaligen Kriegsparteien. In ganz West-Europa stampften Grundstücksbesitzer Campingplätze aus dem Boden.
Campingplatz in Neubrandenburg, 1975. Trotz bürokratischem Aufwand war Zelten auch in der DDR beliebt.
(Foto: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
(Foto: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
In der DDR blieb Camping in staatlicher Hand. Campingplätze gehörtem dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und staatlichen Kombinaten; Stellplätze mussten auf Monate im Voraus per Formular beantragt werden. Nichtsdestotrotz war auch in der DDR Camping eine der beliebtesten Freizeitgestaltungen.
Mit der Nachfrage nach Wohnwagen konnte die Planwirtschaft nie mithalten - Eigenbauten waren an der Tagesordnung. Nicht nur Bauteile und Ausrüstung handelte der Camper unter der Hand. Auch Stellplätze wechselten privat den Besitzer - teilweise feilschten ganze Kombinate miteinander.
Einfach mal weg
Auch heute, gut einhundert Jahre nach den ersten Zeltnern, wie sich die ersten deutschen Camper nannten, hat Camping nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Was einst Ausdruck der Arbeiter-Emanzipation vom grauen Fabrikalltag war, ist heute nur ein Freizeitangebot von vielen - oft nicht einmal das günstigste. Doch noch immer befriedigt Campen ein menschliches Bedürfnis nach Freiheit, ursprünglicher Selbstbestimmung und dem Losgelöstsein von gesellschaftlichen Verpflichtungen - und sei es nur für ein Wochenende.
Christian Fleck (04.06.2009)
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Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt...
heißt ein deutscher Film von Slátan Dudow und Bertolt Brecht aus dem Jahr 1932. Er spielt zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und zeigt den Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin als Rückzugsort armer und arbeitsloser Stadtbewohner. Der Film war politisch motiviert und sollte den Weg des Arbeiters aus dem Elend der Wirtschaftskrise in die Gemeinschaft des Zeltlagers zeigen, wo er sich schließlich mit anderen zusammenschließt, um für einen sozialistischen Umschwung zu kämpfen.
Während der gesamten Produktion musste sich das Filmteam gegen Repressionen wehren: NS-Schlägertrupps bedrohten die Dreharbeiten und die Zensurbehörden der Weimarer Republik verboten die erste Schnittfassung, da sie Armut und Elend der Menschen zu deutlich zeige und damit "den Reichspräsidenten, die Justiz und die Religion beleidigen" würde. Viele der Laiendarsteller des Filmes waren tatsächlich Bewohner des Zeltplatzes, die sich durch den Film einige Mark oder wenigstens ein warmes Essen verdienten.
heißt ein deutscher Film von Slátan Dudow und Bertolt Brecht aus dem Jahr 1932. Er spielt zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und zeigt den Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin als Rückzugsort armer und arbeitsloser Stadtbewohner. Der Film war politisch motiviert und sollte den Weg des Arbeiters aus dem Elend der Wirtschaftskrise in die Gemeinschaft des Zeltlagers zeigen, wo er sich schließlich mit anderen zusammenschließt, um für einen sozialistischen Umschwung zu kämpfen.
Während der gesamten Produktion musste sich das Filmteam gegen Repressionen wehren: NS-Schlägertrupps bedrohten die Dreharbeiten und die Zensurbehörden der Weimarer Republik verboten die erste Schnittfassung, da sie Armut und Elend der Menschen zu deutlich zeige und damit "den Reichspräsidenten, die Justiz und die Religion beleidigen" würde. Viele der Laiendarsteller des Filmes waren tatsächlich Bewohner des Zeltplatzes, die sich durch den Film einige Mark oder wenigstens ein warmes Essen verdienten.
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Urlaub unter der Hand
Zelten in der DDR war eine bürokratische Angelegenheit, Urlaub eine zentral verwaltete Dienstleistung. Hauptsächlich zuständig war der FDGB, der in beliebten Urlaubsgebieten Villen und Ferienheime zunächst mietete und später per Zwangsenteignung in Besitz nahm. Da der Plan "Urlaub für alle" vorsah, verteilte der FDGB so genannte Urlaubsschecks in den Betrieben, mit denen Arbeiter nur ein Drittel der Urlaubskosten selbst zahlen mussten - zwei Drittel zahlten Betrieb und Staat.
Vor dem staatlich finanzierten Urlaub stand allerdings die Genehmigung durch die für den Betrieb zuständige Gewerkschaftsleitung. Bald begannen größere Betriebe, eigene Ferienheime und Zeltplätze einzurichten. Auch private Clubs, Vereine oder einzelne Ortschaften legten mit der Zeit Campingplätze an. Alle Plätze mussten offiziell gemeldet sein, Stellplatzgenehmigungen gab es nur über eine zentrale Verwaltungsstelle.
Schnell entwickelte sich jedoch eine Art Tauschhandel - so war es üblich, dass etwa ein Kombinat in Karl-Marx-Stadt seinen Zeltplatz einem Betrieb in Polen überließ. Im Gegenzug durfte die deutsche Belegschaft auf einem polnischen Zeltplatz Urlaub machen. Auch privat wurde gehandelt - musste etwa eine Wasserleitung geflickt oder eine neue Laube verkabelt werden, erhielt der privat herbeigerufene Handwerker zum Beispiel ganz unbürokratisch einen privaten Stellplatz als Gegenleistung.
Zelten in der DDR war eine bürokratische Angelegenheit, Urlaub eine zentral verwaltete Dienstleistung. Hauptsächlich zuständig war der FDGB, der in beliebten Urlaubsgebieten Villen und Ferienheime zunächst mietete und später per Zwangsenteignung in Besitz nahm. Da der Plan "Urlaub für alle" vorsah, verteilte der FDGB so genannte Urlaubsschecks in den Betrieben, mit denen Arbeiter nur ein Drittel der Urlaubskosten selbst zahlen mussten - zwei Drittel zahlten Betrieb und Staat.
Vor dem staatlich finanzierten Urlaub stand allerdings die Genehmigung durch die für den Betrieb zuständige Gewerkschaftsleitung. Bald begannen größere Betriebe, eigene Ferienheime und Zeltplätze einzurichten. Auch private Clubs, Vereine oder einzelne Ortschaften legten mit der Zeit Campingplätze an. Alle Plätze mussten offiziell gemeldet sein, Stellplatzgenehmigungen gab es nur über eine zentrale Verwaltungsstelle.
Schnell entwickelte sich jedoch eine Art Tauschhandel - so war es üblich, dass etwa ein Kombinat in Karl-Marx-Stadt seinen Zeltplatz einem Betrieb in Polen überließ. Im Gegenzug durfte die deutsche Belegschaft auf einem polnischen Zeltplatz Urlaub machen. Auch privat wurde gehandelt - musste etwa eine Wasserleitung geflickt oder eine neue Laube verkabelt werden, erhielt der privat herbeigerufene Handwerker zum Beispiel ganz unbürokratisch einen privaten Stellplatz als Gegenleistung.



