Der manipulierte Tag
Alljährlich am letzten Sonntag im März werden die Uhren vorgestellt. Eine Stunde früher aufstehen heißt es nun. Als ob das nicht schlimm genug wäre, hat der kleine Dreh am Zeiger noch weitere Folgen.Wer hat an der Uhr gedreht? Müdigkeit ist nur eine Folge der alljährlichen Umstellung von Normal- auf Sommerzeit.
Alte Idee
Als der "Diebstahl" im April 1980 amtlich wurde, standen keineswegs schlechte Absichten dahinter. Noch unter dem Eindruck der Ölkrise von 1973 erhoffte man sich, durch bessere Ausnutzung des Tageslichts Energie sparen zu können. Drei Jahre zuvor hatten bereits zahlreiche europäische Nachbarn damit begonnen, die Sommerzeit per Gesetz einzuführen. Und wirklich neu war die Idee damals nicht: So schlug schon Benjamin Franklin vor, die Kosten für Kerzen durch Zeitumstellung zu senken.
Jeder Ort eine eigene Zeit
Ob Franklins 1784 im Journal des Paris erschienener Aufsatz ernst gemeint war, ist nicht gesichert. Jedenfalls sollte es noch über ein Jahrhundert dauern, bis die Idee aufgegriffen und umgesetzt wurde. Zunächst musste man sich überhaupt erstmal auf eine einheitliche Zeit verständigen. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts verfügte jeder größere Ort über eine eigene Zeit. Weil man sich am Stand der Sonne orientierte, gab es selbst innerhalb Deutschlands Zeitunterschiede. So hing etwa die Münchner Ortszeit der in Preußen geltenden Berliner Zeit rund sieben Minuten hinterher.
Sparsamer Benjamin Franklin: Durch eine Zeitumstellung könne man die Kosten für Kerzen senken, so der Vorschlag aus dem Jahr 1784. (Bild: S. F. Duplessis, 1785)
Der rasante Ausbau des Eisenbahnnetzes machte eine Vereinheitlichung der Zeit jedoch unumgänglich. So wurde 1884 auf der Internationalen Meridiankonferenz in Washington die Welt in 24 Zeitzonen aufgeteilt. Seit 1893 galt dann im Deutschen Reich die mittlere Sonnenzeit des 15. Längengrades östlich des Nullmeridians als gesetzliche Zeit - die so genannte Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Zu einem Wechsel zwischen Normal- und Sommerzeit kam es erstmals zwischen 1916 und 1918. Für mehr als zwei Jahrzehnte ruhte das Experiment, bis die Nationalsozialisten 1940 die Sommerzeit aus ökonomischen Gründen wieder einführten.
Wertvolles Tageslicht
Bis 1949 blieb diese Regelung bestehen; 1947 gab es sogar eine einmonatige Hochsommerzeit, während der die Uhren um eine weitere Stunde vorgestellt wurden. Im zerstörten Nachkriegsdeutschland war jede Minute mehr Tageslicht Gold wert. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung verabschiedete man sich schließlich von der Sommerzeit - bis zum Jahr 1980.
Unerfüllte Hoffnung
Seitdem wieder alle halbe Jahre an der Uhr gedreht wird, reißen die Diskussionen um den Sinn der Maßnahme nicht ab. Während die einen die anfängliche Müdigkeit in Kauf nehmen und sich auf lauschige Sommerabende im Freien freuen, verweisen andere auf die negativen Folgen der Zeitumstellung. So hätte sich die Hoffnung auf deutliche Energieeinsparungen nicht erfüllt. Im Gegenteil: Zwar spare man an der abendlichen Beleuchtung, verbrauche dafür aber in den Morgenstunden, vor allem im April und im Oktober, mehr Heizenergie.
Länger hell: Viele nehmen die anfängliche Müdigkeit in Kauf und nutzen die warmen Sommerabende aktiv.
Kritiker verweisen zudem auf gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit der Zeitumstellung. Empfindlichen Menschen falle die Anpassung an den verschobenen Tagesrhythmus schwer. Denn die innere Uhr des Menschen lässt sich nicht so einfach manipulieren. Schon kleine Schwankungen im Biorhythmus können sich auf den Schlaf-Wach-Rhythmus und auf die Gesundheit auswirken. Bis die innere Uhr wieder im Takt ist, vergehen einige Tage (siehe Infobox).
Volle Arztpraxen
Währenddessen plagt sich mancher mit Schlafstörungen, Müdigkeit, depressiven Verstimmungen, Konzentrationsschwäche, Schwankungen der Herzfrequenz, Gereiztheit, Appetitlosigkeit oder Verdauungsproblemen. Statistiken belegen, dass kurz nach der Umstellung bis zu zwölf Prozent mehr Menschen einen Arzt aufsuchen; außerdem steige die Einnahme von Schlafmitteln und Antidepressiva. Durch die Müdigkeit soll es in dieser Zeit sogar zu acht Prozent mehr Verkehrsunfällen kommen.
Kommando zurück!
Mediziner geben allerdings Entwarnung: Nach spätestens zwei Wochen sei das Schlimmste überstanden, habe der Organismus sich an die Umstellung gewöhnt. Und langfristige gesundheitliche Risiken seien auch nicht zu befürchten. Also sollten wir die Abendstunden im milden Licht der langsam untergehenden Sonne genießen - und uns auf Ende Oktober freuen. Denn dann heißt es: Kommando zurück! Geschenke, und sei es "nur" eine Stunde, nimmt doch jeder gerne an.
Ulrike Wolf (18.03.2010)
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Infobox
Mediziner vergleichen die gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Zuge der Zeitumstellung mit denen eines Mini-Jetlags. Der Jetlag entsteht beim Überschreiten verschiedener Zeitzonen (etwa bei einem Flug von Europa nach Amerika) und bringt die innere Uhr mächtig durcheinander: Die meisten biologischen und psychischen Vorgänge im Körper folgen nämlich einem natürlichen Rhythmus. Viele dieser Funktionen, zum Beispiel der Blutdruck, die Pulsfrequenz oder die Körpertemperatur, haben einen Zyklus von etwa einer Tageslänge und werden als zirkadiane Rhythmen bezeichnet.
Der Lauf der Sonne, also der Wechsel zwischen Tag und Nacht, steuert die innere Uhr. So beeinflusst der Hell-Dunkel-Rhythmus die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin, das die Aktivität senkt und müde macht. Bei der Umstellung von der Normal- auf die Sommerzeit hängt die innere Uhr der Uhrzeit auf dem Wecker um eine Stunde hinterher; dort steht 7.00 Uhr aber eigentlich ist es erst um sechs.
Der Hormonhaushalt kann sich nicht so schnell umstellen; auch Blutdruck und Pulsfrequenz sind noch in der Dunkel-Phase. Dementsprechend müde ist der Mensch, unkonzentriert und gereizt. Dagegen fühlt er sich um zehn Uhr abends noch fit, obwohl er zu dieser Zeit normalerweise ins Bett geht. Die innere Uhr weiß es besser - es ist erst um neun.
Bis sich innere Uhr und äußerer Tagesablauf wieder aufeinander einpendeln, können bis zu zwei Wochen vergehen. In den Tagen nach der Zeitumstellung sollten Betroffene auf ihren Mittagsschlaf, nervenaufreibende TV-Thriller, späte Mahlzeiten, Nikotin, Alkohol und aufputschende Getränke verzichten. Bei Schlafstörungen helfen auch leichte körperliche Bewegung und Entspannungsübungen. Besondere Vorsicht gilt bei unfallgefährdeten Tätigkeiten.
Der Lauf der Sonne, also der Wechsel zwischen Tag und Nacht, steuert die innere Uhr. So beeinflusst der Hell-Dunkel-Rhythmus die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin, das die Aktivität senkt und müde macht. Bei der Umstellung von der Normal- auf die Sommerzeit hängt die innere Uhr der Uhrzeit auf dem Wecker um eine Stunde hinterher; dort steht 7.00 Uhr aber eigentlich ist es erst um sechs.
Der Hormonhaushalt kann sich nicht so schnell umstellen; auch Blutdruck und Pulsfrequenz sind noch in der Dunkel-Phase. Dementsprechend müde ist der Mensch, unkonzentriert und gereizt. Dagegen fühlt er sich um zehn Uhr abends noch fit, obwohl er zu dieser Zeit normalerweise ins Bett geht. Die innere Uhr weiß es besser - es ist erst um neun.
Bis sich innere Uhr und äußerer Tagesablauf wieder aufeinander einpendeln, können bis zu zwei Wochen vergehen. In den Tagen nach der Zeitumstellung sollten Betroffene auf ihren Mittagsschlaf, nervenaufreibende TV-Thriller, späte Mahlzeiten, Nikotin, Alkohol und aufputschende Getränke verzichten. Bei Schlafstörungen helfen auch leichte körperliche Bewegung und Entspannungsübungen. Besondere Vorsicht gilt bei unfallgefährdeten Tätigkeiten.



