Knochen des Anstoßes
Mehr als 150 Jahre zählt die Forschungsgeschichte zum Neandertaler. Trotz zahlloser Funde, trotz bahnbrechender Erkenntnisse und Theorien gibt der Frühmensch bis heute Anlass zu hitzigen Auseinandersetzungen.Johann Carl Fuhlrott (1803 bis 1877) stieß mit seiner These vom Eiszeitmenschen auf taube Ohren bei den Gelehrten.
Es gibt keinen Vormenschen!
Die versammelten Gelehrten schüttelten angesichts dieser These ungläubig den Kopf. Fossile Menschenreste - undenkbar! Der Mensch war doch von Gott geschaffen, als dessen unveränderliches Ebenbild! "Vormenschen" wie Fuhlrotts und Schaaffhausens "urtypisches Individuum" sah der biblische Schöpferglaube nicht vor, also konnte es sie nicht geben. Von den rheinischen Gelehrten abgelehnt, wäre Fuhlrotts Entdeckung beinahe auf dem Müllhaufen der Forschungsgeschichte gelandet.
Mutation und Selektion
Dass es dazu nicht kam, hatte mit einem 1859 erschienenen Buch zu tun: Die Entstehung der Arten des britischen Naturforschers Charles Darwin. Darwins Theorie, dass sich Arten durch Mutation und Selektion veränderten und höhere aus niederen Arten hervorgingen, übertrugen andere Wissenschaftler alsbald auf den Menschen und lösten so eine Debatte aus, die die Gelehrtenwelt spaltete: War der Mensch etwa nur ein Tier unter vielen und wie alle anderen aus niederen Arten hervorgegangen? Stammte das als göttlich angesehene Wesen vom Affen ab?
Neandertalerschädel aus La Chapelle aux Saints - Überbleibsel eines Frühmenschen oder eines "armen Idioten"? (Bild: PLoS; Lizenz: Creative Commons)
Bedeutendes Beweisstück der Darwin-Befürworter wurden die Knochen aus dem Neandertal. Der irische Geologe William King beschrieb den Fund 1863 und versah ihn mit dem Namen Homo neanderthalensis. Ein früher Mensch! - so argumentierte die eine Seite. Ein kranker, verformter Jetztmensch, proklamierte die andere Seite: ein "armer Idiot" oder ein "alter Holländer". Unversöhnlich standen sich die Lager gegenüber. Und dabei ging es nicht einfach um Fakten - Schöpferglaube stand in der Auseinandersetzung gegen aufgeklärte Wissenschaft, das Festhalten an Autoritäten gegen professionalisierte, empirisch fundierte Forschung.
Der äffische Mensch
Weitere Neandertalerfunde in Belgien und in Gibraltar untermauerten die These vom Frühmenschen, die sich bald als offizielle Lehrmeinung durchsetzte. Aber was für ein seltsamer Mensch das war: Lang gestreckter Schädel, flache Stirn, große Überaugenwulst, vorstehender Mund, kurze Gliedmaßen, kompakter Körperbau - Wissenschaftler wurden nicht müde, die Ähnlichkeit zum Affen zu betonen. Aus den physischen Gegebenheiten wurde alsbald das Fehlen intellektueller und kultureller Fähigkeiten abgeleitet; Beschreibungen des Neandertalers geizten nicht mit Worten wie "äffisch", "primitiv", "inferior" und "wild".
Viel Kraft, wenig Grips - bis heute hängt dem Neandertaler dieses Urteil an. (Bild: Rekonstruktion im Neanderthal Museum)
Der Wissenschaftsautor Ludwig Reinhardt fasste es 1908 so zusammen: "Das Denken war wohl nicht seine Stärke, wohl aber das Dreinschlagen mit den derben Fäusten und das Beißen mit den gewaltigen Kiefern." Kunst und Literatur popularisierten die Vorstellung vom Neandertaler als primitiver und abstoßend hässlicher, die Keule schwingender Waldmensch. Umso eleganter und fortschrittlicher wirkte dagegen der Cro-Magnon-Mensch, den der Geologe Louis Lartet 1868 in Südwestfrankreich ausgegraben hatte: Dieser direkte Vorfahr der heutigen Europäer bemalte schon Höhlen und schnitzte Schmuck aus Elfenbein...
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Neandertaler (Homo neanderthalensis) heißt eine Gattung Mensch, die etwa von vor 160.000 bis vor 30.000 Jahren existierte. Ihr Lebensraum reichte von Südwesteuropa über den Nahen Osten bis in den Nordirak. Der Neandertaler ging aus dem Homo heidelbergensis hervor. Sein Schädel war flach, das Gehirn größer als das des modernen Menschen. Die Statur des Neandertalers dürfte der eines Gewichthebers von heute entsprochen haben.
Aus Schädelform und Hirnstruktur schließen Wissenschaftler, dass der Neandertaler ausgezeichnete Augen und ein scharfes Gehör hatte. Wahrscheinlich verwendete er seine starken, hervorstehenden Kiefer als eine Art "dritte Hand", um Dinge wie mit einem Schraubstock festzuhalten. Das Feuermachen war ihm ebenso vertraut wie das Herstellen von Klingen durch Aneinanderschlagen von Steinen. Auch legte der Neandertaler bereits Gräber an.
Das Bild vom primitiven Waldbewohner ist heute weitgehend widerlegt. Funde deuten daraufhin, dass der Frühmensch bereits Birkenpech verwendete, um bei der Speerherstellung Schaft und Spitze zu verbinden. Das würde bedeuten, dass der Neandertaler im Lehmboden Gruben anlegte und darin bei konstant hoher Temperatur aus Birkenrinde Pech destillierte.
Ins Wanken gerät auch die Vorstellung vom kulturlosen Rohling: Elfenbeinschnitzereien, Flötenknochen und Höhlenmalereien, die Forscher lange dem Homo sapiens zuschrieben, könnten vom Neandertaler stammen. Wissenschaftler schließen daraus, dass der Frühmensch bereits die Fähigkeit zum symbolischen Denken und zum künstlerischen Ausdruck hatte - Hinweise auf einen "modernen" Intellekt.
Aus Schädelform und Hirnstruktur schließen Wissenschaftler, dass der Neandertaler ausgezeichnete Augen und ein scharfes Gehör hatte. Wahrscheinlich verwendete er seine starken, hervorstehenden Kiefer als eine Art "dritte Hand", um Dinge wie mit einem Schraubstock festzuhalten. Das Feuermachen war ihm ebenso vertraut wie das Herstellen von Klingen durch Aneinanderschlagen von Steinen. Auch legte der Neandertaler bereits Gräber an.
Das Bild vom primitiven Waldbewohner ist heute weitgehend widerlegt. Funde deuten daraufhin, dass der Frühmensch bereits Birkenpech verwendete, um bei der Speerherstellung Schaft und Spitze zu verbinden. Das würde bedeuten, dass der Neandertaler im Lehmboden Gruben anlegte und darin bei konstant hoher Temperatur aus Birkenrinde Pech destillierte.
Ins Wanken gerät auch die Vorstellung vom kulturlosen Rohling: Elfenbeinschnitzereien, Flötenknochen und Höhlenmalereien, die Forscher lange dem Homo sapiens zuschrieben, könnten vom Neandertaler stammen. Wissenschaftler schließen daraus, dass der Frühmensch bereits die Fähigkeit zum symbolischen Denken und zum künstlerischen Ausdruck hatte - Hinweise auf einen "modernen" Intellekt.



