Im Blutrausch
Noch vor 150 Jahren zogen gewaltige Büffelherden durch die Steppen der nordamerikanischen Prärie. Am Ende des 19. Jahrhunderts jedoch wurden Millionen der majestätischen Tiere innerhalb kürzester Zeit abgeschlachtet.Der Amerikanische Bison, in seiner Heimat Buffalo (Büffel) genannt, ist ein wahrlich imposantes Geschöpf. Der menschlichen Jagdlust hatte er dennoch kaum etwas entgegen zu setzen.
Und was der Mensch essen will, hegt er: Um die dreihunderttausend der majestätischen Tiere grasen heute wieder in der nordamerikanischen Prärie. Dabei handelt es sich um domestizierte Nachkommen einzelner versprengter Büffelgruppen, die nach einer beispiellosen Massenhatz Ende des 19. Jahrhunderts übrig geblieben waren.
Wertvolle Rohstoffe
Noch vor hundertfünfzig Jahren gab es vierzig, nach anderen Schätzungen sogar sechzig Millionen dieser Kolosse auf dem ganzen Kontinent. Gewaltige Herden wanderten auf der Suche nach Weidegründen und Wasserstellen durch Steppen und Flusstäler. Über Jahrtausende teilten Büffel, wie die amerikanischen Vertreter der Gattung Bison heißen, ihren Lebensraum mit dem Menschen. Die Ureinwohner ersannen ausgeklügelte Jagdmethoden, um die wertvollen Rohstofflieferanten zu erlegen. Bisonfleisch diente als Nahrung, Fell und Leder zur Herstellung von Kleidern, Zelten, Decken und Sätteln; aus Sehnen und Knochen wurden Werkzeuge, Leim, Geschirr oder Schmuck. Der Büffel lieferte alles, was Menschen zum Überleben brauchten.
Die Tiere zu jagen, erwies sich anfangs jedoch als äußerst schwierig und gefährlich. Ein ausgewachsener Bulle bringt mit einer Schulterhöhe von fast zwei Metern und einer Körperlänge von knapp vier Metern um die achthundert Kilogramm auf die Waage. Trotz solch gigantischer Ausmaße erreicht der träge wirkende Koloss bei seiner Flucht durch die Prärie Geschwindigkeiten von bis zu 65 Stundenkilometern. Damit ist der Büffel fast so schnell wie ein Rennpferd.
Zeitgenössische Darstellung der Jagd auf Büffel (um 1840): schwierig und gefährlich für die indianischen Jäger.
Bevor sich im Zuge der spanischen Eroberung Pferde auf dem Kontinent ausbreiteten und die Büffeljagd erleichterten, griffen indianische Jäger auf eine beliebte Methode namens Buffalo Jump zurück: Die Tiere wurden über den Rand einer Schlucht gehetzt, an deren Grund sie verletzt liegen blieben und gefahrlos zu erlegen waren.
Historiker schätzen, dass die Stämme der nordamerikanischen Prärie mit ihren rund 70.000 Angehörigen jährlich etwa 450.000 Büffel für den Eigenbedarf jagten. Mit der Ankunft weißer Händler und Siedler in den Great Plains (den "Großen Ebenen") Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch eskalierte die einst auf Nachhaltigkeit beruhende Jagd und entwickelte sich zum Blutrausch.
Volkssport Büffeljagd
Zunächst noch erbeuteten indianische Jäger hunderttausende Büffelhäute, bevor sich die Weißen selbst auf die Jagd nach der begehrten Handelsware machten. Innerhalb weniger Jahre fielen Millionen Tiere dem großen Abschlachten zum Opfer. Die Erschließung des Landes mit Eisenbahnen besiegelte ihr Schicksal. Bahnarbeiter ernährte man mit Bisonfleisch und nach der Fertigstellung der Bahnlinien wurde es zum Volkssport, die Tiere aus fahrenden Zügen abzuschießen. Ein besonders treffsicherer Schütze war William F. Cody, genannt Buffalo Bill. Er schaffte rund 60 Büffel am Tag.
Wo einst der Donnerhall hunderttausender Büffelhufe die Steppe erfüllte, häuften sich nun verwesende Tierkadaver. Nur auf die Häute hatten es die Jäger abgesehen; die wachsenden Industrien der USA und Europas fertigten aus dem kräftigen Büffelleder Antriebsriemen für ihre Maschinen und Schuhsohlen. Ganze Armeen wurden mit Stiefeln aus Bisonleder ausgestattet - für die USA, die nach dem Bürgerkrieg dringend auf Devisen angewiesen waren, ein profitables Geschäft. Die Regierung nahm den ökologischen Ausverkauf des Landes so lange hin, bis Ende des 19. Jahrhunderts nur noch ein paar hundert Tiere übrig waren.
Die letzten ihrer Art
Rund zweihundert davon lebten damals im Yellowstone-Gebiet, das 1872 zum Nationalpark erklärt worden war. Der Schutzstatus jedoch konnte Wilderer nicht aufhalten. 1902 wurden im Nationalpark noch 23 Büffel gezählt - erst der Einsatz der Kavallerie rettete sie vor der endgültigen Ausrottung.
Heute umfasst die Herde wieder dreitausend bis fünftausend Exemplare genetisch reiner Wildbüffel - die letzten ihrer Art. Gemeinsam mit ihren dreihunderttausend Verwandten auf den riesigen Ranches der Prärie werden die amerikanischen Bisons von der Weltnaturschutzunion IUCN nur noch als "gering gefährdet" eingestuft.
Das Schicksal des Zuchtbisons
Glückliches Ende einer traurigen Geschichte? Nicht ganz: Die wilden Büffel begeben sich in Gefahr, sobald sie den Nationalpark verlassen. Die Vergabe von Jagdlizenzen soll verhindern, dass sich die Tiere über den deklarierten Schutzraum hinaus ausbreiten. Seinen einstigen Lebensraum zurückerobern darf sich das Wappentier der Prärie nämlich nicht. Und das Schicksal der Zuchtbisons ist von vornherein besiegelt, denn: Was gehegt wird, will man essen...
Ulrike Wolf (aktualisiert 26.10.2011)
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Stark gefährdet - der Wisent
Ein enger Verwandter des amerikanischen Büffels ist der Wisent - Europas größtes und schwerstes Landsäugetier. Einst lebten Wisente in ganz Mittel-, West- und Südosteuropa. Seit der Eiszeit bewohnten die Wildrinder Grassteppen, Wiesen und Wälder des Kontinents, wo sie als Pflanzenfresser Laub, junge Triebe, Wurzeln und Baumrinde in Hülle und Fülle fanden. Doch ähnlich wie ihre amerikanischen Vettern fielen die Tiere menschlicher Rücksichtslosigkeit zum Opfer.
Das Aussterben der Wisente begann bereits im 8. Jahrhundert in Südeuropa und zog sich die folgenden Jahrhunderte über die restlichen Teile des Kontinents. Der Verlust und das Zerstückeln ihrer Lebensräume sowie uneingeschränkte Jagd und Wilderei brachten die Tiere an den Rand der Ausrottung.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lebten nur noch einige hundert Wisente zurückgezogen in entlegenen Waldgebieten des Kaukasus und Polens. Hunger und Elend der Menschen während des Ersten Weltkriegs machten aber auch den letzten frei lebenden Exemplaren der Gattung den Garaus. Nur wenige Dutzend Tiere hatten in Gefangenschaft überlebt.
Unterstützt von zoologischen Gärten startete die Internationale Gemeinschaft zur Rettung des Wisents 1923 ein Zuchtprogramm, um die Art zu erhalten. 1952 wurde im Urwald von Bialowieza im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet eine kleine Wisentherde ausgewildert. Sie entwickelte sich so prächtig, dass aus ihr weitere Herden hervorgingen, die heute in Weißrussland, Litauen, in der Ukraine und im Kaukasus leben.
Allein der Wald von Bialowieza, der 1979 von der UNESCO als Weltnaturerbe unter Schutz gestellt wurde, ist heute Heimat für 450 Wisente. Nach Angabe des World Wide Fund For Nature (WWF) lag der Gesamtbestand der reinrassigen europäischen Bisons im Jahr 2006 bei etwa 3.500 Individuen, inklusive der 1.800 wild und halbwild (in riesigen umzäunten Schutzgebieten) lebenden Tiere.
Doch der Bestand nimmt bereits wieder ab. Von der Weltnaturschutzunion IUCN wird der Wisent deshalb als "stark gefährdet" eingestuft: Menschliche Eingriffe in die Natur, sprich die großflächige Umwandlung ursprünglicher weiter Waldökosysteme in Agrarland und Forstplantagen, beschränken den Lebensraum der Tiere.
Fragmentierung und Isolierung der noch vorhandenen Wisent-Reviere verhindern den genetischen Austausch zwischen den Herden. Ihr Genpool ist durch die Nachzucht bereits geschwächt, zudem leiden die Tiere unter Inzucht. Auch die Wilderei ist noch immer ein großes Problem, trotz strenger Schutzbestimmungen. All das erschwert die Etablierung überlebensfähiger Populationen in der Wildnis.
Ein enger Verwandter des amerikanischen Büffels ist der Wisent - Europas größtes und schwerstes Landsäugetier. Einst lebten Wisente in ganz Mittel-, West- und Südosteuropa. Seit der Eiszeit bewohnten die Wildrinder Grassteppen, Wiesen und Wälder des Kontinents, wo sie als Pflanzenfresser Laub, junge Triebe, Wurzeln und Baumrinde in Hülle und Fülle fanden. Doch ähnlich wie ihre amerikanischen Vettern fielen die Tiere menschlicher Rücksichtslosigkeit zum Opfer.
Das Aussterben der Wisente begann bereits im 8. Jahrhundert in Südeuropa und zog sich die folgenden Jahrhunderte über die restlichen Teile des Kontinents. Der Verlust und das Zerstückeln ihrer Lebensräume sowie uneingeschränkte Jagd und Wilderei brachten die Tiere an den Rand der Ausrottung.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lebten nur noch einige hundert Wisente zurückgezogen in entlegenen Waldgebieten des Kaukasus und Polens. Hunger und Elend der Menschen während des Ersten Weltkriegs machten aber auch den letzten frei lebenden Exemplaren der Gattung den Garaus. Nur wenige Dutzend Tiere hatten in Gefangenschaft überlebt.
Unterstützt von zoologischen Gärten startete die Internationale Gemeinschaft zur Rettung des Wisents 1923 ein Zuchtprogramm, um die Art zu erhalten. 1952 wurde im Urwald von Bialowieza im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet eine kleine Wisentherde ausgewildert. Sie entwickelte sich so prächtig, dass aus ihr weitere Herden hervorgingen, die heute in Weißrussland, Litauen, in der Ukraine und im Kaukasus leben.
Allein der Wald von Bialowieza, der 1979 von der UNESCO als Weltnaturerbe unter Schutz gestellt wurde, ist heute Heimat für 450 Wisente. Nach Angabe des World Wide Fund For Nature (WWF) lag der Gesamtbestand der reinrassigen europäischen Bisons im Jahr 2006 bei etwa 3.500 Individuen, inklusive der 1.800 wild und halbwild (in riesigen umzäunten Schutzgebieten) lebenden Tiere.
Doch der Bestand nimmt bereits wieder ab. Von der Weltnaturschutzunion IUCN wird der Wisent deshalb als "stark gefährdet" eingestuft: Menschliche Eingriffe in die Natur, sprich die großflächige Umwandlung ursprünglicher weiter Waldökosysteme in Agrarland und Forstplantagen, beschränken den Lebensraum der Tiere.
Fragmentierung und Isolierung der noch vorhandenen Wisent-Reviere verhindern den genetischen Austausch zwischen den Herden. Ihr Genpool ist durch die Nachzucht bereits geschwächt, zudem leiden die Tiere unter Inzucht. Auch die Wilderei ist noch immer ein großes Problem, trotz strenger Schutzbestimmungen. All das erschwert die Etablierung überlebensfähiger Populationen in der Wildnis.



