Unterwegs
Auf der Suche nach Essen und Unterschlupf streifte der Steinzeitmensch umher. Erst im 14. Jahrhundert kam ein Italiener auf die Idee, ohne Sinn und Zweck zu wandern.Sonntagmorgen am Bahnhof in Arnstadt: Zwei Menschen, mit dicken Rucksäcken beladen, und ein Hund steigen aus dem Zug. Nach einem kurzen Blick auf die Karte gehen sie los. Ihr Ziel: Ilmenau. Ihr Weg: ein Pfad, den Kamm der Reinsberge entlang. Leichten Schrittes laufen die drei in Richtung Wald.
Gehen ohne Zweck
Gewandert ist der Mensch schon immer: Er überquerte Kontinente auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, durchstreifte Wälder auf der Jagd nach Tieren und Beeren. Später machten sich Heere auf den Weg, um anderen Heeren gegenüberzutreten, und Händler, um Waren zu tauschen. Doch das Gehen ohne Zweck "erfand" erst der italienische Geschichtsschreiber Francesco Petrarca (1304 bis 1374). Im Frühjahr 1336 (siehe Kasten) kletterte er auf den 1.912 Meter hohen Mont Ventoux in der französischen Provence, "einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen."
Steil bergan
Auch die Wanderer zwischen Arnstadt und Ilmenau haben das Gefühl, auf einen Gipfel zu stürmen. Der Weg durch den Wald führt steil bergan - allerdings nicht auf fast zweitausend, sondern lediglich auf rund sechshundert Meter. Der Hund an der langen Leine springt munter voran, nimmt jede Pfütze mit und schnappt nach Faltern. Schon zwicken den Wanderern die Waden und jedes überflüssige Gramm im Rucksack wird verflucht.
Blick ins Tal
Doch nicht lange nach dem Aufstieg öffnet sich der Blick ins Tal: Umgeben von Wiesen und Feldern schläft ein Dorf, in der Ferne glitzert ein Stausee, im Hintergrund grüßen die Höhen des Thüringer Waldes. Bei Müsliriegel und Gurkenstückchen lässt man sich den Ausblick gefallen. Landschaft und Natur zu genießen ist laut einer Studie des Deutschen Wanderinstituts Hauptmotiv fürs Wandern.
Stille Naturbetrachtung und Nachdenken: Der Wanderer über dem Nebelmeer, von Caspar David Friedrich (um 1818).
Ihren Anfang nahm die Naturbegeisterung in der Aufklärung und erreichte einen Höhepunkt während der Romantik. Bildungsbürger, Dichter und Künstler wanderten in die freie Natur, auf der Suche nach Ursprünglichkeit und Einsamkeit. In der Wildnis manifestierte sich für die Romantiker die Sehnsucht nach Heilung, nach Einswerdung der zerrissenen Welt: "Da steht im Wald geschrieben / Ein stilles, ernstes Wort / Von rechtem Thun und Lieben / Und was des Menschen Hort", reimte Joseph Eichendorff 1810. In Skizzen, Gemälden und Kupferstichen hielten Künstler wie Caspar David Friedrich malerische und geheimnisvolle Landschaften fest.
Muschelkalk und Schmetterlinge
Leinwand und Skizzenblock haben die drei Wanderer über die Reinsberge nicht dabei, wohl aber ein modernes Äquivalent, die Digitalkamera. Motive gibt es zur Genüge: Der Weg führt vorbei an den Grundmauern einer alten Burg, an Muschelkalkformationen, an Steinkreuzen. Über dem Wald schwebt süßer Erdbeerduft. Manchmal schimmert durch die Bäume aus dem Tal eine Ahnung von Zivilisation, doch inmitten von Buchen und Eiben, singenden Vögeln und flatternden Schmetterlingen in tausend Farben scheint sie weit weg.
Gehen zeigt Kraft
Schon den Bildungsbürgern der Aufklärung ging es darum, aus der Zivilisation und ihren Zwängen auszubrechen. Für sie war das aufrechte Wandern ein Symbol der Emanzipation vom Adel, der per Kutsche durch die Lande reiste. "Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft", formulierte der Dichter Johann Gottfried Seume (siehe Kasten), nachdem er 1801/02 zu Fuß von Grimma nach Sizilien und zurück marschiert war. Angeblich hatte sich Seume auch auf den Weg gemacht, um vor einer unerfüllten Liebe zu flüchten.
Flucht ins Grüne
Später flüchteten Spaziergänger vor allem aus den Städten, "aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge", wie es in Goethes Faust heißt. Als mit der Industrialisierung die Städte wuchsen und die Wohnqualität abnahm, folgten auch ärmere Schichten dem Ruf der Natur. Mit der Eisenbahn waren schöne Naturlandschaften ab Mitte des 19. Jahrhunderts bequem zu erreichen.
Der aufmerksame Wanderer macht so manch süße Entdeckung am Wegesrand: Erdbeeren zum Beispiel. (Bild: up)
Nach sechs Stunden Wanderung wünschen sich auch die drei Wanderer zwischen Arnstadt und Ilmenau die Eisenbahn herbei. Drei Viertel der Strecke sind geschafft, doch die Beine sind schwer geworden. Mit hängender Zunge trottet der Hund vorneweg. Stahlblaue Wolken am Himmel verheißen außerdem nichts Gutes. Der nächste Bahnhof ist nur einen Kilometer entfernt, das Ziel in Ilmenau sechs Kilometer. Kurze Beratung, tapfer entschließt man sich zum Weitergehen. Zwei Minuten später beginnt es sachte zu regnen.
Maximum an Wohlbefinden
Ob Regen, Schnee oder Hagel - den Extremwanderer der Gegenwart, der allein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet fernab der Zivilisation durch Gebirge und Wüsten stapft, kann schlechtes Wetter nicht schrecken. Naturerleben, Flucht, Selbsterfahrung - die Motive fürs Wandern sind vielfältig, und doch seit Jahrhunderten gleich. Und die Lektion, die der Wanderer lernt, egal ob in der Gruppe unterwegs oder allein, hat bis heute Gültigkeit. Der Autor Ulrich Grober formuliert sie so: "Dass es oft nur ein Minimum an Dingen braucht, um ein Maximum an Wohlbefinden zu erleben."
Am Ziel
Eine Art Wohlbefinden stellt sich auch bei unseren drei Wanderern ein, als sie Ilmenau erreichen. Der Regen hat aufgehört, am Bahnhof verzehren sie die letzten Krümel des Proviants: Es gibt Kekse mit Schokoladenstückchen. Die Beine brennen und gehorchen fast nicht mehr, doch man ist stolz, die 25 Kilometer lange Strecke bewältigt zu haben. Als der Zug kommt, springt der Hund hinein, verkriecht sich unterm Sitz und döst sofort weg.
Urte Paul (30.07.2008)
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Naturerlebnis und Rückbesinnung
Am 26. April 1336 bestiegen Francesco Petrarca und drei Begleiter den höchsten Berg der Provence, "den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt." Das Unterfangen war ungewöhnlich für die damalige Zeit: Auf Berggipfeln, so glaubte man, wohnten Dämonen und Geister, und die Geheimnisse der Natur ergründen und begreifen zu wollen, galt als verdächtiges Verhalten. Von solchen Bedenken ließ sich Petrarca nicht entmutigen, und auch nicht von den Warnungen eines Hirten am Fuße des Berges.
Auf dem Gipfel angekommen, bewunderte der Dichter die Landschaft: seine Heimat Italien, die schneebedeckten Alpen, den Golf von Marseille. Dann setzte er sich und las in den Confessiones des Augustinus. "Und es gehen die Menschen hin", stand da geschrieben, "zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahin fließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne, und vergessen darüber sich selbst."
Wie betäubt schloss Petrarca daraufhin das Buch. Am Abend schrieb er: "Zorn erfasste mich auf mich selber, dass ich immer noch irdischen Dingen Bewunderung zollte, hätte ich doch schon längst von den Philosophen der Heiden lernen können, dass nichts Bewunderung verdient außer der Seele."
Weil Petrarca ästhetische und kontemplative Sichtweisen miteinander verband, weil bei ihm Naturerlebnis und Rückwendung auf das Selbst zusammenfielen, gilt die Besteigung des Mont Ventoux heute als ein Schlüsselmoment an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit.
Am 26. April 1336 bestiegen Francesco Petrarca und drei Begleiter den höchsten Berg der Provence, "den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt." Das Unterfangen war ungewöhnlich für die damalige Zeit: Auf Berggipfeln, so glaubte man, wohnten Dämonen und Geister, und die Geheimnisse der Natur ergründen und begreifen zu wollen, galt als verdächtiges Verhalten. Von solchen Bedenken ließ sich Petrarca nicht entmutigen, und auch nicht von den Warnungen eines Hirten am Fuße des Berges.
Auf dem Gipfel angekommen, bewunderte der Dichter die Landschaft: seine Heimat Italien, die schneebedeckten Alpen, den Golf von Marseille. Dann setzte er sich und las in den Confessiones des Augustinus. "Und es gehen die Menschen hin", stand da geschrieben, "zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahin fließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne, und vergessen darüber sich selbst."
Wie betäubt schloss Petrarca daraufhin das Buch. Am Abend schrieb er: "Zorn erfasste mich auf mich selber, dass ich immer noch irdischen Dingen Bewunderung zollte, hätte ich doch schon längst von den Philosophen der Heiden lernen können, dass nichts Bewunderung verdient außer der Seele."
Weil Petrarca ästhetische und kontemplative Sichtweisen miteinander verband, weil bei ihm Naturerlebnis und Rückwendung auf das Selbst zusammenfielen, gilt die Besteigung des Mont Ventoux heute als ein Schlüsselmoment an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit.
Infobox
Spaziergang nach Syrakus
Von Grimma bei Leipzig über Dresden, Prag, Wien, die Alpen, Venedig, Rom und Neapel nach Sizilien führt 1801/1802 die Wanderung des Johann Gottfried Seume. Im Unterschied zu anderen reisenden Zeitgenossen interessiert er sich nicht für Kunst und Kultur Italiens; eher widerwillig bringt er vier Tage in Rom zu, der "größten Ruine der Welt".
Land und Leute in Augenschein nehmen, das ist Seumes Hauptinteresse - und Wandern die beste Methode: "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge", schreibt er in den Erinnerungen an den Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.
Auf Sizilien stößt sich der scharfe Beobachter an den Gegensätzen zwischen der paradiesischen Landschaft und dem menschlichen Elend: "Das Thal ist ein wahrer Hesperidengarten und die Segensgegend wimmelt von elenden Bettlern, vor denen ich keinen Fuß vor die Tür setzen kann: denn ich kann nicht helfen, wenn ich auch alle Taschen leerte und mich ihnen gleich machte."
Den Rückweg absolviert Seume über Mailand, die Schweiz, Paris und Weimar. Nach neun Monaten und rund sechstausend Kilometern erreicht er im September 1802 Leipzig. Was ihm die Wanderung bedeutete, lässt Seume im Vorwort zum Spaziergang durchblicken: "Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens und der letzte Gang nach Sicilien war vielleicht der erste ganz freye Entschluß von einiger Bedeutung."
Von Grimma bei Leipzig über Dresden, Prag, Wien, die Alpen, Venedig, Rom und Neapel nach Sizilien führt 1801/1802 die Wanderung des Johann Gottfried Seume. Im Unterschied zu anderen reisenden Zeitgenossen interessiert er sich nicht für Kunst und Kultur Italiens; eher widerwillig bringt er vier Tage in Rom zu, der "größten Ruine der Welt".
Land und Leute in Augenschein nehmen, das ist Seumes Hauptinteresse - und Wandern die beste Methode: "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge", schreibt er in den Erinnerungen an den Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.
Auf Sizilien stößt sich der scharfe Beobachter an den Gegensätzen zwischen der paradiesischen Landschaft und dem menschlichen Elend: "Das Thal ist ein wahrer Hesperidengarten und die Segensgegend wimmelt von elenden Bettlern, vor denen ich keinen Fuß vor die Tür setzen kann: denn ich kann nicht helfen, wenn ich auch alle Taschen leerte und mich ihnen gleich machte."
Den Rückweg absolviert Seume über Mailand, die Schweiz, Paris und Weimar. Nach neun Monaten und rund sechstausend Kilometern erreicht er im September 1802 Leipzig. Was ihm die Wanderung bedeutete, lässt Seume im Vorwort zum Spaziergang durchblicken: "Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens und der letzte Gang nach Sicilien war vielleicht der erste ganz freye Entschluß von einiger Bedeutung."



