Flair und Eleganz
Am 4. Oktober 1883 begann auf dem Pariser Bahnhof Gare de Strasbourg eine neue Ära: Der "König der Züge" machte sich auf den Weg von der Stadt an der Seine über Straßburg, Wien und Budapest Richtung Istanbul.Der Orient-Express hatte Werbung - wie hier auf diesem Plakat - kaum nötig.
Gobelins und Kristall
Der Belgier Georges Nagelmackers hatte die Vision, Paris und Konstantinopel per Zug zu verbinden und eine Reise mit allen auch nur erdenklichen Annehmlichkeiten zu bieten. Die Idee wurde Realität - und mit dem Orient-Express ein Luxushotel auf Rädern geschaffen: Bequeme Schlafwagen, der Speisewagen ausgestattet mit wertvollen Gobelins und vierarmigen Kronleuchtern, die Tische eingedeckt mit teuerstem Kristall, Porzellangeschirr und Silberbesteck.
Drei Nächte und zwei Tage dauerte die 3.186 Kilometer lange Fahrt: Der Weg - und nicht das Ziel - als Erlebnis und Genuss. Die Sehnsucht nach der geheimnisvollen Welt des Orients lockte Reiche und Berühmte: Franzosen, Bayern, Österreicher, Bulgaren und Türken frequentierten Abteile und Gänge.
High Society von der Insel
Die Luxuszüge, welche die hochalpinen Regionen der Schweiz anliefen, hatten ein anderes Klientel: Die gefährliche und geheimnisvolle Welt der Alpen weckte bei der "high society" der britischen Insel das Reisefieber. Einer dieser Luxuszüge war der Engadin-Express, der erstmals am 4. Juli 1896 zwischen Calais und Chur verkehrte, mit einem Zweig nach und von Interlaken.
Nagelmackers Plan
Knapp 22 Stunden dauerte die Reise von London nach Chur. Aber Nagelmackers wollte mehr: Der visionäre Gründer der Compagnie Internationale des Wagons-Lits et des Grands Express Européens, weltweit unter dem Siegel CIWL bekannt, sagte bei der Eröffnung der Generalversammlung am 11. März 1884: "Wir beschäftigen uns mit einem weiteren großen internationalen Zug, der, von St. Petersburg ausgehend, über Berlin, Paris und Madrid, in Lissabon nahtlosen Anschluss an die Südamerika-Dampfer herstellt."
Nagelmackers Plan, die 4.834 Kilometer lange Strecke völlig ohne Wagenwechsel zu bewältigen, wurde nicht realisiert. Es gab Umwege und Verzögerungen. Für die erste Teilstrecke, Calais-Paris-Madrid-Lissabon, wurde im Jahre 1887 der Süd-Express eingerichtet. Erst 1896 ging der Nord-Express, der die zweite Teilstrecke umfasste, auf Fahrt. Zwar musste der Zug dreimal gewechselt werden, aber die direkte Verbindung zwischen Sankt Petersburg und Lissabon war durch den Anschluss des Nord- an den Süd-Express im Pariser Nordbahnhof hergestellt.
Einführung der 2. Klasse
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 allerdings wurde jeglicher internationaler Eisenbahnverkehr in Europa eingestellt. Die Bilanz der CIWL bis zu diesem Zeitpunkt konnte sich sehen lassen: Seit 1883 wurden insgesamt 27 große Europäische Expresszüge eingerichtet...
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Infobox
Um den Orient-Express ranken sich allerlei Geschichten - viel Stoff für Träume und Schlagzeilen. In ihm reisten Fürsten, Zaren, Könige, Würdenträger und Prominente aller Art: Leopold II. von Belgien, Papst Pius XII., Charles de Gaulle, Mata Hari, Leo Trotzki, Agatha Christie und Greta Garbo. In ihm wurde geliebt, Politik gemacht, gemordet und Ablenkung gesucht: 1929 war der Zug kurz vor Istanbul zehn Tage eingeschneit. Zwei Jahre später wurde er von ungarischen Faschisten bombardiert - es gab sogar Tote. Schlafwagen Nr. 3425 war ein Schauplatz amouröser Geschichten: König Carol von Rumänien benutzte ihn für seine Liebesabenteuer. Schlafwagen 3544 diente einem geschäftstüchtigen Beamten als Bordell.



