Gemeinsam einsam
Einst war die Weltreise Privilegierten vorbehalten; heute kann (fast) jeder den Rucksack packen. Ein elitärer Anspruch aber ist geblieben: Der Weltenbummler ist Individualtourist. Oder doch nicht?Er liegt am Strand in der Hängematte, den Strohhut tief ins Gesicht gezogen. Vor ihm rauscht das Meer, über ihm die Palmen - die Augen leicht geschlossen, schaukelt er vor sich hin, einen Drink in der Hand, ein gutes Buch vielleicht auch. Er ist pausenlos unterwegs gewesen, hat sich Insidertipps geholt, um diesen Traum wahr werden zu lassen. Sein privates Paradies, an einem Ort fernab der Massen, scheint das perfekte Idyll. Die beschwerliche Reise hat sich gelohnt.
Reisen als Selbstzweck
Was bringt Menschen wie unseren selbst ernannten Weltenbummler dazu, in die Welt hinauszuziehen? Was steckt eigentlich hinter dem Begriff? Müssen Weltenbummler zwingend die ganze Welt umrundet haben? Und kann jemand, der den Großteil seiner Reise mit dem Flugzeug zurückgelegt, ein Bummler sein?
Wie bei so vielen zu ergründenden Phänomenen lohnt auch hier der Blick zurück: Bis ins späte Mittelalter verfolgte das Umherreisen in erster Linie wirtschaftliche oder religiöse Ziele. Jene andere Form dagegen, die das Reisen als Selbstzweck zelebriert, ist historisch gesehen relativ jung. Und sie ist ein Luxus, den sich bis vor kurzem nur wenige leisten konnten: Bis zum Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts war das Weltenbummeln privilegierten Ständen oder höheren gesellschaftlichen Schichten vorbehalten.
Exklusive Tour
Vorreiter - im manchmal buchstäblichen Sinn - waren die Grand Touristes des 17. und 18. Jahrhunderts: Junge Adlige und Schöngeister wurden von ihren reichen Eltern losgeschickt, um sich inspirieren und treiben zu lassen, zu malen, zu dichten, um fremde Bräuche und Kulturen zu studieren. Wie Zugvögel reisten sie durch Europa - bis zu vierzigtausend, schätzen Historiker, waren es Jahr für Jahr.
Positiver Effekt der Reiserei: Weltoffenheit, ausgefeilte Manieren, neue Sprachen - kurz, eine optimale Vorbereitung für das Leben in besseren Kreisen. Natürlich wurde standesgemäß gebummelt: in Kutschen, mit Bediensteten und Unmengen von Gepäckstücken. Diese hedonistische Art des Reisens war eine doppelt exklusive Angelegenheit. Sie schloss all jene aus, die weder über das nötige Kapital noch über Kunstgeschmack verfügten.
Während der Grand Tour lernten junge Adlige Kunst und Kultur Europas kennen: Britische Kunstkenner in Rom. (Ölgemälde von James Russell, um 1750)
Gesellschaftliches Pendant der luxuriösen Grand Tour war die Walz: umherwandernde Gesellen, die sich handwerkliches Geschick aneigneten. Genau wie die Grand Tour war auch die Walz gesellschaftlich determiniert und durch Stände reguliert. Die Zünfte, in denen die Walz institutionalisiert war, schlossen Frauen, Bauern und religiös Andersdenkende aus.
Spirituelle Erleuchtung
Solcherart Elitarismus gehört wohl zum Weltenbummeln dazu: So zogen in den 1960er Jahren Hunderttausende junger Menschen auf dem legendären Hippie-Trail von Europa nach Indien, auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung, ihrem inneren Wesen - oder günstigen Drogen. Die Sehnsucht nach Freiheit trieb sie an. Einendes Prinzip der Hippiekultur war der Protest, die Rebellion gegen die Konventionen der Gesellschaft. Ihr anschließen konnte sich nur, wer mit solchen Denkmustern konform ging.
Erschwinglich und leicht
Seit dem Aufkommen des modernen Massentourismus kann praktisch jeder Weltenbummler werden. Erschwingliche Flüge in nahezu jeden Winkel des Erdballs, spezielle Reiseführer und Outdoor-Kleidung von der Stange machen es verlockend leicht. Selbst schwierigste Touren lassen sich per Internet-Blog oder mit Google Earth vorbereiten und theoretisch durchwandern. Alles scheint realisierbar - wenn man nur will...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Weltenbummler | ![]() |
Infobox
Gut gepackt - gut gereist
So unterschiedlich wie die Ansprüche der Weltenbummler sind, so unterschiedlich ist auch ihr Gepäck. Jungen Männern und Frauen auf der Walz genügt ein Charlottenburger: ein kleines Stofftuch, das sie unter dem Arm tragen, um ihr Hab und Gut zu verstauen.
Mondäner hielten es die adligen Bildungsreisenden. Bettwäsche, Haustiere, Geschirr, Kleidung, Bücher und andere praktische Alltagsgegenstände gingen mit auf die Grand Tour - ein kompletter Hausstand wurde in Kisten, Koffern und Taschen untergebracht und auf Kutschen verfrachtet. Mitunter waren die Kutschen so schwer beladen, dass sie auf dem Weg zusammenbrachen.
Heute beschränken sich die meisten Weltenbummler auf einen Rucksack, der ihnen auch den Namen Backpacker (Englisch für "Rucksackreisender") einbrachte. Da fast jede Weltenbummelei mit einem Flug beginnt, ist das Gewicht des Gepäcks limitiert, und so beschränkt sich der Weltenbummler meist auf kleine, multifunktionale Dinge.
Glücklicherweise gibt es heute nahezu alles im praktischen Reiseformat: transportable Kochstellen mit auswechselbaren Gaskartuschen, Miniaturgeschirr, das sich Platz sparend stapeln lässt, ultraleichte Zelte, die dem größten Orkan Stand halten, Moskitonetze, Spezialschuhe und atmungsaktive Kleidung. Auch das Mobiltelefon ist ein Allzweckwerkzeug auf Reisen. Mit GPS und Internet ausgestattet, ersetzt es Kompass und Landkarte und hilft bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten.
Und noch eine praktische Erfindung kommt dem Weltenbummler zu Gute, das Schweizer Taschenmesser. Vor knapp 120 Jahren wurde es konstruiert, um Soldaten beim Waffenreinigen zu helfen. Heute ist es mit seinen fast 150 Funktionen besonders auf Individualreisen unverzichtbar - zum Sägen, Nageln, Stochern, Schneiden, oder zum Öffnen einer Flasche Wein am Traumstrand.
So unterschiedlich wie die Ansprüche der Weltenbummler sind, so unterschiedlich ist auch ihr Gepäck. Jungen Männern und Frauen auf der Walz genügt ein Charlottenburger: ein kleines Stofftuch, das sie unter dem Arm tragen, um ihr Hab und Gut zu verstauen.
Mondäner hielten es die adligen Bildungsreisenden. Bettwäsche, Haustiere, Geschirr, Kleidung, Bücher und andere praktische Alltagsgegenstände gingen mit auf die Grand Tour - ein kompletter Hausstand wurde in Kisten, Koffern und Taschen untergebracht und auf Kutschen verfrachtet. Mitunter waren die Kutschen so schwer beladen, dass sie auf dem Weg zusammenbrachen.
Heute beschränken sich die meisten Weltenbummler auf einen Rucksack, der ihnen auch den Namen Backpacker (Englisch für "Rucksackreisender") einbrachte. Da fast jede Weltenbummelei mit einem Flug beginnt, ist das Gewicht des Gepäcks limitiert, und so beschränkt sich der Weltenbummler meist auf kleine, multifunktionale Dinge.
Glücklicherweise gibt es heute nahezu alles im praktischen Reiseformat: transportable Kochstellen mit auswechselbaren Gaskartuschen, Miniaturgeschirr, das sich Platz sparend stapeln lässt, ultraleichte Zelte, die dem größten Orkan Stand halten, Moskitonetze, Spezialschuhe und atmungsaktive Kleidung. Auch das Mobiltelefon ist ein Allzweckwerkzeug auf Reisen. Mit GPS und Internet ausgestattet, ersetzt es Kompass und Landkarte und hilft bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten.
Und noch eine praktische Erfindung kommt dem Weltenbummler zu Gute, das Schweizer Taschenmesser. Vor knapp 120 Jahren wurde es konstruiert, um Soldaten beim Waffenreinigen zu helfen. Heute ist es mit seinen fast 150 Funktionen besonders auf Individualreisen unverzichtbar - zum Sägen, Nageln, Stochern, Schneiden, oder zum Öffnen einer Flasche Wein am Traumstrand.



