Das große Rennen
Ideengeber des neuzeitlichen Marathons war 490 v. Chr. der sagenhafte Lauf eines griechischen Boten - sagenhaft im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Stichwort Marathon dachten die Griechen nämlich an Waffengeklirr.Herodot von Halikarnassos (485 bis 425 v. Chr.) Seine - gefärbte - Beschreibung der Schlacht bei Marathon bestimmte das Geschichtsbild bis ins 19. Jahrhundert.
Zwischen den Athenern, gut bekannt mit deren Führern, lebt Herodot von Halikarnassos, "Vater der Geschichtsschreibung" (Pater historiae), wie ihn Cicero später nennen wird.
Gemeinsam gegen die Perser
Herodot sitzt also in Athen und schreibt: die Geschichte eines anderen Krieges, der noch nicht lange vorüber ist: Knapp ein halbes Jahrhundert zuvor nämlich fochten Griechen - die jetzt so verbissen untereinander streiten - gemeinsam gegen die Perser. Herodot schreibt auch über die erste Schlacht jenes anderen, längst vergangenen Krieges: Marathon.
Weil Herodot für die Nachwelt Pater historiae blieb, stammt beinahe alles, was wir über das Gefecht bei Marathon im späten August oder September 490 wissen, direkt oder indirekt von ihm. Der unsterbliche Historiker erzählt uns sozusagen persönlich, wie persische Schiffe mit Männern, Pferden und Waffen in die Bucht von Marathon dringen. Er erzählt, wie die Athener - ihre Stadt liegt nur rund vierzig Kilometer von Marathon entfernt - einen Meldeläufer namens Pheidippides mit der Bitte um Hilfe zum verbündeten Sparta senden.
Herodot berichtet, nicht ohne Absicht, über das schmähliche Zaudern der Spartaner, die erst den nächsten Vollmond abwarten wollen. Bei Herodot lesen wir schließlich, wie die athenische Phalanx dann eben allein, nur rund neuntausend Mann stark, das ums Vielfache überlegene Heer der Perser attackiert - und triumphal siegt. 192 Bürger soll Athen in der Schlacht bei Marathon verloren haben; auf 6.400, erklärt Herodot, beliefen sich die Verluste der Perser.
Ein orientalischer Despot
Was genau wollten die Perser bei Marathon? Die Antwort liegt im Machtgerangel der antiken Welt. Bis Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. hatte Persien seine Herrschaft auf dem asiatischen Kontinent beträchtlich erweitert. Auch die griechischen Städte Kleinasiens gerieten unter die Fuchtel eines persischen Satrapen. Um 498 begann dort ein Aufstand, den athenische Truppen unterstützten. Zwar warf Persiens Großkönig Dareios I. die Rebellion nieder, wollte das Ganze damit aber nicht auf sich beruhen lassen.
Vielmehr setzte der orientalische Despot zur Bestrafung der Unterstützer an. Bald segelte eine persische Flotte unter Dareios' Neffen Datis gen Griechenland. Das persische Expeditionskorps ging in der Bucht von Marathon an Land. Denn dort versprach man sich Zuzug durch Athener Aristokraten, die gerade bei internen Stadtkämpfen unterlegen waren.
Sammelpunkt Herakles
Nach einmütigem, demokratischem Volksbeschluss, so hieß es später, zogen darauf die Athener aus, der Landungsstelle entgegen. Beim Heiligtum des Herakles auf der Ebene von Marathon war ihr Sammelpunkt - in gut anderthalb Kilometer Distanz zu den Schiffen der Perser.
Der Grund, weshalb Athens Feldherren Miltiades und Kallimachos trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Schlacht begannen, gehörte lange zu den Rätseln der Geschichte. Dabei dürfte die Erklärung simpel sein: Der Feind war bereits wieder beim Entwischen.
Griechischer Hoplit: Sein Kampfgeist war in der Antike berühmt - und berüchtigt.
Auf Befehl des Miltiades stürmt die gut trainierte Athener Phalanx nun gegen die an Land verbliebenen Perser, unterläuft deren Pfeilhagel, und richtet unter den hilflosen feindlichen Bogenschützen ein Blutbad an. Datis schreibt seine verlorene Nachhut ab, und segelt mit der Flotte - Richtung Athen.
Anders als bei Herodot dargestellt, der nur Triumphgefühle beschreibt, dürfte den Athenern trotz leicht errungenem Erfolg da etwas mulmig geworden sein. Denn Athen ist ohne Deckung, weil die Phalanx bei Marathon steht! Hier liegt wohl die Wurzel der Legende vom Marathon-Läufer.
Massen-Sport
Auf uns wirkt es ziemlich unglaubhaft, dass ausgerechnet jener Pheidippides, der schon die 460 Kilometer nach Sparta und zurück in den Beinen hatte, der Läufer gewesen sein soll. Ganz sicher aber rief Pheidippides, bevor er in Athen tot zusammenbrach, nicht "Nike!, Nike!" (Sieg!, Sieg!), sondern wohl eher: "Die Perser kommen!"
Rasch rückte das Heer von Marathon ab, hastete die Küstenstraße entlang und ging vor Athen in Stellung. Viel lustiger übrigens als der einsame Lauf des Pheidippides auf dem kürzeren Bergpfad mag der Dauerlauf von neuntausend schwer gepanzerten Hopliten auf der weit längeren Küstenstraße ausgesehen haben - wahres Vorbild des modernen Massen-Sports.
Europäische Historiker im 19. Jahrhundert bauschten den Sieg noch einmal tüchtig auf: hier, in einer Buchillustration, das Lager beim Heiligtum des Herakles.
Reichlich spät, ohne übergroße Eile, erreichen irgendwann die Spartaner den verlassenen Ort des Gemetzels. Sie betrachten fachkundig das Schlachtfeld und gehen wieder nach Hause. Das soll ihnen anhängen, ewig.
Datis nun, der die Athener, wenn auch mit hängenden Zungen, vor ihrer Stadt stehen sieht, befiehlt - noch entsetzt von athenischer Grausamkeit - den Abbruch der Expedition. Mit den abtrünnigen Athenern und vielen griechischen Sklaven an Bord segelt die Flotte in heimatliche Gewässer. Seinem Großkönig meldet der persische Anführer Erfolg - abgesehen von der "kleinen Panne" bei Marathon.
Innuberabilis fabulae
Athen aber - oder sollte man besser sagen: Herodot - schmückte das Strandscharmützel mit Phantasie. Es geriet zum Schlüsselereignis der Geschichte. Im Propagandakrieg gegen Sparta - den aktuellen Feind - diente der Marathon-Mythos als Wunderwaffe. Als das Europa des 19. Jahrhunderts dann die Athener glorifizierte, wurde auch Marathon noch einmal tüchtig aufgebauscht.
Ohne den Sieg dort, war man sich einig, gäbe es weder Humanismus noch Moderne, wäre Europa bloß Anhängsel asiatischer Despotie. Die Autorität, auf die man sich beruft, heißt Herodot. Herodot - den Cicero nicht nur "Vater der Geschichtsschreibung", sondern, im gleichen Atemzug, Erzähler "zahlloser Märchen" (innuberabilis fabulae) nannte. Ob das je ein Widerspruch ist?
Michael Schmittbetz (15.09.2005)
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Ein nachweisbarer Zusammenhang...
zwischen der Schlacht bei Marathon und dem bekannten Marathon-Lauf existiert nicht. Ob es den Pheidippides-Lauf vom Schlachtfeld bis nach Athen gab, ist, freundlich formuliert, umstritten. Dieses Motiv geht wahrscheinlich auf spätere, byzantinische Quellen zurück und spielt auf die griechische Tradition des Waffenlaufs an.
Tatsache ist jedoch die enge Verbindung von Kampf und Sport im antiken altgriechischen Kulturraum. Der Begriff des Agon, des körperlichen Wettbewerbs, drückt die Beziehung aus. Dass sich die athenische Phalanx den persischen Fußtruppen deutlich überlegen erwies, ist nicht zuletzt dem quasi- sportlichen Selbstverständnis zu verdanken. Der Schlacht bei Marathon, mit der wichtigen Phase des Sturmlaufs unter den persischen Pfeilen, steht hierfür als Symbol.
zwischen der Schlacht bei Marathon und dem bekannten Marathon-Lauf existiert nicht. Ob es den Pheidippides-Lauf vom Schlachtfeld bis nach Athen gab, ist, freundlich formuliert, umstritten. Dieses Motiv geht wahrscheinlich auf spätere, byzantinische Quellen zurück und spielt auf die griechische Tradition des Waffenlaufs an.
Tatsache ist jedoch die enge Verbindung von Kampf und Sport im antiken altgriechischen Kulturraum. Der Begriff des Agon, des körperlichen Wettbewerbs, drückt die Beziehung aus. Dass sich die athenische Phalanx den persischen Fußtruppen deutlich überlegen erwies, ist nicht zuletzt dem quasi- sportlichen Selbstverständnis zu verdanken. Der Schlacht bei Marathon, mit der wichtigen Phase des Sturmlaufs unter den persischen Pfeilen, steht hierfür als Symbol.



