Der Natur ihren Lauf
Natur Natur sein lassen lautet die Devise der Nationalparks in Deutschland. Ihr Zweck ist es, ursprüngliche Ökosysteme vor menschlichen Eingriffen und Umweltverschmutzung zu schützen.Bis zur Wende suchte man den Hainich auf Landkarten vergeblich - zumindest auf denen aus DDR-Produktion. Jahrzehntelang war der Höhenzug im Westen Thüringens verbotenes Areal: Grenzgebiet und militärische Sperrzone. Im nördlichen Teil, dem Weberstedter Holz, schoss die NVA bis 1989 auf Panzerattrappen; der südlich angrenzende Kindel diente bereits der Deutschen Wehrmacht als Truppenübungsplatz und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee genutzt.
Einmaliger Waldbestand
Diesem Umstand verdankt das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands seine Existenz. Die Menschen aus der Region hatten lange Zeit die Kernbereiche des Hainichs nicht betreten dürfen, und so blieb er von wirtschaftlicher Nutzung weitgehend verschont. Bis Silvester 1997, als der südliche Teil des Hainichs zum Nationalpark erklärt wurde, war selbst den meisten Thüringern kaum bekannt, dass in ihrem Land ein europaweit einmaliger Waldbestand zu finden ist.
Zu den Ursprüngen zurück
In dem ehemals militärisch genutzten Gebiet lässt sich heute ein beeindruckender Wiederbewaldungsprozess beobachten. Der Nationalpark, der mit einer Größe von rund 7.600 Hektar etwa die Hälfte des gesamten Hainichs ausmacht, besteht bereits zu neunzig Prozent aus nutzungsfreien Flächen. Während andere deutsche Wälder forsttechnisch gepflegt werden, darf die Natur hier zu ihren Ursprüngen zurückkehren und als Wildnis wuchern - dem Motto der 15 deutschen Nationalparks gemäß: Natur Natur sein lassen.
Scheinbare Unordnung
So herrscht im Nationalpark Hainich scheinbare Unordnung: In den Randbereichen dominieren beweidete Magerrasen, die mit zahlreichen kleinen Tümpeln sowie verschiedensten Gebüschen und Gehölzgruppen durchsetzt sind. Großflächige Verbuschungen gehen schließlich über in Laubholzbestände aus siebzig Prozent Rotbuchen, sowie Eschen, Linden, Eichen und Ahorn. Absterbende Bäume werden nicht gefällt - sie bleiben neben bereits umgefallenen Exemplaren stehen.
Für Hunderte gefährdete Käferarten sind die Totholzbestände des Hainichs ein Eldorado. Verrottende Bäume bringen irgendwann wieder neues Leben in den Hainich. Der "Urwald mitten in Deutschland" - so die Eigenwerbung des Nationalparks - bietet manch selten gewordener Tier- und Pflanzenart ursprünglichen Lebensraum. So streicht selbst die scheue Wildkatze hier ungestört herum.
Atemberaubenes Erlebnis: in einer Höhe von knapp 25 Metern schlängelt sich der Baumkronenpfad durch den Hainich.
Bei aller Liebe zur Natur soll der Nationalpark natürlich auch den Tourismus in der Region beflügeln. Noch immer ist der Hainich außerhalb Thüringens kaum bekannt, und sensationelle Naturerscheinungen - etwa touristische Zugpferde wie der Brocken im Harz oder der Königsstuhl auf Rügen - sind Mangelware.
Durch die Wipfel des Waldes
Seit August 2005 jedoch bereichert eine Attraktion den Park, die ihresgleichen sucht: ein über fünfhundert Meter langer Baumkronenpfad, der sich durch die Wipfel des Waldes schlängelt. In den ersten zwei Monaten nach Eröffnung erlebten bereits mehr als hunderttausend Besucher den atemberaubenden Blick auf das Blätterdach des Hainichs, über das angrenzende Thüringer Becken zu den Bergen des Thüringer Waldes.
Der Weg aus Holzplanken, die auf stabilen Stahlträgern befestigt sind, führt in etwa 25 Meter Höhe in einen sonst unzugänglichen Bereich des Nationalparks. In luftiger Höhe lassen sich elf verschiedene Baumarten, diverse Baumpilze, Insekten, Spechte und abends auch Fledermäuse in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten.
Spannende Welten
Anfangs- und Endpunkt des Pfades ist ein Baumturm, der mit einer Höhe von 44 Metern weit über die Bäume ragt. Spannende Welten eröffnen sich beim Aufstieg in jedem Stockwerk des Turmes, wie zum Beispiel Einblicke in eine Spechthöhle oder in den Gang eines Borkenkäfers. Wer es bis ganz nach oben geschafft hat, wird auf der Besucherplattform mit der Aussicht auf faszinierende Naturlandschaften belohnt.
Erlebnispfad auf Stelzen
Die Nationalparkverwaltung hofft, mit dem Erlebnispfad auf Stelzen und weiteren Angeboten die Besucher für längere Aufenthalte begeistern zu können. Immer steht das "Naturerleben mit allen Sinnen" im Vordergrund. So liegt den Parkwächtern die Umweltbildung besonders am Herzen: geführte Wanderungen, Schul- und Kindergartenprogramme sollen den Gästen des Hainichs dessen einzigartige Flora und Fauna zum Greifen nahe bringen - Biologieunterricht direkt am Objekt.
Ulrike Wolf (aktualisiert 03.06.2009)
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Infobox
Seit im Jahr 1872 im Nordwesten der USA der Yellowstone Nationalpark gegründet wurde, setzte sich die Idee, Naturlandschaften großflächig zu schützen, weltweit durch. Nun, nach Jahrzehnten des Raubbaus, zielten die Bestrebungen darauf, Naturschönheiten für künftige Generationen zu erhalten und vor jeglicher Nutzung ihrer natürlichen Ressourcen zu bewahren. Kanada, Australien und Neuseeland erkannten bald die Chance, bisher ungestörte Gebiete von der Kultivierung auszunehmen und der Nachwelt zu erhalten.
Die ersten europäischen Nationalparks entstanden 1910 in Schweden. In den anderen Ländern des Kontinents etablierte sich der Nationalparkgedanke nach amerikanischem Vorbild erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute gibt es mehr als 2.200 Nationalparks in über 120 Ländern. Die Vielfalt ist groß und reicht von Meeres-, Küsten- und Waldgebieten über Gebirge bis zu Sumpf- und Moorlandschaften.
Zum ersten Nationalpark der BRD wurde 1970 der Bayerische Wald erklärt, 1978 folgte die Deklaration des Nationalparks Berchtesgaden. Seit 1985 sind fast alle Küstenbereiche des deutschen Wattenmeers (Nationalparke Niedersächsisches, Hamburgisches sowie Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer) unter Schutz gestellt. Derzeit besitzt Deutschland 15 Nationalparks. Allein sieben davon findet man im Osten des Landes; neben dem Hainich sind dies die Nationalparks Jasmund, Vorpommersche Boddenlandschaft und Müritz, Harz, Unteres Odertal und der Nationalpark Sächsische Schweiz.
Die ersten europäischen Nationalparks entstanden 1910 in Schweden. In den anderen Ländern des Kontinents etablierte sich der Nationalparkgedanke nach amerikanischem Vorbild erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute gibt es mehr als 2.200 Nationalparks in über 120 Ländern. Die Vielfalt ist groß und reicht von Meeres-, Küsten- und Waldgebieten über Gebirge bis zu Sumpf- und Moorlandschaften.
Zum ersten Nationalpark der BRD wurde 1970 der Bayerische Wald erklärt, 1978 folgte die Deklaration des Nationalparks Berchtesgaden. Seit 1985 sind fast alle Küstenbereiche des deutschen Wattenmeers (Nationalparke Niedersächsisches, Hamburgisches sowie Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer) unter Schutz gestellt. Derzeit besitzt Deutschland 15 Nationalparks. Allein sieben davon findet man im Osten des Landes; neben dem Hainich sind dies die Nationalparks Jasmund, Vorpommersche Boddenlandschaft und Müritz, Harz, Unteres Odertal und der Nationalpark Sächsische Schweiz.
Infobox
"Nationalparks sind Landschaften, wo sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzen entwickeln kann. Nationalparks schützen Landschaften, indem sie die Eigengesetzlichkeit der Natur bewahren und Rückzugsgebiete für wildlebende, zum Teil bedrohte Pflanzen und Tiere schaffen. Daher sind sie unverzichtbar für die biologische Vielfalt und den Artenreichtum unserer Erde."
Dieses Leitbild mit dem Erholungsbedürfnis von Touristen in Einklang zu bringen, ist für die Nationalparks eine große Herausforderung. Der Schutz der Natur steht allerdings nicht zwangsläufig im Widerspruch zu deren öffentlicher Zugänglichkeit: Zum einen helfen Einnahmen aus Eintrittsgeldern, den Schutz für Tiere und Pflanzen zu finanzieren; zum anderen vermitteln Nationalparks einmalige Einsichten in natürliche Prozesse und können so den Respekt vor der Umwelt stärken und zu einem schonenderen Umgang mit der Natur beitragen. Sie bilden zudem unersetzliche Erfahrungsräume für wissenschaftliche Beobachtung und helfen so, die Eigengesetzlichkeiten der Natur zu verstehen und dieses Wissen an künftige Generationen weiterzugeben.
Dieses Leitbild mit dem Erholungsbedürfnis von Touristen in Einklang zu bringen, ist für die Nationalparks eine große Herausforderung. Der Schutz der Natur steht allerdings nicht zwangsläufig im Widerspruch zu deren öffentlicher Zugänglichkeit: Zum einen helfen Einnahmen aus Eintrittsgeldern, den Schutz für Tiere und Pflanzen zu finanzieren; zum anderen vermitteln Nationalparks einmalige Einsichten in natürliche Prozesse und können so den Respekt vor der Umwelt stärken und zu einem schonenderen Umgang mit der Natur beitragen. Sie bilden zudem unersetzliche Erfahrungsräume für wissenschaftliche Beobachtung und helfen so, die Eigengesetzlichkeiten der Natur zu verstehen und dieses Wissen an künftige Generationen weiterzugeben.





