Leichenschänder
Groß war die Freude bei denen, die später auf die Mumien stießen. Grabräuber, Händler und dankbaren Abnehmer in Europa trieben das Ausschlachten der Mumien und ihrer Rätsel auf die Spitze.So sensationsgierig die Gäste der Mumien-Partys auch waren: Von der Mumie eines Kindes hätten sie möglicherweise Abstand genommen.
Schlichte Wüstengräber
Londesborough, Mitglied des Oberhauses, ließ die Spannung noch ein wenig steigen, indem er lang und breit beschrieb, wo er die Mumie entdeckt hatte. Vielleicht erfand er eine Geschichte, um sie interessanter zu machen? Viele der einbalsamierten Leichen stammten nämlich aus schlichten Wüstengräbern Ägyptens, von wo aus sie zu Tausenden nach Europa verschifft wurden. Die Erforschung der prunkvollen Pharaonengräber hatte gerade erst begonnen.
Sensationslust und Sammelwut
Manche Gäste des Lords wurden ungeduldig, hatten sie sich doch schon in Kuriositätenkabinetten und Museen an Mumien satt gesehen. Die Sensation, einer Person ins Gesicht zu blicken, die vor Jahrtausenden verstarb, hatte sich abgenutzt. Der bloße Anblick der Körper mit ihrem recht gut erhaltenen Äußeren, den Haaren, dem Schmuck und den Goldmasken, genügte ihnen nicht mehr. Sie wollten die Mumien auch anfassen und untersuchen.
Ketten, Armbänder, Ringe
Neben dem besonderen Kick, die Leichen Stück für Stück auszuwickeln, bis ihre Gebeine zum Vorschein kommen, verlockte auch die Aussicht auf kostbare Grabbeigaben. Von ähnlichen Veranstaltungen wusste man, dass Hals und Arme der Mumien immer zuerst freigelegt wurden. An diesen Stellen waren Ketten, Armbänder und Ringe am ehesten zu finden. Doch auch im Innern der Leiber konnten sich Schätze verbergen: die vergoldeten Figuren der vier Horussöhne - Schutzgötter der Eingeweide - zum Beispiel.
Von der spirituellen Bedeutung der Mumien ahnten die Gäste nichts. Nicht einmal erfahrene Ägyptenreisende wie Lord Londesborough vermochten die Hintergründe der Mumifizierung zu erklären. Zwar war es Jean-François Champollion schon 1822 gelungen, die Hieroglyphenschrift zu entziffern, aber die Ägyptologie steckte Mitte des 19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen. Bekannte Experten wie Joseph Pettigrew oder Karl Richard Lepsius waren von einer Rekonstruktion des Mumifizierungsverfahrens weit entfernt, obwohl sie viele historische und archäologische Fakten zusammentrugen.
Ein Gerücht zum Gruseln
Ob die Gäste des Lords nach dem Auswickeln der Mumie entzückt oder enttäuscht nach Hause gingen, ist nicht überliefert. Gegruselt hat man sich vor dem Anblick der einbalsamierten Leichen seinerzeit eher nicht. Vom Unterhaltungs- zum Schauerobjekt verkamen Mumien erst Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Anlass war das Gerücht um einen Fluch, der mit der Öffnung von Sarkophagen oder Grabkammern verknüpft sein soll: Wer die Totenruhe der Mumien stört, dem sei die Rache ihrer Geister beschieden! Die abstruse Vorstellung ging auf fragwürdige Presseberichte zurück. Als der Geldgeber des Archäologen Howard Carter, der 1922 die Grabkammer des Tutanchamun geöffnet hatte, wenig später starb, titelten viele Zeitungen: "Der Fluch des Pharao" oder "Die Rache der Mumie". Verstärkt wurden die Spekulationen durch einige mysteriöse Todesfälle unter Carters Mitstreitern.
Wiederentdeckung der Würde
Aus heutiger Sicht erscheint die Hysterie wie ein Symptom für das schlechte Gewissen gegenüber den entwürdigten menschlichen Körpern. Mit zunehmender Sensibilität für den ägyptischen Totenkult setzte im vorigen Jahrhundert ein Umdenken ein. In Privatbesitz befinden sich konservierte Leichen seither kaum noch. Museen haben sie aufgekauft und verzichten auf reißerische Präsentationen. Der Kairoer Königsmumiensaal wurde sogar geschlossen, um die Toten vor neugierigen Blicken zu schützen - und auch in hiesigen Ägyptischen Museen sind keine nackten Mumien mehr zu sehen.
Michael März (01.11.2007)
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Heilmittel und Aphrodisiakum
Lange bevor kommerzielle Mumienlieferungen Europa überschwemmten, wurde im 13. Jahrhundert erstmals das so genannte Mumia-Pulver importiert. Es handelte sich um ein geheimnisvolles Heilmittel und Aphrodisiakum aus schwärzlichem Erdpech.
Hergestellt wurde es aus Mumien: Man kratzte es von ihren Leinenverbänden, die mit Pech und Harz abgedichtet worden waren. Um den wachsenden Bedarf zu stillen, wurden die Mumien bald komplett zerrieben. Obwohl Türken und Araber den Handel im 16. Jahrhundert verboten, weil sie verhindern wollten, dass man ihre Urahnen aß, blieb Mumia bis nach dem Ersten Weltkrieg im Handel.
Lange bevor kommerzielle Mumienlieferungen Europa überschwemmten, wurde im 13. Jahrhundert erstmals das so genannte Mumia-Pulver importiert. Es handelte sich um ein geheimnisvolles Heilmittel und Aphrodisiakum aus schwärzlichem Erdpech.
Hergestellt wurde es aus Mumien: Man kratzte es von ihren Leinenverbänden, die mit Pech und Harz abgedichtet worden waren. Um den wachsenden Bedarf zu stillen, wurden die Mumien bald komplett zerrieben. Obwohl Türken und Araber den Handel im 16. Jahrhundert verboten, weil sie verhindern wollten, dass man ihre Urahnen aß, blieb Mumia bis nach dem Ersten Weltkrieg im Handel.
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Der Schatz des Pharao
16 Jahre lang hatte der britische Ägyptologe Howard Carter im Wüstensand gegraben, viele kleine und kleinere Kostbarkeiten zu Tage gefördert. Dann, am 4. November 1922, gelang ihm ein spektakulärer Fund: Er stand am Treppenabsatz zu einer von Räubern und Plünderern weitgehend verschonten, fast vollständig erhaltenen Grabanlage.
Schon die ersten, hastig erstellten Listen des Grabinhalts versetzten die Welt in Staunen: von vergoldeten und geschnitzten Staatssesseln ist die Rede, von Kästen voller Roben, goldener Sandalen und Edelsteine, von mit Lapislazuli und Türkisen verzierten Porträts.
In der Grabkammer fanden Carter und seine Mitarbeiter drei Sarkophage. Einer davon bestand aus massivem Gold; die Königsmumie darin war mit einer aufwändigen goldenen Totenmaske, Blumengirlanden und mehr als hundert Amuletten geschmückt. Den Toten identifizierte man anhand königlicher Siegel als Tutanchamun, Pharao der 18. Dynastie. Seine Regierungszeit dauerte von 1332 bis 1323 v. Chr.
In der Schatzkammer neben der Grabkammer entdeckten die Forscher zudem in einem vergoldeten Schrein Alabasterkrüge mit den Eingeweiden des Pharaos sowie mehrere vergoldete Götterstatuen. Die meisten Stücke aus Tutanchamuns Schatz gehören heute dem Ägyptischen Museum und liegen in Kairo oder in Luxor. Die Mumie selbst ist dort, wo sie hingehört: in ihrer Grabstätte im Tal der Könige.
16 Jahre lang hatte der britische Ägyptologe Howard Carter im Wüstensand gegraben, viele kleine und kleinere Kostbarkeiten zu Tage gefördert. Dann, am 4. November 1922, gelang ihm ein spektakulärer Fund: Er stand am Treppenabsatz zu einer von Räubern und Plünderern weitgehend verschonten, fast vollständig erhaltenen Grabanlage.
Schon die ersten, hastig erstellten Listen des Grabinhalts versetzten die Welt in Staunen: von vergoldeten und geschnitzten Staatssesseln ist die Rede, von Kästen voller Roben, goldener Sandalen und Edelsteine, von mit Lapislazuli und Türkisen verzierten Porträts.
In der Grabkammer fanden Carter und seine Mitarbeiter drei Sarkophage. Einer davon bestand aus massivem Gold; die Königsmumie darin war mit einer aufwändigen goldenen Totenmaske, Blumengirlanden und mehr als hundert Amuletten geschmückt. Den Toten identifizierte man anhand königlicher Siegel als Tutanchamun, Pharao der 18. Dynastie. Seine Regierungszeit dauerte von 1332 bis 1323 v. Chr.
In der Schatzkammer neben der Grabkammer entdeckten die Forscher zudem in einem vergoldeten Schrein Alabasterkrüge mit den Eingeweiden des Pharaos sowie mehrere vergoldete Götterstatuen. Die meisten Stücke aus Tutanchamuns Schatz gehören heute dem Ägyptischen Museum und liegen in Kairo oder in Luxor. Die Mumie selbst ist dort, wo sie hingehört: in ihrer Grabstätte im Tal der Könige.



