Wunderbar verwandelt
Recht wenig soll das Haus kosten, dennoch stabil und solide sein. Liegt es da nicht nahe, Vorhandenes zu nutzen? Und stabil waren sie ja - die alten Platten aus dem "industriellen Wohnungsbau".In Zeiten der Wohnungsknappheit eine kostengünstige Möglichkeit zur Unterbringung vieler Familien, heute eine Altlast - aber mit Potenzial: die Plattenbausiedlungen an den Rändern ostdeutscher Städte. Rund drei Millionen Neubauwohnungen sind nach 1950 aus dem Boden der DDR gestampft worden. Nach der Wiedervereinigung verwandelten sich viele Großsiedlungen allerdings in Geisterstädte. Allein zwischen 1990 und 1999 verließen zwei Millionen Menschen ihre Neubauwohnung.
Reine Energieverschwendung
Derzeit stehen ungefähr fünfzehn Prozent der "Platten" leer. Stadtplaner suchen nun Wege, um die von rückläufigen Bevölkerungszahlen betroffenen Städte an diesen Wandel anzupassen. Bis 2010 sollen ungefähr 350.000 Wohneinheiten zurückgebaut werden. Rückbau war bislang gleichbedeutend mit Zerkleinern - so endete die "Platte" häufig als Schotter im Straßen- und Wegebau.
Ein Unding: in jeder einzelnen Platte steckt ja die Energie von vierhundert Litern Öl, wie der Wissenschaftler und Bauingenieur Claus Asam dem Deutschlandradio Kultur verriet. Des Weiteren haben die Stahlbetonbauteile eine Lebensdauer von einhundert Jahren, und die ist bei weitem noch nicht erreicht.
Individuelles Eigenheim aus alten Abriss- Platten? Möglich ist es schon!
In einem vom Bund geförderten Projekt zum Thema Stadtumbau Ost - für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen haben Claus Asam, der am Institut für Erhaltung und Modernisierung von Bauwerken (IEMB) an der Technischen Universität Berlin forscht, und der Architekt Hervé Biele die Wiederverwendbarkeit der "Platte" untersucht.
Es hat sich herausgestellt, dass deren Betonteile sich sehr gut für den Bau neuer Eigenheime eignen und auf solche Weise sogar bis zu vierzig Prozent der Rohbaukosten eingespart werden können. Rohbaukosten machen ungefähr die Hälfte der Gesamtbaukosten aus.
Konzept Recyclinghaus
Ein Unternehmen aus Berlin-Kreuzberg, dessen Kopf der Architekt Hervé Biele ist, hat sich auf die Planung und Montage dieser Recyclinghäuser spezialisiert. Der Bau eines schlüsselfertigen Niedrigenergiehauses mit zweihundert Quadratmetern Wohnfläche; teilunterkellert, ausgestattet mit Satteldach und Laminatboden beläuft sich laut Kostenplaner auf rund 220.000 Euro. Erheblich preiswerter als ein Leichtbauhaus ist die recycelte "Platte" also nicht, verglichen mit anderen Betonbauten ist sie dennoch günstig.
Von Tapeten und Estrich befreit
Wie geht nun die wunderbare Verwandlung der "Platte" zu einem nagelneuen, individuellen Wohnhaus vonstatten? Zunächst hat der Architekt den Neubau entsprechend den Kundenwünschen geplant und weiß genau, wie viele und welche Betonfelder gebraucht werden.
Mitarbeiter des Abrissunternehmens demontieren zunächst die ausgewählten Stücke - anders als beim Abriss - sorgsam. Die beschrifteten Teile werden zum Lagerplatz befördert. Dort befreien Bauhelfer die Platten von Tapeten und Estrich und schneiden sie nach den vorgegebenen Maßen auf Größe. Tieflader bringen die Fertigteile im Anschluss zur Baustelle.
Innenwände, Außenwände…
Dieser logistische Aufwand ist das einzige offensichtliche Manko der Wiederverwertung: die ungefähr fünf Tonnen schweren Einzelteile sollten kurze Strecken, in der Regel nicht mehr als einhundert Kilometer bis zum Zielort reisen müssen, da sonst die Transportkosten den finanziellen Aufwand für das neue Heim nach oben treiben. Einmal an Ort und Stelle angekommen, werden die Platten als tragende Innenwände, Außenwände und Decken gestellt, miteinander verbunden, verfugt und verputzt - fertig ist der Rohbau. Selbst das Dach kann aus dem in Serie produzierten Material entstehen und begrünt werden.
"Passiv" wohnen macht sich bezahlt
Wer neben dem Materialrecycling in weitere ökologische Aspekte investieren möchte, der kann sich ein energiesparendes Passivhaus errichten lassen. Passivhausbewohner leben ganzjährig bei angenehmer Raumtemperatur ohne den konventionellen Einsatz einer Heizung, indem beispielsweise der Umgebung mittels einer Wärmepumpe Energie entzogen wird. Zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung dient Solarenergie. Laut Experteneinschätzung machen sich die Zusatzinvestitionen für ökologisches Bauen von bis zu dreißig Prozent nach etwa zwanzig Jahren bezahlt - bei den derzeit in ungeahnte Höhen steigenden Energiepreisen wahrscheinlich schon eher.
Diese Art Recycling stößt auf offene Ohren: Im Umkreis von Berlin entstehen mehrere solcher ausgefallenen Bauten, die wegen ihrer meist klaren architektonischen Gestaltung an Bauhaus-Gebäude erinnern. Um die 150 Familien haben bisher Interesse bekundet, Tendenz steigend.
Anja Tausche (aktualisiert 03.05.2010)
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Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch im Osten Deutschlands große Wohnungsnot. 50 Prozent der Städte waren zerstört, 25 Prozent des Wohnraums vernichtet sowie weitere 16 Prozent stark beschädigt.
Die Lösung des Problems sah man in schnell - und billig - produzierten Plattenbauten. Die Fläche der Wohnungen war mit durchschnittlich 62 Quadratmetern im Vergleich zum Westen mit 69,2 Quadratmetern eher klein. Jeder Ostbürger wohnte im Schnitt auf 28 Quadratmetern, während die Menschen im Westen auf 36,8 Quadratmetern lebten.
Rund ein Drittel der gut drei Millionen von 1950 an erbauten Wohnungen liegen in einer der 125 Großsiedlungen. In den 225.700 Plattenbauten stehen heute um die 300.000 Wohnungen leer.
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