Frisch, fromm, fröhlich, frei
Friedrich Ludwig Jahn ist es zu verdanken, dass sich Turnen seit dem 19. Jahrhundert als Breitensport etabliert hat. Im Jahr 1928 erlebte der Kult um den "Turnvater" seinen Höhepunkt."Die Kleinstaaterei verhindert Deutschlands Größe auf dem Erdenrund. Wer seinen Kindern die französische Sprache lehren lässt, ist ein Irrender... Wenn er aber seinen Töchtern französisch lehren lässt, ist das ebenso gut, als wenn er ihnen Hurerei lehren lässt. Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück." Da war "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn - eine der umstrittensten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts - ganz sicher.
Französische "Mischlingsbrut"
Jahns Feindbild, das er 1810 in seinem Buch Deutsches Volksthum ausführlich darlegte, entsprach dem Geist der Zeit. Vor allem den Franzosen, "dieser jungen Mischlingsbrut von ausverrömerten Galliern, Römlingen und vielen deutschen Stämmen", galt Jahns Hass, verhinderte die französische Fremdherrschaft seit der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806/07 doch das Entstehen einer deutschen Nation.
Nationales Bewusstsein
Alleiniges Mittel, das "welsche Joch" abzuschütteln, war für Jahn Körperertüchtigung und -erziehung, denn die Niederlage sah der Turnvater in erster Linie als Folge von "Verweichlichung" und "Entartung". Weil nur "echte deutsche Männer" den Kampf gegen die napoleonischen Unterdrücker aufnehmen und Deutschland befreien könnten, initiierte Jahn die erste öffentliche Turnbewegung. Turnen nämlich, war er überzeugt, bilde männlichen Anstand, gewöhne an Folgsamkeit und lehre den Einzelnen, sich als Glied in ein großes Ganzes zu fügen. Für Jahn war Turnen keine bloße Leibesübung um der Gesundheit willen - es war Erziehung zum nationalen Bewusstsein und Vorbereitung auf den Kampf gegen Frankreich.
Turnen auf der Hasenheide
Zu diesem Zweck eröffnete Jahn 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin: An Reck, Barren und Schwebebalken ertüchtigten sich hier Schüler, Studenten und Männer aller sozialen Schichten. Disziplinen wie Gehen, Laufen, Springen, Fechten, Schwimmen und Ringen standen auf der Tagesordnung. Das kameradschaftliche "Du" und eine einheitliche Turntracht waren Usus - als Symbol für das Überwinden der starren gesellschaftlichen Ordnung.
Ort der Selbstentfaltung
Der Turnplatz war allerdings nicht etwa als "Drillplatz" konzipiert, sondern als Ort der Selbstentfaltung. Frisch, frei, fröhlich und fromm, so Jahn in seinem 1816 erschienenem Buch Deutsche Turnkunst, der Bibel der Turner, lautete das Motto. Das spiegelte sich auch im Ablauf der Turnnachmittage wider, die mit Turnküren begannen, bei denen die Turner ihrem Bewegungsdrang nach Lust und Laune frönen konnten. Bei der anschließenden Turnrast wurden Lieder gesungen, Streitereien geschlichtet und Vorträge über vaterländische Geschichte gehört. Erst danach folgte die Turnschule - die Pflicht, neue Übungen und Techniken zu erlernen.
"Volk in Waffen"
Gelegenheit, Barren und Reck mit der Waffe zu tauschen, bekamen Jahn und seine Gefährten 1813, als sie sich während der Befreiungskriege im Lützowschen Freikorps engagierten. Laut Jahn waren die Lützower, allen voran die Turner, die tapfersten Kämpfer und trugen wesentlich zum Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig bei. Der preußische König, Friedrich Wilhelm III., überlegte daraufhin sogar, Turnen in Schule und Armee einzuführen, um ein siegreiches "Volk in Waffen" zu schaffen...
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