Tier und Haltung
Was macht eigentlich der Elefant zwischen Kacheln und umzäuntem Sandplatz? Wie lebt er im Zoo? Wer genauer in die Gehege schaut, bekommt Einblicke die nicht ganz dem Wunschbild entsprechen.Langsam wiegt der mächtige Kopf nach oben, stoppt und geht wieder nach unten. Solch monotone Bewegung des Elefantenhauptes nennt man "Weben" - es ist eine Verhaltensstörung. Im Zoo lebende Elefanten entwickeln dieses Stereotyp in ihrem Dasein zwischen gekachelten Winterquartieren und eingezäunten Sandplätzen.
Bullen trauen sich nicht ran
Kilometerlange Wanderungen auf der Suche nach frischem Futter, Baden, Spielen und zärtliche Berührungen - von einem normalen Elefantenleben sind Zootiere weit entfernt. In räumlicher Enge und ohne festes Sozialgefüge verkümmern wichtige Sinnesorgane, Beziehungen können nicht aufgebaut werden und überlebenswichtige Verhaltensmuster werden nicht erlernt.
Auch das Sexualleben von Zooelefanten ist alles andere als natürlich. Es ist sehr schwer, männliche Bullen, die in der so genannten Musth - einer hormonellen Veränderung - aggressiv werden, in Zoos zu halten. Manche Elefantenbullen "verweichlichen" auch in der ausschließlich weiblichen Zoogesellschaft und trauen sich nicht mehr ran.
Eingeschränkter Sex
Doch Elefantenbabys gelten als Publikumsmagneten, dass wissen die Direktoren. Um den Nachwuchs zu sichern, wird deshalb immer häufiger zur künstlichen Befruchtung gegriffen. Der Hightech-Sex sieht dann so aus: Vater Bulle spendet seinen Samen unter Narkose, die Tierärzte, mit Ultraschall und Kamerasonde ausgerüstet, bringen ihn auf den zwei Quadratzentimeter kleinen Vaginalgang des Muttertieres auf. Wenigstens der Inzucht beugt die künstliche Befruchtung vor.
Psychische Defekte
Doch nur Publikumslieblinge werden so aufwändig betreut. Tiere, die trotz Gefangenschaft könnten, aber keine Attraktionen sind, werden mittels Sterilisation oder Verhütungsmitteln in ihrem Sexualleben eingeschränkt.
So wird im Zoo manipuliert ohne Ende, denn in den künstlichen Räumen sind natürliche Lebensabläufe oft außer Kraft gesetzt. Schutz vor Feinden und regelmäßige Mahlzeiten, wie sie ein Zoo bietet, reichen nicht aus, um Tiere gesund zu halten. Ganz im Gegenteil: Seit langem gilt als gesichert, dass viele Tiere in Gefangenschaft psychische Defekte erleiden.
Missvergnügliches Dasein
Neben abnormen Stereotypen sind gefangene Tiere auch durch Selbstverstümmelungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Fressen von Exkrementen auffällig. Andere sterben an Erkrankungen wie Arthritis oder an Tumoren, die sie in Freiheit so nie erleiden müssten.
Kein Wunder, dass Zootiere unter derart missvergnüglichen Umständen Krankheiten entwickeln, die sie stärker dezimieren, als es dem Direktor lieb sein kann. Aus Daten des International Zoo Yearbook geht hervor, dass der jährliche Abgang in einem traditionellen Zoo wie dem Regent's Park bei etwa einem Fünftel liegt. Theoretisch bräuchte man Zoos also nur fünf Jahre lang nicht beliefern, und schon müssten sie schließen: Es wären nur noch wenige Veteranen übrig.
"Vorzeitiger Tod"
Nimmt man alles zusammen, wird im Zoo viel mehr gestorben als geliebt. So mancher Zooinsasse muss sogar schon vor seiner Zeit gehen: Im Herbst 2000 wurden im Baseler Zoo drei einjährige Bären getötet, weil die einst beliebten Attraktionen, in die Jahre gekommen, nicht mehr so anziehend wirkten. "Ausscheiden durch vorzeitigen Tod" heißt es in diesen Fällen in den Akten. Die Kadaver landen oft in der Veterinärmedizin, wo Felle und Skelette für Forschungszwecke präpariert werden. Den Jungbären ging es nicht ganz so gut. Sie endeten als Futter für Wildhunde und Schneeleoparden.
Christiane Nienhold (aktualisiert 14.04.2011)
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Infobox
Der Zoo als Arche
Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) wurde 1985 aufgelegt und ist ein zoo-übergreifendes Programm zur Zucht von Zootierarten. Sein Ziel ist, die genetische Vielfalt der Bestände sicher zu stellen. Ursprünglich wollte man Zoopopulationen erhalten, damit keine Wildfänge zugekauft werden müssen. In den 1990er Jahren verschob sich dann der Schwerpunkt in Richtung Artenschutz.
Mehr als 150 Tierarten werden über das EEP gemanagt. Für jede Tierart gibt es einen Koordinator: Der Koordinator behält den Überblick, in welchen Zoos "seine" Tiere leben, und macht Vorschläge, wer mit wem Nachwuchs zeugen soll. Dazu tauschen Zoos Tiere untereinander aus oder schicken Befruchtungskapseln über den Postweg.
Der Koordinator ist auch derjenige, der das Zuchtbuch führt: Es enthält die Abstammungsnachweise sämtlicher Zootiere der entsprechenden Art. Anhand dieser Informationen kann der Koordinator die Stabilität des Genpools einschätzen und Empfehlungen zur Verpaarung geben. Das weltweit umfangreichste Zuchtbuch, das Internationale Tiger-Zuchtbuch, verantwortet der Leipziger Zoo. Leipzig führt außerdem Zuchtbücher für den Anoa, das Stumpfkrokodil und den Mähnenwolf.
In manchen Fällen sind Zuchtprogramme so erfolgreich, dass Zoos Tiere auswildern können. Beim Wisent, dessen Zuchtbuch 1923 das erste für ein Wildtier war, gelang das. Weitere Beispiele für Tiere, die ohne Zuchtprogramm längst ausgestorben wären, sind das Przewalskipferd, die Mhorrgazelle, der Kalifornische Kondor, der Davidhirsch und die Oryxantilope.
Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) wurde 1985 aufgelegt und ist ein zoo-übergreifendes Programm zur Zucht von Zootierarten. Sein Ziel ist, die genetische Vielfalt der Bestände sicher zu stellen. Ursprünglich wollte man Zoopopulationen erhalten, damit keine Wildfänge zugekauft werden müssen. In den 1990er Jahren verschob sich dann der Schwerpunkt in Richtung Artenschutz.
Mehr als 150 Tierarten werden über das EEP gemanagt. Für jede Tierart gibt es einen Koordinator: Der Koordinator behält den Überblick, in welchen Zoos "seine" Tiere leben, und macht Vorschläge, wer mit wem Nachwuchs zeugen soll. Dazu tauschen Zoos Tiere untereinander aus oder schicken Befruchtungskapseln über den Postweg.
Der Koordinator ist auch derjenige, der das Zuchtbuch führt: Es enthält die Abstammungsnachweise sämtlicher Zootiere der entsprechenden Art. Anhand dieser Informationen kann der Koordinator die Stabilität des Genpools einschätzen und Empfehlungen zur Verpaarung geben. Das weltweit umfangreichste Zuchtbuch, das Internationale Tiger-Zuchtbuch, verantwortet der Leipziger Zoo. Leipzig führt außerdem Zuchtbücher für den Anoa, das Stumpfkrokodil und den Mähnenwolf.
In manchen Fällen sind Zuchtprogramme so erfolgreich, dass Zoos Tiere auswildern können. Beim Wisent, dessen Zuchtbuch 1923 das erste für ein Wildtier war, gelang das. Weitere Beispiele für Tiere, die ohne Zuchtprogramm längst ausgestorben wären, sind das Przewalskipferd, die Mhorrgazelle, der Kalifornische Kondor, der Davidhirsch und die Oryxantilope.
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Giraffen im Zoo
Wenn sich die Giraffen recken,
Hochlaub sucht die spitze Zunge,
Das ihnen so schmeckt, wie junge
Frühkartoffeln mit Butter mir schmecken.
Hohe Hälse. Ihre Flecken
Sehen aus wie schön gerostet.
Ihre langsame und weiche
Rührend warme Schnauze kostet
Von dem Heu, das ich nun reiche.
Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten,
Sucht nach wild vertrauten Tönen.
Da sie von uns weiter schreiten,
Träumt in ihren stillen, schönen
Augen etwas, was erschüttert,
Hoheit. So, als ob sie wüßten,
Daß nicht Menschen, sondern daß ein
Schicksal sie jetzt anders füttert.
(Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934)
103 Gedichte, 1. Auflage 1933)
Wenn sich die Giraffen recken,
Hochlaub sucht die spitze Zunge,
Das ihnen so schmeckt, wie junge
Frühkartoffeln mit Butter mir schmecken.
Hohe Hälse. Ihre Flecken
Sehen aus wie schön gerostet.
Ihre langsame und weiche
Rührend warme Schnauze kostet
Von dem Heu, das ich nun reiche.
Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten,
Sucht nach wild vertrauten Tönen.
Da sie von uns weiter schreiten,
Träumt in ihren stillen, schönen
Augen etwas, was erschüttert,
Hoheit. So, als ob sie wüßten,
Daß nicht Menschen, sondern daß ein
Schicksal sie jetzt anders füttert.
(Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934)
103 Gedichte, 1. Auflage 1933)



