Zeitalter der Quallen
Sie verfügen über eine der effektivsten Waffen im Reich der Natur: Quallen injizieren mit ihren Tentakeln Gift. So erlegen sie ihre Beute und verteidigen sich. Zur Plage werden Quallen jedoch erst da, wo es sie in Massen gibt.Schön anzusehen, aber hochgradig giftig: die Portugiesische Galeere. Kontakte mit dieser Quallenart enden oft tödlich.
Rund um den Globus
Geht es um das Erobern neuer Lebensräume, erweisen sich die glibberigen Meeresbewohner jedoch als Anpassungskünstler: Nicht von ungefähr bevölkern sie seit mehr als einer halben Milliarde Jahren die Weltmeere. In den Polarregionen sind Medusen, wie Quallen auch genannt werden, ebenso heimisch wie in den tropischen Gewässern des Äquators. Sogar Süßwasserseen haben sie längst zu ihrem Revier gemacht. Während viele Meeresbewohner vom Aussterben bedroht sind, vermehren sich Quallen dank ihrer Anpassungsfähigkeit dramatisch, weshalb Experten das 21. Jahrhundert bereits als "Zeitalter der Quallen" bezeichnen.
Hirn, Herz, Lunge? - Fehlanzeige
Ein erstaunlicher Siegeszug für ein Lebewesen, das zu 99 Prozent aus Wasser besteht. Nur zwei hauchdünne Zellschichten, eine innere und eine äußere, bilden den Körper des gallertartigen Organismus. Die dazwischen liegende geleeartige Substanz dient als Stützschicht und als Sauerstoffreservoir. Ansonsten verfügen die Tiere weder über Gehirn, noch über Herz oder Lunge. Wie aber ist es Quallen möglich, ohne solche, anscheinend lebenswichtige Organe seit Jahrmillionen zu überleben?
Chemische Kriegführung
Wichtigste Waffe der Evolution sind mit Nesselzellen ausgestattete Tentakel, die Quallen beim Jagen ebenso hilfreich sind wie beim Abwehren von Feinden. Bei leichter Berührung platzen die ovalen, doppelwandigen Kapseln auf, wodurch im Inneren verborgene Nesselfäden explosionsartig herausgeschleudert werden. In Sekundenschnelle dringt der aus einem Dornenapparat bestehende Faden in das Beutetier ein und sondert lähmendes Nervengift ab - kein Angriff im gesamten Tierreich erfolgt derart schnell wie der von Quallen.
Was den Medusen das Überleben sichert, schadet allerdings dem Menschen: Immer wieder trüben Qualleninvasionen an Touristikstränden die Badefreude. In Australien etwa sind manche Strände gar monatelang gesperrt, weil im küstennahen Gewässer die weltweit giftigste Quallenart ihr Unwesen treibt: die Seewespe. Ihr Gift ist so toxisch, das es innerhalb weniger Minuten zum Tod führen kann. In unseren Breiten besitzen Quallen zum Glück keine ebenso starken Giftstoffe, so dass Schwimmer bei ungewollten Kontakten lediglich Hautrötungen, Blasenbildungen und Schwellungen in Kauf nehmen müssen.
Ökosystem in Gefahr
Jedoch: auch vergleichsweise harmlose Quallenarten können zur Plage werden, wenn die Tiere in Massen auftreten. Das hat wirtschaftliche Folgen für den Tourismus: Urlauber bleiben fern und bevorzugen künftig quallenfreie Reiseländer. Zudem ist das ökologische Gleichgewicht der Meere in Gefahr: So haben in der Kieler Bucht Ohrenquallen den Heringsbestand um die Hälfte reduziert und in den norwegischen Fjorden bedrohen hunderttausende Kronenquallen die Fischerei.
Überlebensvorteil dank Überfischung
Einen Grund für die Massenvermehrung vermuten Experten in der Überfischung der Weltmeere, weshalb natürliche Fressfeinde wie Meeresschildkröten, Tunfische und Schwertfische zunehmend fehlen. Eine Karettschildkröte etwa vertilgt pro Jahr eine Tonne Quallen. In den letzten Jahren aber ist der Bestand an Schildkröten um mehr als neunzig Prozent zurückgegangen. Überfischung erweist sich auch deswegen als Vorteil für Quallen, weil mit Heringen und Sardinen Nahrungskonkurrenten wegfallen.
Karettschildkröten ernähren sich unter anderem von Quallen. Allerdings sind die Meeresbewohner wegen Überfischung vom Aussterben bedroht.
Leider verschleppt die weltweite Schifffahrt manche Quallenarten ungewollt in fremde Meeresgebiete - teils tausende Kilometer entfernt vom ursprünglichen Lebensraum -, wo sie sich explosionsartig vermehren. Wie sonst ist es zu erklären, dass die ursprünglich im Golf von Mexiko beheimatete Rippenqualle schon 1982 das Schwarze Meer leer fressen konnte, woraufhin die dort angesiedelte Fischerei zusammenbrach? Den Golf von Mexiko wiederum überflutete im Jahr 2000 eine australische Quallenart, während die Mexikanische Vielfraßqualle seit 2006 auch in Nord- und Ostsee Badegäste plagt.
Kulinarische Lösung
Neben Fischereiwirtschaft und Tourismus leiden auch Schifffahrt, Industrieanlagen und sogar Kraftwerke unter Quallenalarm. So musste die Leistung des japanischen Atomkraftwerks Hamaoka 2006 deutlich heruntergefahren werden, weil Quallen das Kühlwassersystem blockierten. Ulf Bamstedt, Dozent am Meeresbiologischen Institut in Bergen, beziffert die volkswirtschaftlichen Schäden von Qualleninvasionen allein in der EU mittlerweile auf rund sechshundert Millionen Euro. Noch aber existieren keine Strategien zur Reduzierung der Plage, sind die genauen Gründe für die Massenvermehrung doch längst nicht eindeutig geklärt. Eine zumindest kulinarische Lösung haben China und Japan gefunden: dort stehen die Glibbertiere - getrocknet, frittiert oder als Salat - schon lange auf den Speisekarten selbst nobler Restaurants.
Yvonne Schmidt (25.11.2008)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Tauchen | ![]() |
Infobox
Quallen...
gehören zum Stamm der Nesseltiere, zu dem auch Polypen und Seeanemonen zählen. Ihr gemeinsames Erkennungsmerkmal sind mit Nesselkapseln versehene Tentakel. Neben harmlosen Scheiben- oder Schirmquallen gibt es hochgiftige Würfelquallen wie die Portugiesische Galeere oder die Seewespe. Ihre Nahrung besteht aus Plankton und Fischen.
Dass Quallen Beute jagen, Geschlechtspartner erkennen und auf Feinde reagieren können, verdanken sie Sinnesorganen und Nervensystem. Die Fortpflanzung kommt außer bei Würfelquallen ohne Körperkontakt aus: bei Quallen unterschiedlichen Geschlechts platzen die weiblichen Eizellen und die männlichen Samenzellen aus der Innenhaut des Magenraumes heraus und treffen sich im Meer.
Zweigeschlechtliche Quallen können sich sogar selbst befruchten. Dadurch entstehen Polypen, die sich am Meeresgrund festsetzen und durch Abschnürung auf ungeschlechtlichem Wege Larven bilden, aus denen sich schließlich neue Quallen entwickeln.
gehören zum Stamm der Nesseltiere, zu dem auch Polypen und Seeanemonen zählen. Ihr gemeinsames Erkennungsmerkmal sind mit Nesselkapseln versehene Tentakel. Neben harmlosen Scheiben- oder Schirmquallen gibt es hochgiftige Würfelquallen wie die Portugiesische Galeere oder die Seewespe. Ihre Nahrung besteht aus Plankton und Fischen.
Dass Quallen Beute jagen, Geschlechtspartner erkennen und auf Feinde reagieren können, verdanken sie Sinnesorganen und Nervensystem. Die Fortpflanzung kommt außer bei Würfelquallen ohne Körperkontakt aus: bei Quallen unterschiedlichen Geschlechts platzen die weiblichen Eizellen und die männlichen Samenzellen aus der Innenhaut des Magenraumes heraus und treffen sich im Meer.
Zweigeschlechtliche Quallen können sich sogar selbst befruchten. Dadurch entstehen Polypen, die sich am Meeresgrund festsetzen und durch Abschnürung auf ungeschlechtlichem Wege Larven bilden, aus denen sich schließlich neue Quallen entwickeln.
Infobox
"Mordende Hand"
So lautet die Übersetzung des lateinischen Namens chironex fleckeri. Gemeint ist die in australischen Gewässern heimische Seewespe, das giftigste Meerestier der Welt. Jährlich gehen etwa siebzig Todesopfer auf ihr Konto, während bei Hai-Angriffen gerade einmal fünf bis zehn Menschen sterben.
Das Gift einer einzigen dieser etwa fußballgroßen Quallen reicht aus, um rund 250 Menschen zu töten. Bei Kontakt mit den Nesselzellen der Qualle verbreitet sich das Toxin innerhalb weniger Minuten im ganzen Körper.
Lähmungen der Muskulatur, der Atmung und des Herzens sind die Folgen. Nur sofort eingeleitete medizinische Notmaßnahmen können den Tod verhindern. Um sich vor der Gefahr zu schützen, gehen in Australien viele Schwimmer nur mit einem nesselsicheren Badeanzug, dem Stinger Suit, ins Wasser.
Generell sollten nach einem Quallenkontakt die auf der Haut verbliebenen Tentakel mit Salzwasser abgespült und die Nesselkapseln anschließend mit Haushaltsessig deaktiviert werden, um das Platzen weiterer Nesselkapseln zu verhindern. Ist kein Essig zur Hand, hilft auch auf die Haut gestreuter Sand.
Zur Schmerzlinderung eignen sich Teebaumöl - oder Urin. In keinem Fall sollten Alkohol oder Süßwasser zur Anwendung kommen, da dies die Nesselkapseln aktiviert. Handelt es sich um harmlose Quallen, genügt eine anschließende Hautkühlung. Bei länger anhaltender Reizung ist allerdings ärztliche Hilfe ratsam.
So lautet die Übersetzung des lateinischen Namens chironex fleckeri. Gemeint ist die in australischen Gewässern heimische Seewespe, das giftigste Meerestier der Welt. Jährlich gehen etwa siebzig Todesopfer auf ihr Konto, während bei Hai-Angriffen gerade einmal fünf bis zehn Menschen sterben.
Das Gift einer einzigen dieser etwa fußballgroßen Quallen reicht aus, um rund 250 Menschen zu töten. Bei Kontakt mit den Nesselzellen der Qualle verbreitet sich das Toxin innerhalb weniger Minuten im ganzen Körper.
Lähmungen der Muskulatur, der Atmung und des Herzens sind die Folgen. Nur sofort eingeleitete medizinische Notmaßnahmen können den Tod verhindern. Um sich vor der Gefahr zu schützen, gehen in Australien viele Schwimmer nur mit einem nesselsicheren Badeanzug, dem Stinger Suit, ins Wasser.
Generell sollten nach einem Quallenkontakt die auf der Haut verbliebenen Tentakel mit Salzwasser abgespült und die Nesselkapseln anschließend mit Haushaltsessig deaktiviert werden, um das Platzen weiterer Nesselkapseln zu verhindern. Ist kein Essig zur Hand, hilft auch auf die Haut gestreuter Sand.
Zur Schmerzlinderung eignen sich Teebaumöl - oder Urin. In keinem Fall sollten Alkohol oder Süßwasser zur Anwendung kommen, da dies die Nesselkapseln aktiviert. Handelt es sich um harmlose Quallen, genügt eine anschließende Hautkühlung. Bei länger anhaltender Reizung ist allerdings ärztliche Hilfe ratsam.



