Die Welt ist eine Matt-Scheibe
Wie kein anderes Medium zuvor hat das Fernsehen unseren Alltag, unsere Art der Wahrnehmung und der Kommunikation verändert. Wie konnte ihm das gelingen?Diesen Fernseh- und Rundfunkempfänger in einem Gerät präsentierte die deutsche Firma Telefunken 1933. (Foto: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Programm von Acht bis Zehn
Dabei ist es noch nicht mal ein Jahrhundert her, dass das Fernsehen Weltpremiere feierte. Konnten die Besucher der Berliner Funkausstellung 1928 ahnen, was aus der neuartigen Technik, die sie da bestaunten, einst werden würde? Bot das Kino nicht den, im wahrsten Sinne des Wortes, größeren Sehgenuss? Und das für ein paar Pfennige, während so ein Fernsehapparat kaum erschwinglich war?
Aber davon gab es sowieso nur wenige hundert Stück, die Produktion des ersten bezahlbaren Seriengerätes wurde vom Kriegsausbruch 1939 gestoppt. Also traf man sich weiter in den seit 1935 existierenden "Fernsehstuben" der Reichspost und verfolgte zwei Stunden lang, zwischen 20.00 und 22.00 Uhr, das Programm aus Wochenschau, Kulturfilm und Spielfilm.
Fünf Stunden Sendezeit
Diese Programmstruktur nach dem Vorbild des Kinos blieb zunächst auch in den 1950er Jahren erhalten, als sich das Fernsehen auf den Weg machte, die Wohnzimmer zu erobern. Gab es 1956 etwa eine halbe Million angemeldeter Fernseher, verdoppelte sich diese Zahl innerhalb eines Jahres. Das Programm wurde von täglich drei auf fünf Stunden Sendezeit erweitert. Besondere TV-Highlights wie die Krönung Elizabeth II. oder Fußballweltmeisterschaften ließen das Zuschauerinteresse weiter wachsen. Man wollte nichts verpassen - Fernsehen war das "Fenster zur Welt".
Vor den Bildschirmen versammelt
Darüber hinaus begünstigte das Fernsehen einen "gesellschaftlichen Integrationseffekt", wie ihn der Medienwissenschaftler Knut Hickethier beschreibt. So habe es eine wesentliche Rolle im Ausgleich des Stadt-Land-Gegensatzes gespielt: "Als ein letztlich urbanes Medium hat das Fernsehen mit zur mentalen Verstädterung (...) beigetragen."
Diese Entwicklung kultureller Angleichungen und Vereinheitlichungen - unter anderem auch der Sprache - erreichte ihren Höhepunkt in den 1960er Jahren, als sich die Bevölkerungsmehrheit vor den TV-Geräten versammelte, um gebannt den so genannten "Straßenfegern" zu folgen. "Das Programmangebot bildete eine gemeinsame kommunikative Basis für die Gesellschaft."
"Unterhaltungsslalom"
In dieser Zeit wurde das Programm stetig ausgebaut. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und die Dritten Programme der ARD zwangen die Menschen, sich zwischen den Sendern zu entscheiden. Sahen die Zuschauer in der Anfangszeit das - überschaubare - Fernsehprogramm meist zusammenhängend, begaben sie sich jetzt auf einen, wie Hickethier es nennt, "Unterhaltungsslalom".
Doch das Fernsehen war nicht nur Unterhaltungs- und Informationsmedium, es strukturierte zunehmend den Alltag des Publikums. Das Zuschauen wurde ritualisiert: Millionen Deutsche warteten täglich auf den Beginn der Tagesschau, freuten sich auf den wöchentlichen Freitagabendkrimi oder amüsierten sich bei der großen Samstagabendshow. Nicht selten verschmolz das Zuschauen mit bereits vorhandenen Ritualen des Alltags, etwa gemeinsamen Mahlzeiten.
Rosige Zeiten für die Fernsehindustrie
Die Zahl der Besitzer von Fernsehgeräten wuchs indessen jährlich um über eine Million, sodass bis Mitte der 1970er Jahre - zwischenzeitlich hatte die Einführung des Farbfernsehens 1967 für neues Zuschauerinteresse gesorgt - in der Bundesrepublik eine Fernsehdichte von über neunzig Prozent erreicht war.
Die Fernsehindustrie wurde zum wichtigen Wirtschaftsfaktor. Und konnte sich auf rosige Zeiten freuen: Bis Ende der 1980er Jahre wuchs der jährliche Absatz auf mehr als vier Millionen TV-Geräte.
TV-Gerät als Grundbedarf
Wie kein anderes Medium zuvor hat das Fernsehen unsere Art der Wahrnehmung und der Kommunikation, ja, unseren Alltag verändert. Das geht sogar soweit, dass Fernsehen heute zum Grundbedarf gehört - ein Fernsehgerät darf im Falle der Zahlungsunfähigkeit nicht gepfändet werden.
Nach Angaben von Marktforschungsinstituten steht derzeit in rund 98 Prozent der deutschen Haushalte mindestens ein Fernseher, um die 55 Millionen TV-Geräte sollen es insgesamt sein. Und trotz starker Konkurrenz - DVD, Spielkonsole, Internet - steigt der Fernsehkonsum weiter an: In Deutschland liegt er derzeit bei durchschnittlich 221 Minuten täglicher Sehdauer.
Tendenzielle Gleichgültigkeit
Es scheint, als könne man dem Fernsehen nicht entkommen. Und doch wird die gesellschaftliche Bedeutung des Fernsehens als Massenmedium für die Zukunft in Frage gestellt. Technisch sind der weiteren Verbreitung und der Expansion des Programmangebots keine Grenzen gesetzt - Stichwort Digitales Fernsehen (siehe Infobox). Begrenzt ist allerdings die Zeit der Menschen.
Schon heute wird Fernsehen - gerade durch die permanente Verfügbarkeit - zwischen anderen Tätigkeiten genutzt, es hält niemanden davon ab, sich gleichzeitig mit etwas anderem zu beschäftigen. Das Leitmedium mutiert zum Begleitmedium. Medienkritiker beobachten eine tendenzielle Gleichgültigkeit der durch die Fernsehwelten schweifenden Zuschauer den Inhalten gegenüber.
Begrenztes Budget
Begrenzt ist auch das finanzielle Budget vieler Zuschauer. Zwar sind selbst TV-Geräte der neuesten Generation heute erschwinglich, haben moderne LCD- und Plasmafernseher die alte "Röhre" weitgehend aus den Wohnzimmern verdrängt.
Ob sich die stolzen Besitzer dieser ultraflachen Geräte mit Bildschirmdiagonalen von oft einem Meter und mehr jedoch für die Pläne einzelner Sender begeistern, bisher freies Fernsehen im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung zu verschlüsseln? Wird das Fernsehen in Zukunft wieder zum Exklusivmedium, wenn sich Sender ihr Programm vom Zuschauer bezahlen lassen? Aber vielleicht haben dann ja längst andere Medien die alte Rolle des Fernsehens als "Fenster zur Welt" übernommen...
Ulrike Wolf (aktualisiert 23.08.2011)
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Infobox
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter (ÖRR) haben den staatlichen Auftrag der "Grundversorgung" mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Sie sind selbstständige, staatsunabhängige, gemeinnützige Anstalten in der Rechtsform des öffentlichen Rechts.
Zum ÖRR gehören die Landesrundfunkanstalten der ARD und das bundesweit sendende ZDF. Während die seit 1984 existierenden privat-kommerziellen Sender, die keinen speziellen Programmauftrag verfolgen, werbefinanziert sind, werden die Öffentlich-Rechtlichen größtenteils durch Rundfunkgebühren finanziert.
Die Organisation öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten ist grundlegend dezentral und spiegelt sich in allen Funktionseinheiten wider. Wichtige Personal-, Struktur- und Programmentscheidungen werden vom so genannten Exekutivorgan - je nach Anstalt ein Intendant oder ein mehrköpfiges Gremium - getroffen. Der Rundfunkrat (beim ZDF der Fernsehrat) kontrolliert die Entscheidungen der Exekutive, berät bei wichtigen Entscheidungen und gibt den Rahmen für das Programm vor.
Die Mitglieder des Rundfunkrates vertreten verschiedene gesellschaftliche Gruppen, etwa Gewerkschaften, Kirchen, künstlerische und wirtschaftliche Verbände. Darüber hinaus besitzen einige Anstalten einen Verwaltungsrat, der organisatorische Entscheidungen trifft, die weder von der Leitung der Anstalt allein noch vom Rundfunkrat getroffen werden.
Die Landesmediengesetze der Länder sind die rechtliche Grundlage für alle Rundfunkveranstalter. Zur Vereinheitlichung der Gesetzgebung und zur Einrichtung bundesweiter Programme vereinbaren die Länder in Staatsverträgen, beispielsweise dem Rundfunkstaatsvertrag, gemeinsame Regelungen zur Rundfunkordnung.
Im Juni 2009 trat der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag in Kraft, in dem ein so genannter "Drei-Stufen-Test" für öffentlich-rechtliche Online-Angebote beschlossen wurde. Er soll prüfen, ob auch sie dem am Gemeinwohl orientierten Programmauftrag entsprechen.
Zum ÖRR gehören die Landesrundfunkanstalten der ARD und das bundesweit sendende ZDF. Während die seit 1984 existierenden privat-kommerziellen Sender, die keinen speziellen Programmauftrag verfolgen, werbefinanziert sind, werden die Öffentlich-Rechtlichen größtenteils durch Rundfunkgebühren finanziert.
Die Organisation öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten ist grundlegend dezentral und spiegelt sich in allen Funktionseinheiten wider. Wichtige Personal-, Struktur- und Programmentscheidungen werden vom so genannten Exekutivorgan - je nach Anstalt ein Intendant oder ein mehrköpfiges Gremium - getroffen. Der Rundfunkrat (beim ZDF der Fernsehrat) kontrolliert die Entscheidungen der Exekutive, berät bei wichtigen Entscheidungen und gibt den Rahmen für das Programm vor.
Die Mitglieder des Rundfunkrates vertreten verschiedene gesellschaftliche Gruppen, etwa Gewerkschaften, Kirchen, künstlerische und wirtschaftliche Verbände. Darüber hinaus besitzen einige Anstalten einen Verwaltungsrat, der organisatorische Entscheidungen trifft, die weder von der Leitung der Anstalt allein noch vom Rundfunkrat getroffen werden.
Die Landesmediengesetze der Länder sind die rechtliche Grundlage für alle Rundfunkveranstalter. Zur Vereinheitlichung der Gesetzgebung und zur Einrichtung bundesweiter Programme vereinbaren die Länder in Staatsverträgen, beispielsweise dem Rundfunkstaatsvertrag, gemeinsame Regelungen zur Rundfunkordnung.
Im Juni 2009 trat der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag in Kraft, in dem ein so genannter "Drei-Stufen-Test" für öffentlich-rechtliche Online-Angebote beschlossen wurde. Er soll prüfen, ob auch sie dem am Gemeinwohl orientierten Programmauftrag entsprechen.
Infobox
Digitales Fernsehen
Während in Fernsehstudios und Schnitträumen die Herstellung und Verarbeitung von Ton- und Bildsignalen längst in digitaler Form geschieht, erfolgte die Übertragung bis vor kurzem größtenteils noch analog. Das heißt, die Rundfunksignale wurden als kontinuierlich verlaufende Schwingungen übertragen.
In Schallwellen gewandelt, nimmt sie das menschliche Ohr dann als Töne wahr. Und Bilder werden - in Punkte und Zeilen zerlegt - mit Hilfe elektrischer Impulse am Bildschirm sichtbar gemacht.
Um das Analogsignal zu digitalisieren, wird die zu übertragende Schwingung in gleichmäßige Intervalle eingeteilt und abgetastet. Jedem Abtastzeitpunkt ist ein Wert zugeordnet, den die Welle an eben jenem Punkt gerade angenommen hat. Zahlenketten aus 0 und 1 - so genannte Bits - stellen diesen Wert dar.
Im Unterschied zum analogen Signal, das unendlich viele Ausprägungen annehmen kann, haben diese Bits den Vorteil, dass sie diskret (im Sinne von unterscheidbar, trennbar) codiert sind. Dadurch können digitale Signale einfach komprimiert sowie ohne Qualitätsverlust aufgezeichnet, beliebig oft kopiert und übertragen werden.
Digitales Fernsehen kann per Kabel (DVB-C), Satellit (DVB-S) oder Antenne (DVB-T) empfangen werden. Ein neues Fernsehgerät ist zwar keine Voraussetzung für den Empfang des digitalen Fernsehens, benötigt wird jedoch ein Empfänger, der die digitalen Daten in analoge Signale rückverwandelt.
Ein solcher Digital Receiver wird zwischen TV-Gerät und Kabel oder Satellit angeschlossen. Neuere Fernsehgeräte verfügen in der Regel bereits über ein integriertes Empfangsmodul.
Schon in naher Zukunft werden digitale Übertragungsverfahren das analoge Fernsehen völlig ersetzen, versprechen sich die Sender doch einige Vorteile davon: die geringen Verbreitungskosten über Satellit oder Kabel (ein digitales Fernsehprogramm benötigt lediglich ein Zehntel bis ein Fünftel der Datenrate eines analogen Kanals) erlauben es auch kleineren Anbietern, ihre Programme überregional zu verbreiten. Außerdem können große Fernsehanstalten ihr Angebot kostengünstig um zahlreiche Zusatzkanäle erweitern.
In Schallwellen gewandelt, nimmt sie das menschliche Ohr dann als Töne wahr. Und Bilder werden - in Punkte und Zeilen zerlegt - mit Hilfe elektrischer Impulse am Bildschirm sichtbar gemacht.
Um das Analogsignal zu digitalisieren, wird die zu übertragende Schwingung in gleichmäßige Intervalle eingeteilt und abgetastet. Jedem Abtastzeitpunkt ist ein Wert zugeordnet, den die Welle an eben jenem Punkt gerade angenommen hat. Zahlenketten aus 0 und 1 - so genannte Bits - stellen diesen Wert dar.
Im Unterschied zum analogen Signal, das unendlich viele Ausprägungen annehmen kann, haben diese Bits den Vorteil, dass sie diskret (im Sinne von unterscheidbar, trennbar) codiert sind. Dadurch können digitale Signale einfach komprimiert sowie ohne Qualitätsverlust aufgezeichnet, beliebig oft kopiert und übertragen werden.
Digitales Fernsehen kann per Kabel (DVB-C), Satellit (DVB-S) oder Antenne (DVB-T) empfangen werden. Ein neues Fernsehgerät ist zwar keine Voraussetzung für den Empfang des digitalen Fernsehens, benötigt wird jedoch ein Empfänger, der die digitalen Daten in analoge Signale rückverwandelt.
Ein solcher Digital Receiver wird zwischen TV-Gerät und Kabel oder Satellit angeschlossen. Neuere Fernsehgeräte verfügen in der Regel bereits über ein integriertes Empfangsmodul.
Schon in naher Zukunft werden digitale Übertragungsverfahren das analoge Fernsehen völlig ersetzen, versprechen sich die Sender doch einige Vorteile davon: die geringen Verbreitungskosten über Satellit oder Kabel (ein digitales Fernsehprogramm benötigt lediglich ein Zehntel bis ein Fünftel der Datenrate eines analogen Kanals) erlauben es auch kleineren Anbietern, ihre Programme überregional zu verbreiten. Außerdem können große Fernsehanstalten ihr Angebot kostengünstig um zahlreiche Zusatzkanäle erweitern.



