Discofieber
Als der Film Saturday Night Fever 1977 in die Kinos kam, markierte er den Höhepunkt einer popkulturellen Entwicklung, die damals ihresgleichen suchte: Die Welt war infiziert mit dem Discofieber.Jeder wollte sein wie Tony Manero. Zumindest Samstagnacht: Der König der Tanzfläche, der Coolste unter der Spiegel-Kugel, ist im Alltag ein Niemand. Allein im Rhythmus des Disco-Sounds findet der Held aus Saturday Night Fever Anerkennung.
1977 kam der legendäre Tanzfilm in die Kinos. Sein Titel schien Programm: Wie ein Fieber griff die Begeisterung um sich, präsentierte John Travolta im hautengen weißen Anzug doch das Lebensgefühl einer ganzen Generation - Disco, das war der Ausbruch aus der gewohnten Tristesse, um Star für eine Nacht zu sein.
Rausch unterm Stroboskop
Jeder Winkel der westlichen Welt schien Mitte der 1970er Jahre von einer unbändigen Tanzlust erfasst. Der Disco-Beat mit seinen melodischen, wenngleich synthetischen Klangteppichen regierte den Popmusikmarkt. Millionen feierten sich Samstag für Samstag unterm Licht der blitzenden Stroboskope und der Laserkanonen in eine Art Rausch, der sie die Enge und die Sorgen des Alltags für wenige Stunden vergessen ließ. Die Atmosphäre der glitzernden Tanztempel war erfüllt vom speziellen Sound, von sexueller Energie und vom Duft zahlloser Joints.
Welches Geheimnis steckte hinter dem Hype? Disco traf den Nerv der Zeit, war ein Lebensgefühl, ein Ausdruck von Freiheit - in erster Linie aber war Disco das Produkt einer durchdachten Marketingstrategie. Nicht zufällig breitete sich das Fieber zu einer Zeit aus, als fröhlich-bunte Aufkleber eines Spülmittelherstellers - die so genannten Pril-Blumen - wie Unkraut aus dem Boden schossen.
Disko-Club des VEB Edelstahlwerk Freital, 1976: Das Fieber machte auch vor der DDR nicht halt. (Bild: Deutsche Fotothek/ Eugen Nosko; Lizenz: Creative Commons)
Clevere Musikproduzenten hatten das Phänomen Disco aus dem Underground der New Yorker Schwulenszene geholt. Dort waren Anfang der 1970er Jahre zahlreiche Clubs entstanden, in denen Schwule und Lesben zur Musik des schwarzen Rhythm and Blues tanzten und in ausschweifenden Partys ihr neues Selbstbewusstsein feierten.
Gemischt mit Funk-, Soul- und Reggae-Klängen, kristallisierte sich bald ein eigener Musikstil heraus, der als Disco bezeichnet wurde und innerhalb kürzester Zeit Einzug in die weiße, heterosexuelle Tanzkultur hielt.
Alle Register gezogen
"Es dauerte nicht lange, bis die Musikproduzenten ihre Angebote gezielt auf die neue Situation abstimmten und einen speziellen 'Disco-Sound' entwickelten. So wurde der Begriff 'Disco' schließlich zum Markenzeichen für eine ganze musikalische Stilrichtung, mehr noch: er avancierte zum allumfassenden Signum einer seit Mitte der 70er Jahre gewaltig aufbrausenden Modewelle, zur Etikette eines spezifischen Lebensgefühls."
Als der Germanist und Volkskundler Werner Mezger sein Buch Discokultur. Die jugendliche Superszene 1980 veröffentlichte, war das Fieber bereits am sinken. Zuvor allerdings wurde noch jedes Register der Profitmaximierung gezogen: es gab Disco-Eis, Disco-Klamotten, Disco-Filme.
"Tempel des Hedonismus"
Der Erfolg der Disco-Bewegung, die Kommerzialisierung einer Subkultur, rief bald Kritiker auf den Plan. Die einen beschwerten sich über die Künstlichkeit der Musik, die weder Verstand noch Gefühl wirklich anzuregen vermag, andere sahen in Discos, wie dem berühmt-berüchtigten Studio 54, Tempel des Hedonismus und der Unmoral. Konsum statt Engagement, Frisieren statt Diskutieren, das sei das Motto der Tanzwütigen.
Die große Discowelle verebbte Anfang der 1980er Jahre. Doch die Party ging weiter. Heute tanzen Millionen zu House-Klängen und Techno-Beats.
Disco ist tot, es lebe die Disco
Vielleicht wäre die ganze Aufregung gar nicht nötig gewesen. Denn nicht anders als vielen künstlich geschaffenen Trends vor ihr erging es auch der Disco-Bewegung: Sie kam schlicht aus der Mode. Bereits drei Jahre nachdem John Travolta sich in die Herzen des Publikums getanzt hatte, ging der Party der Saft aus.
Doch wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger. Disco verschwand nicht spurlos von der Bühne, sondern wurde weiterentwickelt zu House und Techno - Musikstile, die bis heute Millionen zum Tanzen animieren. Und wie jede Mode erlebte Disco bereits einmal ein Revival - genau so wie die Kult gewordenen Klebeblumen.
Ulrike Wolf (14.04.2010)
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Der Begriff Disco…
entstand aus der Abkürzung des in Frankreich geprägten Wortes discothèque. Zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern discos (Scheibe) und theke (Behältnis), bezeichnete es in Analogie zur Bibliothek ursprünglich eine Schallplattensammlung.
Mitte der 1960er Jahre nahm auch der deutsche Duden das Wort Diskothek auf - und zwar in seiner heute geläufigen Bedeutung als gastronomischer Betrieb, in dem zu Musik, die von Tonträgern kommt, getanzt werden kann.
Vorläufer solcher Tanzlokale ohne Live-Band gab es schon in den 1930er Jahren. In US-amerikanischen Bars tanzten die Gäste zu Musik aus der Jukebox. Vorbild und Namensgeber aller modernen Discos war jedoch die Bar La Discothèque, die im besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs eröffnete.
Sie inspirierte andere Veranstalter, den von den deutschen Besatzern ungeliebten Jazz statt live - was unter damaligen Umstanden kaum möglich war - von Schallplatte zu spielen.
Die aus der Not geborene Idee gelangte nach dem Krieg rasch von Paris in die Metropolen der westlichen Welt. Kein Wunder, bot die Diskothek den Besitzern von Bars und Tanzlokalen doch die Möglichkeit, teure Bands durch kostengünstige Schallplattenmusik zu ersetzen.
Die erste deutsche Disco eröffnete 1959 übrigens nicht in Berlin, Hamburg oder München, sondern in - Aachen. Mit Beginn der Discowelle Anfang der 1970er Jahre gab es dort bereits 42 Diskotheken.
Mitte der 1960er Jahre nahm auch der deutsche Duden das Wort Diskothek auf - und zwar in seiner heute geläufigen Bedeutung als gastronomischer Betrieb, in dem zu Musik, die von Tonträgern kommt, getanzt werden kann.
Vorläufer solcher Tanzlokale ohne Live-Band gab es schon in den 1930er Jahren. In US-amerikanischen Bars tanzten die Gäste zu Musik aus der Jukebox. Vorbild und Namensgeber aller modernen Discos war jedoch die Bar La Discothèque, die im besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs eröffnete.
Sie inspirierte andere Veranstalter, den von den deutschen Besatzern ungeliebten Jazz statt live - was unter damaligen Umstanden kaum möglich war - von Schallplatte zu spielen.
Die aus der Not geborene Idee gelangte nach dem Krieg rasch von Paris in die Metropolen der westlichen Welt. Kein Wunder, bot die Diskothek den Besitzern von Bars und Tanzlokalen doch die Möglichkeit, teure Bands durch kostengünstige Schallplattenmusik zu ersetzen.
Die erste deutsche Disco eröffnete 1959 übrigens nicht in Berlin, Hamburg oder München, sondern in - Aachen. Mit Beginn der Discowelle Anfang der 1970er Jahre gab es dort bereits 42 Diskotheken.
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Disco in der DDR
Dem Disco-Fieber hatten auch die SED-Ideologen nichts entgegenzusetzen. Spätestens 1973, zur Zeit der 10. Weltjugendfestspiele, als landauf, landab bereits dreitausend so genannte Schallplattenunterhalter (SPU) die Jugend zum Tanzen brachten und erste feste Diskotheken entstanden, konnte man sich dem Trend nicht mehr verschließen.
Aber unter Kontrolle behalten wollte man ihn: Also gab es Grundlehrgänge für die SPUs, mit Vorträgen über Ästhetik, Musikgeschichte, Technik und Programmgestaltung sowie mit praktischen Übungen. Alle zwei Jahre stand eine Eignungsprüfung an, in der getestet wurde, ob und wie der Bewerber in der Lage war, das Publikum niveauvoll zu unterhalten, und wie er "aktuell auf politische Höhepunkte reagiert". Je nachdem wurde er dann in Kategorie A (5,- Mark/Stunde), B (6,50 Mark) oder C (8,50 Mark) eingestuft.
Außerdem existierte die Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte auf dem Gebiet der Musik (AWA), die unter anderem festlegte, dass bei öffentlichen Tanz- und Musikveranstaltungen nur vierzig Prozent Westmusik gespielt werden durfte - was den DDR-DJs einige Kopfschmerzen bescherte.
Denn nicht nur die Technik ließ oft zu wünschen übrig, auch die Auswahl an Titeln, die das Publikum nicht gleich zum Weglaufen brachten, war überschaubar.
Wer eine staatliche Spielerlaubnis vorweisen konnte, kam bevorzugt in den Besitz der seltenen Lizenzplatten aus der BRD. Ein Großteil der Musik wurde jedoch bei der extra dafür geschaffenen Radiosendung Podiumsdiskothek mitgeschnitten. Trotz häufiger Kontrollen - zeitweise wurden sogar Titellisten vor den Auftritten verlangt - gelang es den DJs, das 60/40-Verhältnis umzukehren.
Aber unter Kontrolle behalten wollte man ihn: Also gab es Grundlehrgänge für die SPUs, mit Vorträgen über Ästhetik, Musikgeschichte, Technik und Programmgestaltung sowie mit praktischen Übungen. Alle zwei Jahre stand eine Eignungsprüfung an, in der getestet wurde, ob und wie der Bewerber in der Lage war, das Publikum niveauvoll zu unterhalten, und wie er "aktuell auf politische Höhepunkte reagiert". Je nachdem wurde er dann in Kategorie A (5,- Mark/Stunde), B (6,50 Mark) oder C (8,50 Mark) eingestuft.
Außerdem existierte die Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte auf dem Gebiet der Musik (AWA), die unter anderem festlegte, dass bei öffentlichen Tanz- und Musikveranstaltungen nur vierzig Prozent Westmusik gespielt werden durfte - was den DDR-DJs einige Kopfschmerzen bescherte.
Denn nicht nur die Technik ließ oft zu wünschen übrig, auch die Auswahl an Titeln, die das Publikum nicht gleich zum Weglaufen brachten, war überschaubar.
Wer eine staatliche Spielerlaubnis vorweisen konnte, kam bevorzugt in den Besitz der seltenen Lizenzplatten aus der BRD. Ein Großteil der Musik wurde jedoch bei der extra dafür geschaffenen Radiosendung Podiumsdiskothek mitgeschnitten. Trotz häufiger Kontrollen - zeitweise wurden sogar Titellisten vor den Auftritten verlangt - gelang es den DJs, das 60/40-Verhältnis umzukehren.





