75 Kilo
Das Runde muss ins Eckige: Diese Fußballtheorie ist zwar nicht besonders wissenschaftlich, dafür aber erfolgversprechend. Millionen von Freizeit- und Profi-Fußballern versuchen sich weltweit an der praktischen Umsetzung.Der Ball muss ins Tor. So einfach ist das nun mal. Der Ball hat 68 bis 70 Zentimeter Umfang und darf 410 bis 450 Gramm schwer sein, besagen die Regeln. Wenn alles so einfach ist, mögen Fußballmuffel fragen, warum nicht den direktesten aller Wege wählen? Dies ginge dann wie folgt: Ein Mann steht im Tor, einer in angemessenem Abstand davor. Letzterer zielt, zielt genau, und der Rest ist mehr oder weniger Glück. Das Beste: es gibt ihn tatsächlich - den direktesten Weg!
Bombardement aufs Tor
Klar, wir reden vom Elfmeter, offiziell Strafstoß genannt. Die offizielle Bezeichnung ist allerdings irreführend. Den Elfmeter (exakt sind es 10,9728 Meter = 12 Yards) kann der Schiedsrichter zwar als Strafe - für ein Foul - verhängen, doch kommt er noch in einer zweiten Lebenslage vor: dann nämlich, wenn die Vorschrift zwingend einen Sieger verlangt, obwohl das Spiel bis zum Abpfiff nach Verlängerung unentschieden verlief. In solchem Fall bombardieren jeweils fünf Spieler aus jeder Mannschaft im Wechsel das gegnerische Tor. Abgebrochen wird, sobald der Vorsprung einer Mannschaft nicht mehr aufzuholen ist.
Vollgestopft mit Psychologie
Fußballmuffel dürften die Prozedur eher langweilig finden. Da irren sie gewaltig! Nichts ist spannender als der Elfmeter, nichts so vollgestopft mit Psychologie, auf Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Fußspitzengefühl gebaut. Tatsächlich soll der österreichische Literat Peter Handke sogar ein Buch zum Thema geschrieben haben: Es heißt Die Angst des Tormanns beim Elfmeter und hat, bei oberflächlichem Lesen, wenig bis gar nichts mit Fußball zu tun. Wir lernen aus dem Buch, wie sinnlos es ist, unmotiviert herumzulaufen: Wer schlau sein will, bleibt wo er steht; die wirklich Klugen nur rennen weg. Dazu später mehr.
Aus elf Meter Entfernung das Tor treffen - wie schwierig kann das sein?
Gegen den Buchtitel bringen Praktiker ein zugkräftiges Argument ins Feld: die größte Angst vorm Elfmeter habe nicht der Tormann, sondern der Schütze. Von ihm erwarte man schließlich Erfolg, weil: aus elf Meter Entfernung ins Tor zu treffen, was ist das schon?
Die Macht des Schützen
Forscher hauen in die gleiche Kerbe: Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bonn nahmen zum Beispiel über 12.000 deutsche Erstligaspiele unter die Lupe, ab 1963 bis zur Saison 2003/2004. Bei 3.619 Strafstößen verwandelten Schützen 2.687 Elfer, 680 wurden vom Torwart gehalten, in 252 Fällen traf der Ball Pfosten oder Latte oder verfehlte das Tor gar komplett. "Auf diese 252 Fehlschüsse habe ich mich konzentriert", sagt Thomas Dohmen, der Untersuchungsleiter. "Denn sie lagen allein in der Macht des Schützen und nicht in der des Mannes im Tor."
Hauptergebnis der Studie ist eine interessante Aussage über die Folgen von Leistungsdruck: Einerseits, verglichen mit Auswärtsspielen, 35 Prozent mehr Fehlschüsse von Erstligaspielern auf heimischem Rasen - angesichts der Erwartungshaltung ihrer Fans zeigen viele der Schützen scheinbar Nerven. Andererseits: je wichtiger der Treffer, umso seltener ist es zum Fehlschuss gekommen.
Die Angst des Schützen vorm Elfmeter: sie ist weit größer als die des Tormanns. (Bild: ddp/Martin Oeser)
Der persönliche Druck, in einer bestimmten Situation funktionieren zu müssen, wirkt offenbar positiv. Solche Resultate lassen sich verallgemeinern: Kontraproduktiv ist das Gefühl, dass einem der Chef, und sei er noch so nett, während der Arbeit auf die Finger schaut - mit Motivation aus innerer Überzeugung hingegen klappt die Sache reibungslos.
"Stressfaktor Torwart"
Ausgebuffte Profis kennen natürlich den Trick, der ziemlich zuverlässig zum Erfolg verhilft: Jeder Spieler muss so lange trainieren, bis der Elfmeter automatisch läuft wie das Fahrradfahren. Das trägt dazu bei, die Außenwelt "abzuschalten" und Angst weitestgehend zu mindern. Den "Stressfaktor Torwart" freilich eliminiert man auch mit immenser Routine kaum.
110 Kilometer pro Stunde
Wechseln wir an dieser Stelle die Perspektive: Was geschieht im Kopf des Torwarts in der Elfmetersituation? Gleich am Anfang etwas Physik: Nach dem Abstoß hat der Ball ein Tempo von rund 110 Kilometern pro Stunde. Folglich braucht er 0,36 Sekunden, um an der Torlinie anzukommen. Zum durchdachten Reagieren reicht solche kurze Zeitspanne nicht. Die Chance liegt in Beobachtung und Spekulation: Schiebt der Schütze die rechte Hüfte vor oder die linke? Gibt es Ablenkungsmanöver, die ihn zum Schuss in eine bestimmte Ecke verleiten könnten? Streng genommen bleibt bloß der Instinkt. Und ganz streng genommen spielt wohl der Zufall die ausschlaggebende Rolle.
Offiziell heißt der Elfmeter Strafstoß - oft verhängt ihn der Schiri nach derben Fouls im Strafraum. (Bild: ddp/Jochen Luebke)
Erst eine weitere physikalische Überlegung hilft, die Lage des Tormanns, dessen Angst und Anspannung, richtig zu interpretieren: Aus Ballgewicht und Geschwindigkeit errechnet sich der Impuls, mit dem das Geschoss eventuell auf den Körper des Torhüters trifft. Der Impuls, so die Berechnung, entspricht dem Aufprall einer 75 Kilo schweren Kugel aus kurzer Falldistanz! Kalkuliert der Tormann absolut uneigennützig, wird er souverän in der Mitte des Tors stehen bleiben.
Ein Pfui auf den Fan...
Wahrscheinlichkeitstheoretisch - und psychologisch - wäre das die richtige Reaktion: Von der Mitte aus ist der Wirkungsradius am größten; vorgetäuschte Ruhe, vielleicht noch ein Schlenkern der Arme, bringt den Schützen am ehesten aus dem Konzept. Doch 75 Kilo? So mag unser Tormann sich für den Sprung entscheiden - in welche Ecke auch immer. Weil Stehenbleiben zwar schlau, aber nicht die klügste Variante ist. Ein Pfui auf den Fan, der ihm das übel nimmt!
Michael Schmittbetz (aktualisiert 15.06.2011)
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Infobox
Die Geschichte des Elfmeters...
begann 1891 in Irland. Wie heute war er als Ausgleich gedacht, wenn der Gegner absichtlich ein Bein stellte oder trat (Foul). Noch im selben Jahr setzte die irische Football Association durch, dass der Elfmeter allgemein in die Regelwerke Einzug hielt. 1906 gab es eine Regelpräzisierung: Der Torwart durfte die Torlinie beim Elfmeter nicht mehr verlassen. Jedoch konnte er sich bis zum Schuss noch entlang der Torlinie bewegen, was 1929 vorübergehend abgeschafft wurde, heute allerdings wieder erlaubt ist.
Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts kannten Schiedsrichter das Problem der so genannten Schwalbe: Weil der Elfmeter zur spielentscheidenden Situation werden kann, versuchen Spieler manchmal, ein Foul vorzutäuschen, indem sie sich im Strafraum des Gegners fallen lassen. Geahndet wurde der Versuch auch damals schon.
begann 1891 in Irland. Wie heute war er als Ausgleich gedacht, wenn der Gegner absichtlich ein Bein stellte oder trat (Foul). Noch im selben Jahr setzte die irische Football Association durch, dass der Elfmeter allgemein in die Regelwerke Einzug hielt. 1906 gab es eine Regelpräzisierung: Der Torwart durfte die Torlinie beim Elfmeter nicht mehr verlassen. Jedoch konnte er sich bis zum Schuss noch entlang der Torlinie bewegen, was 1929 vorübergehend abgeschafft wurde, heute allerdings wieder erlaubt ist.
Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts kannten Schiedsrichter das Problem der so genannten Schwalbe: Weil der Elfmeter zur spielentscheidenden Situation werden kann, versuchen Spieler manchmal, ein Foul vorzutäuschen, indem sie sich im Strafraum des Gegners fallen lassen. Geahndet wurde der Versuch auch damals schon.
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Elfmeter-Trottel...
sind meist gerade die berühmtesten Fußballstars: Franz Beckenbauer, Pelé oder David Beckham sollen seltener als andere Fußballer Strafstöße in Tore verwandelt haben.
Durchschnittlich - auf Erstliganiveau - beträgt die Trefferquote etwa 75 Prozent. Bei Weltmeisterschaften sind es mehr als 80 Prozent. Ist der Spieler, der den Elfmeter vollzieht, auch der Gefoulte, steigt die Quote bis auf 90 Prozent.
Die Hitliste der schlechtesten Elfmeterschützen der Bundesliga führen an: Manfred Pohlschmidt (6 von 8 vergeben), Dieter Eckstein (4 von 6 vergeben), Marco Weißhaupt (4 von 6 vergeben).
sind meist gerade die berühmtesten Fußballstars: Franz Beckenbauer, Pelé oder David Beckham sollen seltener als andere Fußballer Strafstöße in Tore verwandelt haben.
Durchschnittlich - auf Erstliganiveau - beträgt die Trefferquote etwa 75 Prozent. Bei Weltmeisterschaften sind es mehr als 80 Prozent. Ist der Spieler, der den Elfmeter vollzieht, auch der Gefoulte, steigt die Quote bis auf 90 Prozent.
Die Hitliste der schlechtesten Elfmeterschützen der Bundesliga führen an: Manfred Pohlschmidt (6 von 8 vergeben), Dieter Eckstein (4 von 6 vergeben), Marco Weißhaupt (4 von 6 vergeben).



