Lebende Tote
Die Konservierung wurde im Ägypten der Pharaonen perfektioniert. Wer Schätze angesammelt hatte, konnte darauf hoffen, sie auch nach dem Ableben zu besitzen - Kostbarkeiten gingen mit auf die Reise ins Totenreich.Ein Wandbild aus der Pharaonenzeit: Isis, Schwester und Frau des Osiris, wurde wegen ihrer Intelligenz und Zauberkraft verehrt.
Keine der alten Hochkulturen entwickelte ein komplexeres Verfahren, um Körper Verstorbener auf Dauer vor dem Verfall zu bewahren. Doch mit übertriebenem Narzissmus hatten die Ägypter damals wenig am Hut. Was sie zur Konservierung bewegte, war der Glaube an die Wiederauferstehung.
Isis und Osiris
Als Osiris, Sohn des Hauptgottes Re, verstarb, wurde sein Körper von seiner Frau Isis und mit Beistand des Gottes der Totenriten einbalsamiert. Kraft mächtiger Zaubersprüche erweckte Isis ihren Mann wieder zum Leben. Osiris herrschte später als König der Unterwelt und richtete über verstorbene Untertanen. Er hatte den Ägyptern mit seiner Wiederauferstehung gezeigt, dass der Exitus kein tatsächlicher Tod, sondern der Übergang zu ewigem Leben ist. Man musste sich nur auf dieselbe Weise bestatten lassen wie er, um das irdische Dasein im Jenseits fortzuführen.
Fahrlässige Tötung
Voraussetzung ewigen Lebens war demnach der vollständige Erhalt des toten Körpers. Ohne ihn galt die Persönlichkeit des Verstorbenen als heimatlos und im Totenreich verloren. Es glich beinahe einem Mord, wurde ein Leichnam nicht mumifiziert, sondern dem natürlichen Verfall preisgegeben. Die Pharaonen sorgten vor und ließen sich bereits zu Lebzeiten aufwändige Gräber bauen; am bekanntesten sind die Pyramiden von Gizeh. Sie sollten als sichere Stützpunkte für eine Wiedervereinigung von Körper und Seele dienen. Damit es den Herrschern nach dem Tod an nichts fehlte, waren Begleitopfer und reichhaltige Grabbeigaben üblich: Amulette, Schmuckstücke, Götterfiguren.
Mumifiziert, aber immer noch ein Rest Mensch: Dieser Fund aus der Inka-Zeit dient als Schauobjekt mit Anspruch auf Totenruhe.
Ähnlich wie die Ägypter legten auch die Skythen - ein Reitervolk, das im Altertum den südrussischen Raum besiedelte - ihren Verstorbenen im Grab alle Gegenstände griffbereit, die sie einst gebraucht und geschätzt hatten. Sogar Diener, Sklaven und Pferde wurden mitbestattet, damit die Toten für das Leben im Jenseits gerüstet waren. Baumsärge schlossen die Körper luftdicht ein, Hügelgräber hielten Regen und Bakterien fern.
Einfluss und Schutz
Speziell südamerikanische Kulturen wie die Cara oder Cueva sahen Mumien als "lebende Tote" an, die aktiv in die Gegenwart eingreifen konnten. Zum Beispiel trug man einbalsamierte Leichen auf Schlachtfelder, wo sie das Kriegsgeschehen beeinflussen sollten. Personen hohen Ranges wurden in Tempeln beigesetzt - oder besser: aufbewahrt. Ihre Anwesenheit empfanden die Nachfahren als Schutz.
Die Inka verehrten ihre Ahnen sogar wie Heilige. Mitglieder des adligen Ayllu-Verbands waren ausersehen, die Bestattungszeremonie zu leiten. Der Leichnam wurde ausgetrocknet, erhielt ein Gewand aus kostbarem Gewebe und musste an einen würdigen Platz im Palast gebracht werden, wo ihn Diener und Frauen betreuten wie zu Lebzeiten. Man würdigte die historischen Verdienste des Toten und glaubte an seinen Einfluss auf die künftige Entwicklung des Reichs.
Moderner Ewigkeitsanspruch
Ob die Sowjets wohl auf einen ähnlichen politischen Dauereffekt hofften, als sie den Leichnam Wladimir Iljitsch Lenins 1930 in einem eigens gebauten Mausoleum aufbahrten? Dank spezieller Konservierungstinkturen und einiger operativer Wiederauffrischungen seines Äußeren überstand der Führer der kommunistischen Revolution sogar das Ende "seiner" UdSSR. Der Besucherandrang reißt bis heute nicht ab und so ist Lenins Mumie wohl das prominenteste Beispiel dafür, dass das Bedürfnis, die Körper Verstorbener aufzubewahren, zeitlos und jenseits von Gut und Böse ist.
Michael März (01.11.2007)
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Infobox
Die Handwerkskunst der Ägypter
Über Jahrhunderte erprobten und verbesserten die Ägypter das Wissen um die Mumifizierung Toter: Das Handwerk der Balsamierer wanderte von Vater zu Sohn, von Generation zu Generation. Ab etwa 1550 v. Chr., am Beginn des Neuen Reiches, gelangte die Kunst der Mumifizierung zur Blüte.
Am Beginn der "Behandlung" eines Toten stand das Waschen mit duftendem Palmöl, Wacholder- oder Kampferöl. Dann schnitten die Balsamierer die linke Flanke des Körpers auf und entnahmen der Leiche die inneren Organe. Entwässert, getrocknet und verschnürt, wurden die Organe in Eingeweidekrügen - so genannte Kanopen - verpackt oder zurück in die Bauchhöhle des Toten gelegt.
Nach der Entnahme der Innereien wurde der Körper haltbar gemacht: Ein mehrwöchiges Bad in Natronsalz entzog dem Gewebe alles Wasser; die letzte Feuchtigkeit verschwand mit der Nachtrocknung über dem Feuer oder in der Sonne.
Anschließend wusch man die Leiche erneut und rieb sie mit parfümierten Ölen und Baumharzen ein. Der griechische Historiker Herodot berichtet, dass Balsamierer unter anderem Myrrhe, Palmwein und Zedernöl verwendeten. Auch Aloe Vera kannten die alten Ägypter schon. Die leere Bauchhöhle wurde mit Leinen, Sägemehl oder Kräutern ausgestopft.
Der letzte Schritt schließlich war das Bandagieren: Ein Priester hatte die Aufsicht bei diesem nach strengen Regeln ablaufendem Ritual; bis zu 15 Tage konnte die Prozedur dauern. Sorgfältig wurden zunächst einzeln Kopf, Gliedmaßen und Körper umwickelt, schließlich die Leiche im Ganzen. Mehrere hundert Quadratmeter Leinentücher und -binden verbrauchten die Balsamierer mitunter für bis zu zwanzig Schichten Stoff.
Zwischen die Schichten legte man Schmuckstücke, persönliche Gegenstände des Toten und Glück verheißende Amulette. Den Abschluss bildete eine Schicht aus Lehm, Harz oder Wachs, die das Eindringen von Luft in den Körper verhinderte und die Tücher und Binden fixierte. Dann, mehr als zwei Monate waren seit dem Sterbetag vergangen, wurde der Körper schließlich begraben.
Über Jahrhunderte erprobten und verbesserten die Ägypter das Wissen um die Mumifizierung Toter: Das Handwerk der Balsamierer wanderte von Vater zu Sohn, von Generation zu Generation. Ab etwa 1550 v. Chr., am Beginn des Neuen Reiches, gelangte die Kunst der Mumifizierung zur Blüte.
Am Beginn der "Behandlung" eines Toten stand das Waschen mit duftendem Palmöl, Wacholder- oder Kampferöl. Dann schnitten die Balsamierer die linke Flanke des Körpers auf und entnahmen der Leiche die inneren Organe. Entwässert, getrocknet und verschnürt, wurden die Organe in Eingeweidekrügen - so genannte Kanopen - verpackt oder zurück in die Bauchhöhle des Toten gelegt.
Nach der Entnahme der Innereien wurde der Körper haltbar gemacht: Ein mehrwöchiges Bad in Natronsalz entzog dem Gewebe alles Wasser; die letzte Feuchtigkeit verschwand mit der Nachtrocknung über dem Feuer oder in der Sonne.
Anschließend wusch man die Leiche erneut und rieb sie mit parfümierten Ölen und Baumharzen ein. Der griechische Historiker Herodot berichtet, dass Balsamierer unter anderem Myrrhe, Palmwein und Zedernöl verwendeten. Auch Aloe Vera kannten die alten Ägypter schon. Die leere Bauchhöhle wurde mit Leinen, Sägemehl oder Kräutern ausgestopft.
Der letzte Schritt schließlich war das Bandagieren: Ein Priester hatte die Aufsicht bei diesem nach strengen Regeln ablaufendem Ritual; bis zu 15 Tage konnte die Prozedur dauern. Sorgfältig wurden zunächst einzeln Kopf, Gliedmaßen und Körper umwickelt, schließlich die Leiche im Ganzen. Mehrere hundert Quadratmeter Leinentücher und -binden verbrauchten die Balsamierer mitunter für bis zu zwanzig Schichten Stoff.
Zwischen die Schichten legte man Schmuckstücke, persönliche Gegenstände des Toten und Glück verheißende Amulette. Den Abschluss bildete eine Schicht aus Lehm, Harz oder Wachs, die das Eindringen von Luft in den Körper verhinderte und die Tücher und Binden fixierte. Dann, mehr als zwei Monate waren seit dem Sterbetag vergangen, wurde der Körper schließlich begraben.
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Natürliche Konservierung
Ötzi, Ritter Kalebuz und eine Vielzahl von Moorleichen zeigen, dass es auch ohne menschliches Zutun Mumifizierungen gibt. Voraussetzung sind Temperaturen und Lagerungsbedingungen, die den Verfallsprozess im Körper des Toten aufhalten.
So konservierten Hitze und Trockenheit die ägyptischen Wüstenleichen des Altertums, Kälte und Luftabschluss den Jungsteinzeitmenschen Ötzi - erst nach fünf Jahrtausenden gab ihn ein Gletscher wieder frei.
Bei Moorleichen wie dem Mann von Tollund verhinderte eine isolierende Humusschicht, dass der Leichnam von Bakterien zersetzt wurde. Im Falle des Ritter Kalebuz, der seit 1783 in seinem Sarg gut erhalten blieb, ist die Ursache der Mumifizierung bis heute ungeklärt.
Ötzi, Ritter Kalebuz und eine Vielzahl von Moorleichen zeigen, dass es auch ohne menschliches Zutun Mumifizierungen gibt. Voraussetzung sind Temperaturen und Lagerungsbedingungen, die den Verfallsprozess im Körper des Toten aufhalten.
So konservierten Hitze und Trockenheit die ägyptischen Wüstenleichen des Altertums, Kälte und Luftabschluss den Jungsteinzeitmenschen Ötzi - erst nach fünf Jahrtausenden gab ihn ein Gletscher wieder frei.
Bei Moorleichen wie dem Mann von Tollund verhinderte eine isolierende Humusschicht, dass der Leichnam von Bakterien zersetzt wurde. Im Falle des Ritter Kalebuz, der seit 1783 in seinem Sarg gut erhalten blieb, ist die Ursache der Mumifizierung bis heute ungeklärt.



