Wenn der Vater...
Modelleisenbahner lassen ihre detailgetreuen Nachbildungen nicht einfach nur planlos im Kreis herum fahren. Auf den Gleisen herrscht geregelter Bahnbetrieb. Was als Spiel beginnt, wird schnell zur Leidenschaft.Das Wichtigste: die Wahl der Spurweite. In H0 sind die Eisenbahnen detailgetreu und handlich, aber auch kleinere Loks in TT und N machen Power.
Freude im Geheimen
Das war bis in die 1920er Jahre ganz anders: Spielzeugeisenbahnen gab es damals offiziell nur für Kinder. Erwachsene Freunde der Miniatureisenbahnen trafen sich dann eher im Geheimen und das, obwohl die Beschäftigung mit Dampfmaschinen und Schiffbau im Modell bereits anerkannt war.
Erste Nachbildungen des neuen Verkehrsmittels erschienen übrigens schon kurz nachdem die ersten echten Eisenbahnen in England (1828) und Deutschland (1835) den Dienst aufgenommen hatten.
Brandgefahr durch Spiritus
Für den gut gefüllten Geldbeutel gab es Lokomotiven und Wagen aus Silber; sie dienten als Briefbeschwerer oder als Schmuckgegenstände. Zinnplastiken und -reliefs imitierten die rauchenden Vorbilder für die breite Bevölkerung. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen erste Holzeisenbahnen auf den Markt, die allerdings geschoben oder an einem Strick gezogen werden mussten. In den folgenden Jahren experimentieren Hersteller mit verschiedenen Antriebsmöglichkeiten. Spiritus konnte sich wegen des hohen Brandrisikos nicht durchsetzen.
Uhrwerk und Elektro
Erfolgreicher war da schon der Uhrwerksantrieb. Er funktionierte auf der Grundlage des Schwungradantriebs. Langes Fahrvergnügen bot aber erst der Elektroantrieb, mit eigenen galvanischen Elementen um 1900, später über die Gleich- oder Wechselstromnetze der städtischen Netzanbieter realisiert.
Ausgestanzte, farbige Blechspielzeugeisenbahnen zogen auf den Gleisen ihre Runden und erfreuten dank niedriger Fertigungskosten und Verkaufspreise große Teile der Bevölkerung.
Spurweiten von 64 bis 6,5 Millimetern
Da viele potenzielle Käufer jedoch in kleinen Mietwohnungen lebten, sannen die Modelleisenbahnhersteller über kleinere Spurweiten nach, verglichen mit den bis dahin handelsüblichen, um ihre Produkte noch besser verkaufen zu können. Heutzutage reichen die Größen von II (Spurweite 64 Millimeter) für Freianlagen und Säle bis zu Z (Spurweite 6,5 Millimeter) für Schauvitrinen.
International gängigste und verbreitetste Spur ist die 1935 von der Firma Märklin eingeführte Spurweite von 16,5 Millimetern. Seit 1950 trägt sie die Bezeichnung H0 (halbe 0-Spur). Mit einem Darstellungsmaßstab von 1:87 eignet sie sich für Wohn- und Kellerräume. Außerdem besitzt die Spur H0 eine hohe Detailgenauigkeit, denn Modelleisenbahnen sollen naturgetreue Nachbildungen echter Eisenbahnen sein. Für eisenbahnbegeisterte Erwachsene und als Geschenk für Kinder gibt es Starterpackungen mit einer Lokomotive und mehreren Waggons mit Gleisen bereits ab hundert Euro.
Thüringen im Jahr 1975 zeigt die große Modellschauanlage in Wiehe. Nur der ICE ist eine Zukunftsvision.
Ist das Interesse einmal geweckt - und im Modelleisenbahnbau gibt es nur ein "love it or leave it" -, kann das zeitlose Hobby viel Zeit und Geld verschlingen. Manche Durchschnittsanlage hat, wenn sie denn mal fertig ist, den Wert eines Kleinwagens.
Zuerst muss jedoch die Frage geklärt werden, wo die Anlage hin soll. Ob als Rechteck, U- oder L-Form - die große Grundplatte für einen abwechslungsreichen Bahnverkehr braucht Platz und kann selten ohne Probleme fortbewegt werden.
Wichtige Entscheidungen
Als nächstes stehen Entscheidungen über die Spurweite, die Zeitepoche und die Nachbildung einer bestehenden Gleisanlage oder einer selbst entwickelten Landschaft an. Mit Hilfe einer Gleisschablone oder eines geeigneten Computerprogramms wird dann der Gleisplan entwickelt. Die Grundplatten mit den Gleisanlagen werden meist aus Sperrholz hergestellt, weil es sich gut bearbeiten lässt und stabil ist. Dabei müssen versteckte Streckenabschnitte - so genannte Schattenbahnhöfe - auf der Grundplatte gut erreichbar bleiben, um notwendige Arbeiten vornehmen zu können.
Der Anlage Leben einhauchen: mit kleinen Figuren und liebevoll gestalteten Szenen.
Die Züge können manuell oder mit der Software des Computers gesteuert werden. Aber erst die Oberflächenkontur, Modellhäuser, Bäume, Sträucher und Figuren hauchen der Eisenbahnanlage wirklich Leben ein.
Gelungene Modellanlagen begeistern auch heute Jung und Alt und können sich zu wahren Publikumsmagneten entwickeln. Das freut Modelleisenbahner, die sich selbst als eigener Menschenschlag bezeichnen: "Ein wenig egozentrisch, verspielt und unendlich verliebt."
Christiane Nienhold (aktualisiert 10.11.2009)
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Infobox
Das Miniatur Wunderland in Hamburg
Auf zwei DIN-A4-Seiten entstand die Idee von der größten Modelleisenbahnanlage der Welt. Keine zehn Jahre später präsentieren die Zwillingsbrüder Gerrit und Frederik Braun auf über tausend Quadratmetern eine Wunderwelt en miniature, die nicht nur Eisenbahnfans begeistert: Das Miniatur Wunderland in Hamburgs historischer Speicherstadt entwickelte sich seit der Eröffnung im August 2001 innerhalb weniger Jahre zum touristischen Highlight der Hafenmetropole. Anfangs noch als Träumer belächelt, konnten die Betreiber im Sommer 2009 bereits den sechsmillionsten Gast begrüßen.
Kein Wunder, macht doch das Wunderland seinem Namen alle Ehre. Die Besucher erwartet eine Anlage der Superlative: 830 digital gesteuerte Züge mit über elftausend Waggons fahren auf den zwölf Kilometer langen Gleisen der Spurweite H0. Neunhundert Signale "regeln" den Verkehr, über zweitausend Weichen sorgen für ruhigen Verkehrsfluss, überwacht von vierzig Computern. Rund 3.500 Häuser und Brücken, 5.500 Autos, 200.000 Figuren und 215.000 Bäume lassen neben den Gleisen abwechslungsreiche und phantasievolle Landschaften entstehen.
Die mittlerweile 185 Mitarbeiter haben in rund 500.000 Arbeitsstunden bisher sieben Abschnitte fertig gestellt: den Harz, die fiktive Stadt Knuffingen, die österreichischen Alpen, Hamburg und die deutsche Küste, die USA, Skandinavien und die Schweiz. Jede dieser kleinen Wunderwelten hat besondere Attraktionen zu bieten. So gibt es einen funktionsfähigen Jahrmarkt, ein Skigebiet mit 15 Liften, eine 30.000 Liter fassende Meereswanne, eine ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse und einen Weltraumbahnhof. Die Schweiz lockt mit einem sechs Meter hohen, dem Matterhorn nachempfundenen Berg. Dafür wurde auf einer Fläche von hundert Quadratmetern die Decke durchbrochen.
Überall kann der Besucher liebevoll gestaltete Details entdecken, sie zum Teil sogar selbst per Knopfdruck zum Leben erwecken: Züge setzen sich in Bewegung, Windräder beginnen sich zu drehen, im Fußballstadion fällt ein Tor und Hubschrauber oder Spaceshuttle gehen in die Luft. 300.000 Lampen erzeugen einen simulierten Tagesablauf, bei dem sich alle 15 Minuten Dämmerung, Tag und Nacht wiederholen. Ein Ende des kreativen Schaffens ist nicht in Sicht, weitere Bauabschnitte befinden sich in Planung oder sogar schon im Bau.
Auf zwei DIN-A4-Seiten entstand die Idee von der größten Modelleisenbahnanlage der Welt. Keine zehn Jahre später präsentieren die Zwillingsbrüder Gerrit und Frederik Braun auf über tausend Quadratmetern eine Wunderwelt en miniature, die nicht nur Eisenbahnfans begeistert: Das Miniatur Wunderland in Hamburgs historischer Speicherstadt entwickelte sich seit der Eröffnung im August 2001 innerhalb weniger Jahre zum touristischen Highlight der Hafenmetropole. Anfangs noch als Träumer belächelt, konnten die Betreiber im Sommer 2009 bereits den sechsmillionsten Gast begrüßen.
Kein Wunder, macht doch das Wunderland seinem Namen alle Ehre. Die Besucher erwartet eine Anlage der Superlative: 830 digital gesteuerte Züge mit über elftausend Waggons fahren auf den zwölf Kilometer langen Gleisen der Spurweite H0. Neunhundert Signale "regeln" den Verkehr, über zweitausend Weichen sorgen für ruhigen Verkehrsfluss, überwacht von vierzig Computern. Rund 3.500 Häuser und Brücken, 5.500 Autos, 200.000 Figuren und 215.000 Bäume lassen neben den Gleisen abwechslungsreiche und phantasievolle Landschaften entstehen.
Die mittlerweile 185 Mitarbeiter haben in rund 500.000 Arbeitsstunden bisher sieben Abschnitte fertig gestellt: den Harz, die fiktive Stadt Knuffingen, die österreichischen Alpen, Hamburg und die deutsche Küste, die USA, Skandinavien und die Schweiz. Jede dieser kleinen Wunderwelten hat besondere Attraktionen zu bieten. So gibt es einen funktionsfähigen Jahrmarkt, ein Skigebiet mit 15 Liften, eine 30.000 Liter fassende Meereswanne, eine ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse und einen Weltraumbahnhof. Die Schweiz lockt mit einem sechs Meter hohen, dem Matterhorn nachempfundenen Berg. Dafür wurde auf einer Fläche von hundert Quadratmetern die Decke durchbrochen.
Überall kann der Besucher liebevoll gestaltete Details entdecken, sie zum Teil sogar selbst per Knopfdruck zum Leben erwecken: Züge setzen sich in Bewegung, Windräder beginnen sich zu drehen, im Fußballstadion fällt ein Tor und Hubschrauber oder Spaceshuttle gehen in die Luft. 300.000 Lampen erzeugen einen simulierten Tagesablauf, bei dem sich alle 15 Minuten Dämmerung, Tag und Nacht wiederholen. Ein Ende des kreativen Schaffens ist nicht in Sicht, weitere Bauabschnitte befinden sich in Planung oder sogar schon im Bau.
Infobox
Die goldenen Jahre sind vorbei
War das Spielen mit Modelleisenbahnen in den 1960er und 1970er Jahren noch ein Massen-Hobby, ist die Branche momentan angeschlagen. Traditionsreiche Hersteller wie Roco und Märklin mussten bereits Insolvenz anmelden. Verschiedene, zueinander inkompatible Systeme, Detailversessenheit und hohe Preise gelten als Hauptgründe für das nachlassende Kundeninteresse. Doch auch die wachsende Konkurrenz durch Spielkonsole und Computer im Kinderzimmer bereitet der Branche seit Mitte der 1990er Jahre Sorge.
Allen Kunden gerecht zu werden - dem "Spielbahner", für den vor allem der Spielwert der Modelle zählt, und dem anspruchsvollen "Nietenzähler", der das Vorbild so exakt wie möglich nachbilden will - erwies sich in den letzten Jahren als nicht zu schaffender Spagat. All das zwingt die Unternehmen neue Wege einzuschlagen, um mehr Menschen für das Schienenhobby zu begeistern. So konkurrieren die Hersteller heute zunehmend über den Preis und weniger über Exklusivität; einfache Modelle für den Einsteigerbereich und neue Produktionsstandorte in Asien verändern das bekannte Preisgefüge.
Dringendstes Problem der Branche ist jedoch, wie der Nachwuchs mit dem Modelleisenbahn-Virus infiziert werden kann. Digitale Aufrüstung heißt hier das Zauberwort: Die Modelle kommen dem Original nicht nur optisch, sondern auch funktional, etwa beim Sound, so nah wie möglich. Es gibt heute sogar Züge mit eingebauter Kamera, die beim Fahren die Anlage aus Sicht des Lokführers filmt. Mittels Videobrille lässt sich so die Miniaturwelt aus völlig neuem Blickwinkel betrachten. Auch die Kompatibilität zum heimischen PC soll neue Fans ködern, computergesteuerte Systeme den Modellbau für die junge Zielgruppe attraktiver machen.
Dennoch führt kein Weg daran vorbei, die Jüngsten persönlich mit den vielen Möglichkeiten des Hobbys vertraut zu machen. Hoffnungsvoll blicken die Unternehmen daher auf die vielen Millionen Besucher der großen Schauanlagen: Wo werden schöner Begehrlichkeiten geweckt, die die Hersteller nur zu gerne erfüllen würden?
War das Spielen mit Modelleisenbahnen in den 1960er und 1970er Jahren noch ein Massen-Hobby, ist die Branche momentan angeschlagen. Traditionsreiche Hersteller wie Roco und Märklin mussten bereits Insolvenz anmelden. Verschiedene, zueinander inkompatible Systeme, Detailversessenheit und hohe Preise gelten als Hauptgründe für das nachlassende Kundeninteresse. Doch auch die wachsende Konkurrenz durch Spielkonsole und Computer im Kinderzimmer bereitet der Branche seit Mitte der 1990er Jahre Sorge.
Allen Kunden gerecht zu werden - dem "Spielbahner", für den vor allem der Spielwert der Modelle zählt, und dem anspruchsvollen "Nietenzähler", der das Vorbild so exakt wie möglich nachbilden will - erwies sich in den letzten Jahren als nicht zu schaffender Spagat. All das zwingt die Unternehmen neue Wege einzuschlagen, um mehr Menschen für das Schienenhobby zu begeistern. So konkurrieren die Hersteller heute zunehmend über den Preis und weniger über Exklusivität; einfache Modelle für den Einsteigerbereich und neue Produktionsstandorte in Asien verändern das bekannte Preisgefüge.
Dringendstes Problem der Branche ist jedoch, wie der Nachwuchs mit dem Modelleisenbahn-Virus infiziert werden kann. Digitale Aufrüstung heißt hier das Zauberwort: Die Modelle kommen dem Original nicht nur optisch, sondern auch funktional, etwa beim Sound, so nah wie möglich. Es gibt heute sogar Züge mit eingebauter Kamera, die beim Fahren die Anlage aus Sicht des Lokführers filmt. Mittels Videobrille lässt sich so die Miniaturwelt aus völlig neuem Blickwinkel betrachten. Auch die Kompatibilität zum heimischen PC soll neue Fans ködern, computergesteuerte Systeme den Modellbau für die junge Zielgruppe attraktiver machen.
Dennoch führt kein Weg daran vorbei, die Jüngsten persönlich mit den vielen Möglichkeiten des Hobbys vertraut zu machen. Hoffnungsvoll blicken die Unternehmen daher auf die vielen Millionen Besucher der großen Schauanlagen: Wo werden schöner Begehrlichkeiten geweckt, die die Hersteller nur zu gerne erfüllen würden?




