Hüllenlose Freiheit
Schichten- und generationenübergreifend entledigten sich die Menschen in der DDR ihrer Kleider, um sich dem textilfreien Plantschen hinzugeben. Das Recht auf Nacktheit aber gab es auch im "freizügigen" Osten nicht immer.Im Sommer 2008 entbrannte der "Höschenkrieg": So jedenfalls titelten Boulevardmagazine über deutsch-polnische Verstimmungen auf der Ostseeinsel Usedom. Angeblich hätten sich polnische Urlauber über die FKK-Leidenschaft der Strandnachbarn aus Deutschland empört. Um den "Grenzkonflikt" zu entschärfen, warnen nun Hinweisschilder zwischen den Ostseebädern Ahlbeck und Swinoujscie (Swinemünde) vor den Nacktbadern.
Recht auf Nacktheit
Was nach einer amüsanten Geschichte fürs Sommerloch klingt, beschäftigt die Anhänger der Freikörperkultur seit Entstehen der Bewegung vor über einhundert Jahren (siehe Infobox). Immer wieder wurde versucht, den FKK-Liebhabern ihr Vergnügen zu verbieten. So etwa Anfang der 1990er Jahre, als es an zahlreichen Ostseestränden zu Auseinandersetzungen zwischen westdeutschen Textil- und ostdeutschen Nacktbadern kam. Doch die freizügigen "Ossis" verteidigten ihr Recht auf Nacktheit. Im Kampf für hüllenlose Freiheit hatten sie schließlich Erfahrung.
Die "nackte Republik"
Dass FKK in der DDR eine Massenbewegung war, ist bekannt: In der "nackten Republik" entledigten sich die Menschen schichten- und generationenübergreifend der Kleider, um sich dem textilfreien Strandvergnügen hinzugeben. Untersuchungen zufolge sollen rund achtzig Prozent aller DDR-Bürger FKK-Erfahrung gehabt haben. Frei von jeglichem ideologischen Anspruch und unbehelligt von der Obrigkeit zelebrierten Millionen ihre kleinen Fluchten aus dem reglementierten Alltag.
In der Weimarer Republik war FKK schon einmal eine Massenbewegung, die knapp 100.000 organisierte Anhänger zählte.
Mit der Toleranz für den unbeschwerten Freizeitspaß war es allerdings nicht immer so weit her. Das vor allem in den 1980er Jahren Selbstverständliche musste drei Jahrzehnte zuvor hart erkämpft werden: Noch Walter Ulbricht verteufelte FKK als "bourgeoise Entgleisung", und so wundert es kaum, dass es 1954 zu einem Verbot des "Freibadewesens" kam. Die Staatsführung sorgte sich um den guten Ruf des Landes, berichtete doch die Westpresse bereits über die Eskapaden der Nackerten am Ostseestrand. Was war geschehen?
"Sie alte Sau!"
In Ahrenshoop, seit Anfang der 1950er Jahre Mekka der ostdeutschen FKK-Anhänger, tummelte sich die gesellschaftliche Avantgarde der DDR. Und immer mehr Künstler, Schauspieler und Schriftsteller fanden Gefallen daran, sich in den Dünen zu entblößen, was wiederholt zu Konflikten mit bekleideten Badegästen führte. Überliefert ist die Reaktion des damaligen Kulturministers Johannes R. Becher, der beim Strandspaziergang über eine schlafende Nackte stolperte: "Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?" Die so gescholtene revanchierte sich kurze Zeit später bei der Verleihung des Nationalpreises: Als Becher zur Laudatio auf die Schriftstellerin Anna Seghers anhob, unterbrach ihn die "liebe Anna" mit den Worten: "Für Dich, Hans, immer noch alte Sau".
Zu weit getrieben
Von der Künstlerkolonie Ahrenshoop breitete sich der nackte Badespaß auf anliegende Ostseegemeinden aus. Höhepunkte des Urlaubsvergnügens waren die so genannten Kamerunfeste (später Neptunfeste), bei denen FKK-Anhänger - martialisch bemalt, mit Muschelkette behängt und Schilfröckchen bekleidet - wilde Tänze am Strand aufführten. Das ging dann doch zu weit: War den SED-Oberen das Treiben in Ahrenshoop schon ein Dorn im Auge, riss ihr Geduldsfaden angesichts solcher Ausschweifungen, denen 1954 sogar der SPIEGEL einen Beitrag widmete, endgültig.
Wismarer Bucht im August '84: Unbehelligt vom Staat genossen Millionen DDR-Bürger Freizügigkeit wenigstens im Privaten. (Bild: Bundesarchiv; Creative Commons)
Die Endgültigkeit währte allerdings nur zwei Jahre: Dem Unmut und den Protesten der Nackten konnte sich die Regierung nicht erwehren, auch wenn sich der bereits erwähnte Minister Becher argumentativ alle Mühe gab: Schon im "Interesse der Ästhetik" sei FKK nicht zu vertreten, vor allem weil "gewisse Leute sich mit ihren deformierten Körpern demonstrativ zur Schau stellen." Doch selbst Bechers pathetischer Ausruf: "Schont die Augen der Nation!" konnte die Aufhebung des Verbots nicht verhindern.
Mit staatlichem Segen
Mit der 1956 verabschiedeten neuen Anordnung zur Regelung des Freibadewesens erhielt die FKK-Bewegung in der DDR staatlichen Segen. Fortan war das unverhüllte Baden an für jedermann zugänglichen Orten gestattet, "wenn diese Orte als ausdrücklich dafür von den zuständigen örtlichen Räten freigegeben und entsprechend gekennzeichnet sind". Trotz solcher Einschränkungen entwickelte sich FKK bald zur Volksbewegung. Und, ob freigegeben oder nicht, scherte bald niemanden mehr. Millionen FKK-Anhänger landauf, landab praktizierten das textilfreie Plantschen nach dem Motto "Wo Nacktbaden nicht verboten ist, kann man nackt baden."
Ulrike Wolf (02.06.2010)
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Infobox
Geschichte der Freikörperkultur
Mehr als zwölf Millionen Deutsche lassen sich jährlich im Urlaub nahtlos bräunen, rund 60.000 Menschen sind in Deutschland in FKK-Vereinen organisiert. Entstanden ist die Freikörperkultur um 1900 im Kontext der Lebensreformbewegung: Sie strebte eine Erneuerung der gesamten Lebensführung an. Dazu gehörte auch die Wiederentdeckung des nackten Körpers als "natürlichster Ausdruck der Körperlichkeit".
Die Verfechter der Nacktkultur verstanden ihre Bewegung als umfassendes gesellschaftspolitisches Konzept, wollten sich und die Gesellschaft durch "Selbstreform" aus bürgerlichen Zwängen befreien. Erste Vereine unterschiedlicher politischer Strömungen und Richtungen entstanden und folgten jeweils bürgerlich-mondänen, links-proletarischen, naturromantischen oder völkisch-nationalen Ideologien.
Zur Zeit der Weimarer Republik stieg die Zahl der Vereine sprunghaft an, konnten die FKK-Anhänger doch nun offensiver agieren als unter dem weit prüderen Kaiserreich. Die Vereine spiegelten das gesamte politische Spektrum der Weimarer Republik wider und verfolgten unterschiedliche Konzeptionen von FKK. Die Freikörperkultur wurde zu einer Massenbewegung, die am Ende der Republik rund 100.000 organisierte Anhänger zählte.
Nach der Machtübernahme der Nazis wurde die FKK-Bewegung zunächst verboten. Davon betroffen waren vor allem proletarische FKK-Vereine, die bürgerlichen und völkischen FKK-Anhänger passten sich dagegen schnell an. Ihre Vereine wählten den Weg der freiwilligen Selbstgleichschaltung: Nach Ausschluss jüdischer und anderer unerwünschter Mitglieder fanden sie sich im Bund für Leibeszucht zusammen. Wegen ihres "besonderen Beitrags für die rassische, gesundheitliche und sittliche Hebung der Volkskraft" wurde den FKKlern 1942 das Nacktbaden, "abseits von Unbeteiligten", wieder gestattet.
Auch nach dem Ende des Krieges spürten die FKK-Anhänger immer wieder Gegenwind. Zwar wurden nach dem Verbot des Bundes für Leibeszucht durch die Alliierten ab 1946 FKK-Vereine in den westlichen Besatzungszonen nach und nach wieder genehmigt. Doch die Prüderie der Adenauer-Ära äußerte sich unter anderem im rigorosen Kampf gegen "Schmutz und Schund" und jede Form von Nacktheit. In der DDR wurden FKK-Vereine gar nicht erst zugelassen - beim "wilden" Nacktbaden jedoch drückte die SED-Regierung, wenn auch widerwillig, ein Auge zu.
Gegen alle politischen Widerstände, bedingt auch durch einen fundamentalen Wandel im Umgang mit Nacktheit seit Ende der 1960er Jahre, erfuhr die FKK-Bewegung auf beiden Seiten der Grenze einen neuen Aufschwung: im Westen zumeist im geschlossenen Vereinsgelände, im Osten als unorganisierte Selbstverständlichkeit an den Stränden von Ostsee, Müritz und Co. Heute präsentiert sich an den meisten Badestellen des Landes ein buntes Durcheinander: Jeder badet nach seiner Fasson, nackt oder bekleidet.
Die Verfechter der Nacktkultur verstanden ihre Bewegung als umfassendes gesellschaftspolitisches Konzept, wollten sich und die Gesellschaft durch "Selbstreform" aus bürgerlichen Zwängen befreien. Erste Vereine unterschiedlicher politischer Strömungen und Richtungen entstanden und folgten jeweils bürgerlich-mondänen, links-proletarischen, naturromantischen oder völkisch-nationalen Ideologien.
Zur Zeit der Weimarer Republik stieg die Zahl der Vereine sprunghaft an, konnten die FKK-Anhänger doch nun offensiver agieren als unter dem weit prüderen Kaiserreich. Die Vereine spiegelten das gesamte politische Spektrum der Weimarer Republik wider und verfolgten unterschiedliche Konzeptionen von FKK. Die Freikörperkultur wurde zu einer Massenbewegung, die am Ende der Republik rund 100.000 organisierte Anhänger zählte.
Nach der Machtübernahme der Nazis wurde die FKK-Bewegung zunächst verboten. Davon betroffen waren vor allem proletarische FKK-Vereine, die bürgerlichen und völkischen FKK-Anhänger passten sich dagegen schnell an. Ihre Vereine wählten den Weg der freiwilligen Selbstgleichschaltung: Nach Ausschluss jüdischer und anderer unerwünschter Mitglieder fanden sie sich im Bund für Leibeszucht zusammen. Wegen ihres "besonderen Beitrags für die rassische, gesundheitliche und sittliche Hebung der Volkskraft" wurde den FKKlern 1942 das Nacktbaden, "abseits von Unbeteiligten", wieder gestattet.
Auch nach dem Ende des Krieges spürten die FKK-Anhänger immer wieder Gegenwind. Zwar wurden nach dem Verbot des Bundes für Leibeszucht durch die Alliierten ab 1946 FKK-Vereine in den westlichen Besatzungszonen nach und nach wieder genehmigt. Doch die Prüderie der Adenauer-Ära äußerte sich unter anderem im rigorosen Kampf gegen "Schmutz und Schund" und jede Form von Nacktheit. In der DDR wurden FKK-Vereine gar nicht erst zugelassen - beim "wilden" Nacktbaden jedoch drückte die SED-Regierung, wenn auch widerwillig, ein Auge zu.
Gegen alle politischen Widerstände, bedingt auch durch einen fundamentalen Wandel im Umgang mit Nacktheit seit Ende der 1960er Jahre, erfuhr die FKK-Bewegung auf beiden Seiten der Grenze einen neuen Aufschwung: im Westen zumeist im geschlossenen Vereinsgelände, im Osten als unorganisierte Selbstverständlichkeit an den Stränden von Ostsee, Müritz und Co. Heute präsentiert sich an den meisten Badestellen des Landes ein buntes Durcheinander: Jeder badet nach seiner Fasson, nackt oder bekleidet.



