Normiert und in Serie
Die Tourismusbranche ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige weltweit. 150 Millionen Reisen unternahmen allein deutsche Urlauber 2011 - ein großer Teil dieses Rekordwerts entfiel auf Pauschalangebote.Seitdem der Tourismus boomt, reihen sich in europäischen Urlaubsgebieten, wie hier in Gran Canaria, vielerorts Hotels, Bars und Restaurants aneinander.
Dabei war das Phänomen Massentourismus noch neu auf der Welt, als Nebel es bereits kritisierte: "Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schleim, so dass man schließlich zwischen Taormina und Colombo nicht mehr unterscheiden kann..."
Englische Arbeiter bereisen Paris
Thomas Cook (1808 bis 1892) war ein aus ärmlichen Verhältnissen stammender Buchhändler und Laienprediger mit einer genialen Geschäftsidee: 1861 organisierte der findige Engländer erstmals für Arbeiter Reisen per Bahn und Schiff nach Paris. Das Neue daran: Unterkunft und Verpflegung sind im Preis inbegriffen. Nach gleichem Muster offerierte Cook die ersten Nilkreuzfahrten für weniger Begüterte - eine Marktlücke. Dem von Cook schon 1845 in England gegründeten ersten Reisebüro folgten weitere, wo Kunden ihren Kompletturlaub buchen konnten - die Ära der Pauschalreisen hatte begonnen.
Massentourismus im Dritten Reich: Das KdF-Bad Prora auf Rügen sollte 20.000 Urlauber gleichzeitig beherbergen.
Seinen Durchbruch erlebte der Pauschaltourismus allerdings erst Anfang der 1950er Jahre mit dem Erstarken der Wirtschaft in vielen Teilen Europas und mit der Gründung von Charterfluggesellschaften. Die Deutschen zählten infolge des "Wirtschaftswunders" bald zu den reisefreudigsten Völkern. Für 1.095 Mark ging es 1956 beispielsweise 17 Tage nach Teneriffa - Vollpension inklusive. Neben Mittelmeerkreuzfahrten und Fernreisen zu anderen Kontinenten avancierte Spanien zum beliebtesten Urlaubsziel der Deutschen. Trotz Franco-Diktatur registrierte man schon im Jahr 1960 sechs Millionen internationale Besucher.
Hartes Geschäft: Auf Flughäfen wie hier in München buhlen diverse Reiseanbieter um die Gunst der Urlauber.
Um die Nachfrage zu bedienen, wurden Bettenburgen gebaut, Küsten zubetoniert. Und dennoch erfreuen sich die gesichtslosen Urlaubsghettos, ob an der Costa del Sol oder an der Costa Brava, bis heute regen Zulaufs: Viele der mittlerweile 60 Millionen Spanientouristen jährlich - 15 Millionen mehr, als das Land Einwohner hat - verbringen hier ihren Jahresurlaub.
Grund für den Erfolg ist wohl die fast schon kolonial anmutende Urlaubsatmosphäre: Restaurants preisen Speisen der Herkunftsländer an, das Personal spricht die Sprache der Touristen, Kioske verkaufen ausländische Zeitungen und Supermärkte führen internationale Produkte.
Sonne, See und Sand
Kontakte mit Einheimischen bleiben marginal, sind allenfalls in inszenierten Folklore-Abenden vorgesehen. Doch Kultur und Geschichte des Gastlandes sind ohnehin meist Nebensache: Solange das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, darf es auch Italien, Bulgarien oder Tunesien sein. Schließlich finden sich "die drei S" - Sonne, See und Sand -, mit denen die Werbung einst Spanien-Urlauber anlockte, auch anderswo.
Normierung, Serienfertigung und Montage - so charakterisierte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger den modernen Pauschaltourismus. Die Folgen können verheerend sein: In den touristischen Zentren Spaniens etwa sind die Lebenshaltungskosten derart explodiert, dass Einheimische kaum mehr mithalten können. Wie Fremde im eigenen Land leben viele in den Randgebieten der Urlaubsorte, um als Billiglöhner am Segen der Tourismusindustrie teilzuhaben.
Nicht allein auf Gran Canaria wird gebaut: In vielen Regionen entstehen neue Hotels - für den Massentourismus.
Die sich daraus entwickelnden sozialen Missstände erleben Urlauber in Form von Kriminalität wie Diebstählen und Überfällen. Zudem blüht, vor allem in asiatischen Ländern, die Prostitution. Weitere Probleme bringt die Umweltverschmutzung mit sich.
Wenn sich der Tourismus weltweit weiter ausweitet, so das Ergebnis einer Studie des World Wide Fund for Nature (WWF), würden nicht nur bereits entwickelte Gebiete weiter geschädigt. Auch unberührte Küsten- und Waldgebiete sind in Gefahr.
Umweltverträgliches Reisen
Höchste Zeit zum Handeln, so die Maxime der Welttourismusorganisation (WTO), die 1999 einen Globalen Ethik-Kodex für den Tourismus verabschiedete. Mit "Spielregeln" für Reisende und die Reiseindustrie - durch eine zeitliche Staffelung von Besucherströmen etwa, durch Öko-Tourismus oder durch gerechtere Einbindung der lokalen Bevölkerung - will die WTO die negativen Auswirkungen des Massentourismus abfedern. Auch der WWF setzt sich für umweltverträgliches Reisen ein. Denn eines steht fest: Der Tourismus wird weiter zunehmen. Laut Schätzungen von Reiseunternehmen werden im Jahr 2020 rund 700 Millionen Touristen Auslandsreisen unternehmen, von denen allein 350 Millionen in die Mittelmeerregion reisen.
Yvonne Schmidt (aktualisiert 23.05.2012)
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Infobox
"Urlaub"
Mit Strandkorb, Meeresrauschen und Entspannung hatte das Wort "Urlaub" ursprünglich nichts zu tun. Seit dem 8. Jahrhundert bedeutete urloub schlicht die Erlaubnis, sich von einem Dienstherren entfernen und verabschieden zu dürfen. In mittelalterlichen Heldenepen ist es der edle Ritter, der ergebenst um Urlaub bittet, wenn er seinen Herrn oder seine adlige Herzensdame verlassen will.
Während der Neuzeit fand das Wort innerhalb von Dienst- und Arbeitsverhältnissen Anwendung: Urlaub war nun die vorübergehende, vom Dienstherren genehmigte Befreiung von einer bezahlten Anstellung - das ist bis heute so, nur ist das Recht auf Urlaub jetzt gesetzlich geregelt.
Mit Strandkorb, Meeresrauschen und Entspannung hatte das Wort "Urlaub" ursprünglich nichts zu tun. Seit dem 8. Jahrhundert bedeutete urloub schlicht die Erlaubnis, sich von einem Dienstherren entfernen und verabschieden zu dürfen. In mittelalterlichen Heldenepen ist es der edle Ritter, der ergebenst um Urlaub bittet, wenn er seinen Herrn oder seine adlige Herzensdame verlassen will.
Während der Neuzeit fand das Wort innerhalb von Dienst- und Arbeitsverhältnissen Anwendung: Urlaub war nun die vorübergehende, vom Dienstherren genehmigte Befreiung von einer bezahlten Anstellung - das ist bis heute so, nur ist das Recht auf Urlaub jetzt gesetzlich geregelt.
Infobox
Reiseanalyse 2011
Wo die Deutschen Urlaub machen und wie viel sie dafür ausgeben, das verrät die jährliche Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). 2011 machten 76 Prozent der Deutschen eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen. 70 Millionen Urlaubsreisen wurden für 60 Milliarden Euro unternommen, zusätzlich dazu gönnten sich die Deutschen 78 Millionen Kurzurlaube, für die sie 19 Milliarden Euro ausgaben.
Nach einer Flaute im Jahr 2009 war die Reiselaune der Deutschen 2010 wieder gestiegen. 861 Euro pro Reise und Person ließen sie sich den Urlaub im Schnitt kosten. Ein neuer Rekord wurde 2011 erreicht: 868 Euro gab ein durchschnittlicher deutscher Reisender aus. Die Entwicklung zu kürzeren, aber dafür teureren Urlauben setzte sich 2011 fort.
Beliebtestes Reiseziel ist seit mehreren Jahren mit gut dreißig Prozent Deutschland, dicht gefolgt vom Mittelmeerraum. Innerhalb Deutschlands ging es 2011 vor allem an die Küsten und in den Süden. Knapp die Hälfte aller Auslandsreisen hatten Spanien, Italien, Türkei und Österreich zum Ziel.
Am häufigsten buchen die Deutschen ihren Urlaub immer noch im Reisebüro (35 Prozent), doch langsam aber sicher ersetzen Internetreiseportale (15 Prozent Marktanteil) das klassische Reisekauf-Personal. Rund 45 Prozent der gebuchten Urlaube waren 2011 Pauschalreisen.
Wo die Deutschen Urlaub machen und wie viel sie dafür ausgeben, das verrät die jährliche Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). 2011 machten 76 Prozent der Deutschen eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen. 70 Millionen Urlaubsreisen wurden für 60 Milliarden Euro unternommen, zusätzlich dazu gönnten sich die Deutschen 78 Millionen Kurzurlaube, für die sie 19 Milliarden Euro ausgaben.
Nach einer Flaute im Jahr 2009 war die Reiselaune der Deutschen 2010 wieder gestiegen. 861 Euro pro Reise und Person ließen sie sich den Urlaub im Schnitt kosten. Ein neuer Rekord wurde 2011 erreicht: 868 Euro gab ein durchschnittlicher deutscher Reisender aus. Die Entwicklung zu kürzeren, aber dafür teureren Urlauben setzte sich 2011 fort.
Beliebtestes Reiseziel ist seit mehreren Jahren mit gut dreißig Prozent Deutschland, dicht gefolgt vom Mittelmeerraum. Innerhalb Deutschlands ging es 2011 vor allem an die Küsten und in den Süden. Knapp die Hälfte aller Auslandsreisen hatten Spanien, Italien, Türkei und Österreich zum Ziel.
Am häufigsten buchen die Deutschen ihren Urlaub immer noch im Reisebüro (35 Prozent), doch langsam aber sicher ersetzen Internetreiseportale (15 Prozent Marktanteil) das klassische Reisekauf-Personal. Rund 45 Prozent der gebuchten Urlaube waren 2011 Pauschalreisen.





