Gottesdienst und Gelage
Viele moderne Volksfeste basieren auf religiösen Festen wie der Kirmes. Reges Jahrmarkttreiben mit Karussells und Schaustellungen veränderte jedoch deren ursprünglichen Charakter.Auf eine lange Tradition blickt der Bremer Freimarkt zurück: schon 1035 erhielt die Stadt die Jahrmarktsgerechtigkeit von Kaiser Konrad II.
Jedes Nest ein Fest
Im Sinne dieser Definition wäre die Kirmes lediglich Synonym für Volksfeste jeglicher Art, für ausgelassene Freude auf dem Rummelplatz - was so nicht ganz stimmt. Losgelöst vom religiösen Zusammenhang erinnern zwar in vielen Großstädten oft nur noch Name und Termin an den ursprünglichen Anlass der Kirmes. Schaut man sich jedoch mal genauer im Land um, wird deutlich: In ländlichen Gegenden haben sich bis heute alte Festbräuche und Traditionen erhalten, auch wenn sie sich von Dorf zu Dorf unterscheiden - jedes Nest feiert sein eigenes Fest.
Vom Frühjahr bis zum Herbst
Der Name Kirmes leitet sich ab von Kirchmess oder Kirchweih und bezeichnet ein ursprünglich religiöses Fest zum Gedenken an jenen Tag, an dem die Kirche des Ortes geweiht wurde. Da aber nicht jeder Kirche ewiges Leben beschieden ist - Feuersbrünste oder bauliche Mängel sorgen mitunter für ein frühzeitiges Ende -, fällt der Jahrestag häufig mit dem Namenstag des entsprechenden Schutzheiligen zusammen. So feiert man seit dem Mittelalter Kirmessen vom Frühjahr bis zum Herbst. Aus ganz praktischen Erwägungen jedoch verlegten viele Gemeinden - insbesondere protestantische - den Termin in den Herbst, auf den dritten Sonntag im Oktober, in die Nähe des Erntedankfestes: Die Feldarbeit war beendet, in Küche, Scheune und Stall herrschte nun Überfluss. Gibt es einen besseren Zeitpunkt für ausgelassene Festlichkeiten?
"Willkommener Geruch"
Ein reiselustiger Geheimrat namens Johann Wolfgang von Goethe erinnerte sich 1816 an eine zwei Jahre zuvor besuchte rheinische Kirmes: "Nun wurden wir sogleich gewahr, dass wir uns dem Lebensgenusse näherten. Gezelte, Buden, Bänke, Schirme aller Art standen aufgereiht. Willkommener Geruch gebratenen Fettes drang uns entgegen. Beschäftigt fanden wir eine junge Wirtin, umgehend einen glühenden, weiten Aschehaufen, frische Würste zu braten. Durch eigenes Handreichen und vieler flinker Diener unablässige Bemühung wusste sie einer solchen Masse von zuströmenden Gästen genugzutun..."
Über drei Tage
In vielen Gemeinden ist die Kirmes der Höhepunkt des Jahres. War schon früher der Jahresablauf der Menschen durch diverse Festivitäten bestimmt und strukturiert, teilt sich in ländlichen Gegenden das Jahr auch heute noch in eine Hälfte vor und in eine nach der Kirmes. Meist ziehen sich die Feiern über drei Tage - von Samstag bis Montag. Neben Festumzug, diversen regionalen Bräuchen und Jahrmarkt stehen Bieranstich, Frühschoppen und Tanz im Festzelt im Mittelpunkt.
Dörfliche Institution
Ungezwungene Lustbarkeit ist die Kirmes seit jeher. Doch sie ist noch mehr: Gerade im ländlichen Raum hat sich die soziale Funktion der Kirmes erhalten - als dörfliche Institution, als identitätsstiftendes und integrierendes Moment. Nicht nur die Festlichkeiten selbst sind wichtiger Bestandteil der Kirmes; Vorbereitung und Organisation haben einen ebenso hohen Stellenwert innerhalb der dörflichen Gemeinschaft. Über Generationen gepflegte Bräuche und Rituale verbinden, sind Ausdruck von Geselligkeit und Gemeinsamkeit.
Kirmes im Verein
Als zentraler Ort der Begegnung bietet die Kirmes den Mitgliedern der Gemeinde zudem beste Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Die Präsenz in der Öffentlichkeit dient nicht selten als Richtwert für den Status innerhalb der Gemeinschaft. Das aktive Mitwirken jedes Einzelnen an der Gestaltung der Kirmes - im Gesangsverein, im Schützenverein, bei der Feuerwehr, der Tanzgruppe oder der örtlichen Kirmesgesellschaft - macht denn auch den Unterschied zu großen Volksfesten aus. Die werden ja meist von kommunalen Behörden oder eigens gegründeten "Realisationsfirmen" professionell organisiert.
"Irdische" Vergnügungen
Heute meint auch der Begriff Kirmes nur noch die weltliche Seite des Kirchweihfestes. Zwar gehört der gemeinsame Kirchgang am Sonntag vielerorts fest dazu, doch die seit dem 9. Jahrhundert parallel zu Prozession und Gottesdienst veranstalteten "irdischen" Vergnügungen - wie Gelage, Musik, Tanz und Jahrmarkt - verdrängten nach und nach den religiösen Anlass aus dem Bewusstsein.
Unkomplizierte Form der Geselligkeit
Im Grunde ist es aber gar nicht so wichtig, warum wir feiern - wichtig ist, dass wir feiern. Denn das Miteinander-Feiern gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. In einer mobiler werdenden Gesellschaft mit immer mehr Freizeitmöglichkeiten - die gleichzeitig aber auch von Isolation geprägt ist - steht die "alte" Kirmes für eine neue, unkomplizierte Form der Geselligkeit. Wie ließ schon Goethe seinen Doktor Faustus erkennen: "Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"
Ulrike Wolf (07.09.2010)
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Im Laufe der Jahrhunderte…
entwickelte sich die Kirmes immer mehr zum Jahrmarkt. Verkaufsbuden und Schaustellungen aller Art lockten Besucher auch aus umliegenden Städten und Dörfern. Reisende Kaufleute priesen ihre Waren an, Raritätenkabinette stellten exotische Tiere, Organe in Spiritus, missgebildete Menschen oder siamesische Zwillinge zur Schau.
Zauberer, Muskelkolosse und Seiltänzer präsentierten ihre Künste. Die Kirmes ebnete auch Erfindungen wie Fotografie und Film den Weg zum breiten Publikum. War der Kirmesbesucher da noch passiver Zuschauer, wurde er Mitte des 19. Jahrhunderts zum aktiven Teilnehmer: Karussell, Schaukel und Schießstand waren lange die beliebtesten Kirmesattraktionen.
Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts etablierte sich das moderne Schaustellergewerbe. Achterbahn, Autoscooter und Geisterbahn - transportable Fahr- und Schaugeschäfte gehören bis heute zum Vergnügungsangebot großer Kirmessen. Jahr für Jahr kommen neue, sensationelle Fahrgeschäfte hinzu, ganz nach der Devise: "Höher, schneller, weiter."
Zauberer, Muskelkolosse und Seiltänzer präsentierten ihre Künste. Die Kirmes ebnete auch Erfindungen wie Fotografie und Film den Weg zum breiten Publikum. War der Kirmesbesucher da noch passiver Zuschauer, wurde er Mitte des 19. Jahrhunderts zum aktiven Teilnehmer: Karussell, Schaukel und Schießstand waren lange die beliebtesten Kirmesattraktionen.
Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts etablierte sich das moderne Schaustellergewerbe. Achterbahn, Autoscooter und Geisterbahn - transportable Fahr- und Schaugeschäfte gehören bis heute zum Vergnügungsangebot großer Kirmessen. Jahr für Jahr kommen neue, sensationelle Fahrgeschäfte hinzu, ganz nach der Devise: "Höher, schneller, weiter."
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Hinsichtlich ihrer Besucherzahlen…
sind Volksfeste, Jahrmärkte und Kirmessen "das bedeutendste Angebotssegment der deutschen Freizeitwirtschaft". Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützte Studie des Deutschen Schaustellerbundes (DSB): Durchschnittlich 178 Millionen Menschen strömen jedes Jahr auf die bundesweit rund 14.000 Volksfeste - dabei sind die Besucher von Weihnachtsmärkten noch nicht mitgezählt.
Volksfestgäste geben im Durchschnitt 22 Euro pro Besuch und Person aus, was einen Gesamtumsatz von fast vier Milliarden Euro ergibt. Volksfeste sind nicht nur wichtige Imageträger für die jeweilige Region, mit ihnen verbinden sich auch vielfältige wirtschaftliche Effekte für andere Branchen. Ein Drittel des Umsatzes fließt nicht in die Kassen der Schausteller, sondern kommt Einzelhandel, Gastronomie und Transportbetrieben zugute.
Laut einer Studie des Instituts für Freizeit und Tourismusberatung sprechen Jahrmärkte vor allem junge, ausgabefreudige Bevölkerungsgruppen an - mit 25,5 Prozent sind Angestellte die größte Berufsgruppe unter den Besuchern, gefolgt von Schülern, Auszubildenden und Studenten.
Volksfestgäste geben im Durchschnitt 22 Euro pro Besuch und Person aus, was einen Gesamtumsatz von fast vier Milliarden Euro ergibt. Volksfeste sind nicht nur wichtige Imageträger für die jeweilige Region, mit ihnen verbinden sich auch vielfältige wirtschaftliche Effekte für andere Branchen. Ein Drittel des Umsatzes fließt nicht in die Kassen der Schausteller, sondern kommt Einzelhandel, Gastronomie und Transportbetrieben zugute.
Laut einer Studie des Instituts für Freizeit und Tourismusberatung sprechen Jahrmärkte vor allem junge, ausgabefreudige Bevölkerungsgruppen an - mit 25,5 Prozent sind Angestellte die größte Berufsgruppe unter den Besuchern, gefolgt von Schülern, Auszubildenden und Studenten.



