Der ideale Mensch
Dem Arzt und Erzieher Daniel Gottlob Moritz Schreber galt die Harmonie von Körper und Geist als oberstes Gebot. Trotz seiner modernen Ansätze ist Schreber jedoch umstritten."Dem Heile künftiger Geschlechter" widmete Daniel Gottlob Moritz Schreber 1858 sein viel gelesenes und nicht minder gescholtenes Buch der Erziehung. Der Arzt und Pädagoge sah in der Erziehung das wichtigste Instrument zur Schaffung eines an Leib und Seele gesunden, tugendhaften und strebsamen Menschen. Alles Handeln Schrebers war auf dieses Ideal ausgerichtet: auf die "allseitige Vervollkommnung der Menschennatur".
Orthopädische Folterapparate
Ein Wunsch, der harmlos scheint und nichts Verwerfliches an sich hat - ebenso wie die Forderung nach städtischen Spielplätzen und Grünflächen für in Mietskasernen zusammengepferchte Arbeiterkinder. Schrebers Anhänger feierten ihn daher gern als Vorreiter der Naturheilkunde und Ideengeber der Schrebergärten, obwohl Schreber mit Gartenarbeit rein gar nichts am Hut hatte.
Was sie ausblendeten, war die Unerbittlichkeit, mit der er sein Ziel verfolgte. Nicht ganz ohne Anlass kritisierten seine Gegner Schreber als bigotten Fanatiker und sadistischen Haustyrannen, der selbst seine eigenen Kinder als Versuchskaninchen für orthopädische Folterapparate benutzt habe. Sein Ratgeber sei nichts anderes als eine Anleitung zu elterlicher Kindesmisshandlung.
"Schwarzer Pädagoge"
Auch gegenwärtig dominiert das Bild von Schreber als "Schwarzem Pädagogen": als einer, der sich gewalttätiger und einschüchternder Erziehungsmethoden bediente. Vom Standpunkt seiner Zeit aus gesehen hatte Schreber jedoch lediglich damals allgemein anerkannte Vorstellungen von Gesundheitsvorsorge und geistig-moralischer Erziehung mit seinem in der Praxis erworbenen Wissen gebündelt.
Als Leiter der orthopädischen Heilanstalt in Leipzig hatte Schreber schließlich jahrelange Berufserfahrung mit Krankheiten und körperlichen Behinderungen, von Tuberkulose über Asthma bis zu Muskellähmung. Nach Meinung des Arztes waren "tausenderlei Kränkeleien und Gebrechen in relativer Zunahme begriffen". Die Deutschen seien nicht nur leistungsschwach und anfällig für Strapazen aller Art, sondern auch abgestumpft, schlaff und verweichlicht, kurz: sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht von Krankheit zerfressen.
Harmonische Entwicklung
Abhilfe versprach nur die Harmonie von Körper und Geist. Wurde in der vorangegangenen Literatur der Mensch selten als Ganzes betrachtet, widmete sich Schreber in seiner Erziehungslehre geradezu minutiös der körperlichen und geistigen "Aufzucht" des Kindes. Im völkisch-patriotischen Grundtenor sprach er von "edlen Keimen" wie Gesundheit und Schönheit, die sich im ständigen Kampf mit Krankheit, "Entartung" und Tod, den "unedlen Keimen", befänden. Ernährung, Hygiene, Bewegung, Gefühlsleben, Denkvermögen, Charakterbildung - all das galt es in Einklang zu bringen.
Sport als Lebensideologie
Sportliche Betätigung sah Schreber als geeignetes Mittel zur Entwicklung eines gesunden Körpers. Er wusste auch hier aus Erfahrung, wovon er sprach: Einst ein schmächtiger Jüngling, war er durch das Turnen zu einem kräftigen Mann herangewachsen, dem körperliche Fitness Lebenselixier und -ideologie zugleich war. Und so forderte Schreber für Kinder regelmäßige, jeweils auf eine Stunde begrenzte, sportliche Bewegung, um Immunsystem und Selbstbewusstsein zu stärken.
Was Sport für den Körper leistete, sollten Religion und elterliche Zuwendung für den Geist bewirken. Obwohl Schreber ein zutiefst gläubiger Christ war, warnte er allerdings vor einer verfrühten Infiltrierung der Kinder mit Religion, vor Zwang und Übermaß: "Der wahre religiöse Sinn kann nur frei aus dem Inneren heraus sich entwickeln, nicht von außen aufgepfropft werden."
Erziehung mit Gefühl
Eine ebenso große Gefahr sah Schreber darin, Elternliebe mit einem Übermaß an Spielzeug zu verwechseln. Vielmehr sollten Mutter und Vater dem Kinde mit "spürbarer Liebe und Heiterkeit" begegnen, ihm ein "Musterbild der Humanität und Tugendhaftigkeit" sein. Schreber durchbrach das Stereotyp der strengen, gefühlsverneinenden Elternschaft, forderte sportliche Betätigung, Kindergärten und die Aufwertung der Erziehungswissenschaften und plädierte für einen zwanglosen Umgang mit Religiosität - Ansichten, die auch in der heutigen Zeit aktuell sind. Doch selbst wenn sich in modernen ärztlichen Ratgebern Schrebersche Aspekte widerspiegeln: das Janusgesicht seiner Erziehungslehre bleibt.
"Unbedingter Gehorsam"
Kritiker werfen ihm vor, ihm fehle das Verständnis für jeglichen Eigenwillen des Kindes. Tatsächlich verlangte er "unbedingten Gehorsam". Nicht nur die körperliche Züchtigung hielt Schreber für ein probates Mittel, um Trotz zu brechen, sondern auch die "Rügentafel", auf der jeder Verstoß festzuhalten war. Wenn dann "im Beisein aller Abrechnung gehalten" wurde, kam dies dem mittelalterlichen Pranger gleich. Auch das Turnen hatte eine mehrdeutige Funktion, sollte es doch nicht allein die Gesundheit stärken, sondern vor allem der "vorzeitigen Mannbarkeitsentwicklung" (Masturbation), dem "Grundübel" des Menschen, vorbeugen.
Voll im zeitgenössischen Trend
War Schreber also doch ein autoritärer und verblendeter Pädagoge? Verglichen mit der Flut an populär-medizinischen Schriften, die seit der Aufklärung rege publiziert wurde, lag Schreber eindeutig im Trend zeitgenössischer Vorstellungen von Erziehung. Das Streben nach dem Idealmenschen entsprang nicht allein dem Geist Schrebers, war die "Zucht" von gesunden Staatsbürgern doch politischer Grundkonsens im vom Einheitsgedanken beseelten Deutschland des 19. Jahrhunderts.
Unvermeidliche Mängel
Schreber wollte mit seinen Erziehungsmethoden "die Krankheit unserer Tage, welche die Ursache der Lebensmüdigkeit, der Geisteskrankheiten und Selbstmorde" sei, ausmerzen. Allerdings maßte er sich nicht an, allgemeingültige Wahrheiten zu postulieren, sondern billigte seinem Ratgeber durchaus "unvermeidliche Mängel" zu. Diese Mängel traten vor allem in seiner eigenen Familie zutage: Zwei seiner Kinder starben in Irrenanstalten, während sich sein ältester Sohn zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des Buches der Erziehung eine Kugel in den Kopf schoss.
Yvonne Schmidt (30.10.2007)
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Infobox
Daniel Gottlob Moritz Schreber
1808: Moritz Schreber wird als Sohn von Johann Gotthilf Daniel Schreber und Friederike Charlotte Grosse in Leipzig geboren.
1808: Moritz Schreber wird als Sohn von Johann Gotthilf Daniel Schreber und Friederike Charlotte Grosse in Leipzig geboren.
1818-1825: Besuch der Thomas-Schule.
1826: Beginn des Medizinstudiums, Promotion 1833.
Bis 1836: Leibarzt des russischen Fürsten Stakowitzsch.
Seit 1836: Praktischer Arzt und Privatdozent an der medizinischen Fakultät Leipzig.
1838: Heirat mit Pauline Haase, die in den nächsten zehn Jahren fünf Kinder zur Welt bringt.
1844: Übernahme der orthopädischen Heilanstalt in Leipzig.
1845: Mitbegründer des Allgemeinen Turnvereins zu Leipzig.
1858: Eines seiner wichtigsten Werke, das Buch der Erziehung, erscheint.
1861: Tod mit 53 Jahren.
1844: Übernahme der orthopädischen Heilanstalt in Leipzig.
1845: Mitbegründer des Allgemeinen Turnvereins zu Leipzig.
1858: Eines seiner wichtigsten Werke, das Buch der Erziehung, erscheint.
1861: Tod mit 53 Jahren.



