Arena und Manege
Magie, Exotik, Abenteuer und ein Hauch von Freiheit - all das ist mit dem Wort Zirkus verbunden. Viel zu tun hat das mit der Geschichte des Zirkus, die direkt zu den Wurzeln der modernen Unterhaltung führt.Rekonstruktion des Circus Maximus in Rom: Hunderttausende Zuschauer fanden dort Platz. (Bild: VRoma Project)
Allerdings sah das Programm damals anders aus als heute. Das antike panem et circensis - "Brot und Spiele" - steht nämlich für Darbietungen der blutrünstigen Art. Das Volk konnte Tier- und Gladiatorenkämpfe, Pferde- und Wagenrennen verfolgen, sogar ganze Schlachten wurden zur Erbauung der Massen inszeniert. Vergnügungstempel, wie der römische Circus Maximus, fassten Hunderttausende Menschen und waren Meilensteine der antiken Architektur.
Mit dem Ende des Imperiums ging auch die römische Vergnügungskultur im abendländischen Europa unter. Nur im oströmischen Konstantinopel begeisterte sich das Publikum noch an den großen Pferderennen im berühmten Hippodrom.
Fahrendes Volk
Erzählungen und Gaukeleien der durch die Lande ziehenden Bänkelsänger, Narren und Schausteller waren die Volksbelustigungen des Mittelalters - neben den häufig stattfindenden öffentlichen Hinrichtungen. Die als "fahrendes Volk" bezeichneten Menschen standen am Rand der Gesellschaft und waren angewiesen auf Wohlwollen und Großzügigkeit des Publikums. Ihre Zuschauer fanden sie auf Jahrmärkten und bei großen Festen. Der Rückgang der Jahrmärkte schränkte ihre Existenzmöglichkeiten im 17. und 18. Jahrhundert jedoch erheblich ein.
Die Geburtsstunde des modernen Zirkus schlug 1772, als der britische Ex-Soldat Philip Astley (1742 bis 1814) in London eine Reitschule eröffnete, die später ein Dach bekam. Das so entstandene amphitheatre, das erste Zirkusgebäude der Neuzeit, beherbergte ein Vergnügungsunternehmen, in dem noch die Pferdedarbietungen dominierten. Zwingend war daher die runde Form der Manege, denn nur sie machte die damals sehr beliebten Kunststücke mit den Pferden möglich.
Pausenclown und Völkerschau
Nach der Französischen Revolution 1789 verlagerte sich die Entwicklung nach Frankreich und Kontinentaleuropa. Die hier neu hinzu gewonnene Kundschaft aus Mittel- und Unterschicht wollte vielfältigere Unterhaltung geboten bekommen.
Der Charakter der angebotenen Vergnügungen änderte sich: weniger Pferdenummern, stattdessen exotische Tiere, gefährlichere Dressuren und extravagantere Kunststücke. Neue Genres, wie Raubtierdressuren und Clownerie, gelangten ins Programm, letztere zunächst noch als Pausenfüller - daher der berühmte "Pausenclown" -, später als eigenständige Nummer. Und nebenbei fanden heute seltsam anmutende Attraktionen ihre Anhänger: "Völkerschauen" und ein Besuch im "Panoptikum" waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts Publikumsmagneten.
Einst nur Pausenfüller: die Zirkusclowns.
Haltet Eure Töchter fest!
Anders als das fahrende Volk im Mittelalter genoss der Zirkus sogar soziale Anerkennung. Dennoch haftete an der kleinen Zelt- und Wagenstadt nach wie vor der Geruch von Abenteuer, Nonkonformismus und großer weiter Welt. Der damals übliche Spruch "Haltet Eure Töchter und Handtaschen fest, der Zirkus ist in der Stadt" beschreibt das Misstrauen, das wandernden Künstlergruppen Ende des 19. Jahrhunderts noch entgegengebracht wurde.
Trotzdem war es eine gute Zeit für die Zirkusunternehmen, sie mauserten sich zu lukrativen Geschäften. Klassisches Beispiel war der berühmte Circus Barum, der im Jahr 2003 sein 125-jähriges Bestehen feierte und - bis zu seinem Ende im Jahr 2008 - zu den ältesten und erfolgreichsten europäischen Zirkusunternehmen zählte. Seine lange Geschichte begann 1878, als der Tierhändler Carl Froese eine Wandermenagerie mit aus Afrika stammenden Raubkatzen eröffnete.
1899 gründete er in Königsberg einen Tierpark, zog aber auch weiterhin mit Barum's amerikanischer Karawanen-Menagerie durch die Lande. Nach Froeses Tod 1907 übernahm seine Tochter den Betrieb.
Die Anziehungskraft des Zirkus aufs Publikum war inzwischen so groß, dass sogar stationäre Zirkusbauten errichtet wurden. So baute der Cirkus Sarrasani 1912 in Dresden ein festes Manegengebäude, das allerdings der Bombennacht des 13. Februar 1945 zum Opfer fiel.
Konkurrenten Fernsehen und Reiselust
Die goldenen Jahre des Zirkus endeten mit dem Ersten Weltkrieg. Die darauffolgende Zeit war vom Niedergang gekennzeichnet; Wirtschaftskrisen und Inflation machten den übers Land ziehenden Unternehmen zu schaffen und nach 1933 verwehrten ihnen die Nationalsozialisten aus ideologischen Gründen die Anerkennung.
Dem kurzen Aufschwung nach 1945 folgten neue Probleme: Durch den rasch wachsenden Wohlstand erhöhte sich die Zahl von Fernsehgeräten und eine enorme Reiselust kam auf. Es stellt sich bis heute die Frage: Kann Zirkus noch Attraktives bieten, wenn Menschen die große weite Welt entweder täglich auf der Mattscheibe sehen oder sogar schon selbst bereist haben?
Geheimnisvolle Zirkusluft
Die Antwort der Zirkusleute ist schlicht - und überzeugend: Schnuppert die Zirkusluft! Zirkus ist heute Familienerlebnis, bietet Artistik vom Feinsten, Tiere zum Anfassen, Clowns, die viele zum Lachen bringen. Und - natürlich - den unvermeidlichen Geruch von Sägespänen. Den kann die sterile abendliche Hochglanz-Fernsehunterhaltung nicht bieten.
Christian Förster (aktualisiert 27.03.2012)
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Zirkus fürs Leben
Welches Kind träumt nicht davon, im glitzernden Kostüm unterm Kuppeldach des Zirkuszeltes zu stehen und im bunten Scheinwerferlicht das Publikum zu begeistern? Dieser Traum kann in André Sperlichs Erstem Ostdeutschen Projektcircus wahr werden: Für eine Woche wird hier das Klassenzimmer gegen die Manege getauscht.
Im Jahr 2005 startete das Projekt, dessen Konzept Sperlich als Spross einer traditionsreichen ostdeutschen Zirkusfamilie gemeinsam mit Pädagogen entwickelte. Innerhalb weniger Tage werden aus Schulkindern kleine Zirkuskünstler.
Artisten trainieren die Nachwuchs-Akrobaten, Jongleure, Seiltänzer, Zauberer, Dompteure und Clowns. Dabei darf sich jedes Kind - ob sportlich oder dick, schüchtern oder extrovertiert - seine Rolle selbst aussuchen. Erstaunlicherweise, so Sperlich, treffe er bei den Clowns oft schüchterne Kinder, die sich hier in ganz neuer Rolle ausprobieren.
Am Ende jeder Projektwoche steht das große Finale: Vor Eltern, Großeltern, Lehrern und Geschwistern präsentieren die Kinder im Zirkus auf dem Schulhof ihre erlernten artistischen Kunststücke. Das Publikum sei jedes Mal begeistert und erstaunt, was die "Kleinen" Großes zu leisten in der Lage sind.
Das Konzept des Projektcircus gehe jedoch über das Erlernen einfacher Kunststücke und Zirkusnummern hinaus, betont Sperlich: Neben motorischen Fähigkeiten entwickelten die Kindern vor allem soziale Kompetenzen, wie Teamgeist, Disziplin, Mut und Verantwortung für sich und andere.
Welches Kind träumt nicht davon, im glitzernden Kostüm unterm Kuppeldach des Zirkuszeltes zu stehen und im bunten Scheinwerferlicht das Publikum zu begeistern? Dieser Traum kann in André Sperlichs Erstem Ostdeutschen Projektcircus wahr werden: Für eine Woche wird hier das Klassenzimmer gegen die Manege getauscht.
Im Jahr 2005 startete das Projekt, dessen Konzept Sperlich als Spross einer traditionsreichen ostdeutschen Zirkusfamilie gemeinsam mit Pädagogen entwickelte. Innerhalb weniger Tage werden aus Schulkindern kleine Zirkuskünstler.
Artisten trainieren die Nachwuchs-Akrobaten, Jongleure, Seiltänzer, Zauberer, Dompteure und Clowns. Dabei darf sich jedes Kind - ob sportlich oder dick, schüchtern oder extrovertiert - seine Rolle selbst aussuchen. Erstaunlicherweise, so Sperlich, treffe er bei den Clowns oft schüchterne Kinder, die sich hier in ganz neuer Rolle ausprobieren.
Am Ende jeder Projektwoche steht das große Finale: Vor Eltern, Großeltern, Lehrern und Geschwistern präsentieren die Kinder im Zirkus auf dem Schulhof ihre erlernten artistischen Kunststücke. Das Publikum sei jedes Mal begeistert und erstaunt, was die "Kleinen" Großes zu leisten in der Lage sind.
Das Konzept des Projektcircus gehe jedoch über das Erlernen einfacher Kunststücke und Zirkusnummern hinaus, betont Sperlich: Neben motorischen Fähigkeiten entwickelten die Kindern vor allem soziale Kompetenzen, wie Teamgeist, Disziplin, Mut und Verantwortung für sich und andere.
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Geschichte eines Namens
Zirkusunternehmen haben es schwer. Dennoch gab der Wiener Grafiker Bernhard Paul seinen Beruf auf und gründete einen Zirkus. So geschehen 1975 und - man sollte es kaum glauben - es gibt ihn immer noch.
Der Anfang war erwartungsgemäß schwer, aber seine Schöpfung, der berühmte Circus Roncalli, machte sich einen Namen. Er gastiert mitten in den Städten und bietet eine mit großem Aufwand präsentierte Mischung aus Zirkus, Jahrmarkt und Theater.
Nostalgie als Patentrezept: Ein Zelt wie aus der Kaiserzeit und prächtig ausstaffierte Mitarbeiter locken die Massen in die Manege. Der Erfolg gibt dem Gründer Recht - und jedermann denkt, Roncalli ist so alt wie Barum, Krone oder Probst.
Zirkusunternehmen haben es schwer. Dennoch gab der Wiener Grafiker Bernhard Paul seinen Beruf auf und gründete einen Zirkus. So geschehen 1975 und - man sollte es kaum glauben - es gibt ihn immer noch.
Der Anfang war erwartungsgemäß schwer, aber seine Schöpfung, der berühmte Circus Roncalli, machte sich einen Namen. Er gastiert mitten in den Städten und bietet eine mit großem Aufwand präsentierte Mischung aus Zirkus, Jahrmarkt und Theater.
Nostalgie als Patentrezept: Ein Zelt wie aus der Kaiserzeit und prächtig ausstaffierte Mitarbeiter locken die Massen in die Manege. Der Erfolg gibt dem Gründer Recht - und jedermann denkt, Roncalli ist so alt wie Barum, Krone oder Probst.





