Der römische Spiegel
Waren es nun Wasserrohre aus Blei oder doch die bösen Feinde, welche den Römern irreparabel schadeten? Jede Epoche unserer Zeit bringt ihre eigene Sicht der Dinge hervor und reflektiert damit die eigenen Probleme.Das Jahr 455: die Heere der Vandalen plündern Rom. So jedenfalls stellt man sich um 1900 das große Ereignis vor.
Mit sicherem Schritt betrat Odoaker, Befehlshaber einer aus germanischen Söldnern bestehenden Armee in Italien, den Thronsaal zu Ravenna. Nach kurzer Verbeugung nahm der bärtige Krieger dem erst neunjährigen Kindkaiser Romulus Augustulus die Krone vom Haupt.
Kein neuer Augustus
Eigentlich kein ungewöhnlicher Vorgang: seit vielen Jahrzehnten schon sind die Caesaren Westroms nur noch Marionetten ihrer germanischen Söldnerführer, wechseln meist im Rhythmus weniger Jahre. Diesmal allerdings versucht niemand, einen neuen Augustus für das weströmische Reich einzusetzen. Odoaker herrscht fortan als selbstständiger König über Italien, ähnlich wie andernorts die Könige der Vandalen und der Goten.
Gewiss, das römische Imperium verschwand nicht an einem einzigen Tag aus der Weltgeschichte. Lange Zeit bereits strebte das Schicksal des Reiches auf den Endpunkt zu. Um korrekt zu sein, müssen wir übrigens vom weströmischen Reich sprechen; vor Ostrom, mit dem Verwaltungszentrum Konstantinopel, lagen immerhin nochmals Tausend Jahre eigenständiger Entwicklung - bis 1453 die Scharen des türkischen Sultans auch diesen letzten Rest antiker Zivilisation überrennen.
Dem Untergang geweiht: im Zuge der Völkerwanderung zerfiel das Römische Reich. (4. bis 6. Jahrhundert)
Gigantischer Niedergang
Kein Wunder also, wenn der Untergang des römischen Imperiums in so gut wie jeder Epoche immer wieder auf enormes Interesse stößt. Kein Wunder, wenn die Frage nach den Ursachen solch gigantischen Niedergangs immer wieder neu gestellt - und immer wieder neu beantwortet wird.
Denn weil so viel in unseren modernen Gesellschaften von den Römern her kommt, drängen sich Parallelen auf: Dekadenz, die Kluft zwischen Arm und Reich, Staatsverdrossenheit - all dies ist in der Verfallsgeschichte Roms zu finden, ebenso wie unter den großen Problemen der Gegenwart.
So ist die Versuchung, sich in Spekulationen zu verlieren, fast unwiderstehlich: Rom ging unter, weil... Tausende Gelehrte und Schriftsteller haben es unternommen, den Satz irgendwie zu vollenden - jeweils aus ihrer eigenen politischen und historischen Perspektive. Dekadenz, also die reizvolle Vorstellung von im Sumpf privaten Reichtums verkommenden römischen Bürgern, gehörte und gehört vor Hunderten anderen Theorien zu den beliebtesten Erklärungsmodellen.
Weit entfernt vom Verfall
Die "Versumpfungstheorie" bleibt freilich zweifelhaft: Denn Symptome jener Art gibt es schon, als an Roms Abstieg noch nicht zu denken ist. Was etwa der Römer Sueton über das Leben der Caesaren berichtet, fällt in die Zeit um Christi Geburt: Caligula, Personifikation aller Laster, regierte von 37 bis 41 n. Chr., in einer Blütezeit imperialer Macht.
Und das Kolosseum, für viele Menschen heute die Verkörperung morbider antiker "Spaßkultur", wurde 79 n. Chr. fertiggestellt, weit entfernt von der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, in dem Niedergang und Verfall zur Auflösung führten. An Dekadenz, so die Botschaft, verenden große Reiche eben nicht! Was aber, wenn es Genusssucht und Faulheit und irregeleiteter Geschmack nicht waren, nahm dann die Römer aus der Geschichte?...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Rom | ![]() |
Infobox
Mord und Totschlag...
waren am römischen Hof zu Ravenna Sitte: wenigstens griffen die Mächtigen damals noch selbst zum Schwert oder zum Dolch. Die Lebensgeschichte des Germanen Odoaker belegt das: Aufgewachsen im Umkreis des Hunnenkönigs Attila wurde der ruppige Heruler 470 n. Chr. Anführer der germanischen Hilfskontingente Westroms. Damit hatte der "Barbar" fast die ganze bewaffnete Streitkraft in Italien unter Kontrolle, schon weil es kaum noch reguläre weströmische Truppen gab.
Im Jahr 476 n. Chr. tötete Odoaker persönlich den Vertreter des Kaisers beim Heer, Orestes, weil der den Forderungen der germanischen Söldner nach Land und Reichtum entgegentrat. Nach jener Tat besetzte Odoaker den Palast und jagte Romulus Augustulus, den Sohn des Orestes, vom Thron. Der Kaiser Ostroms, Zenon, sah die neuen Machtverhältnisse realistisch und erkannte Odoaker als rex italiae an.
Ab 488 n. Chr. muss Odoaker selbst sich allerdings gegen die Ostgoten unter König Theoderich wehren, die von Ostrom aus nach Italien dringen. Theoderich ist es dann auch, der den Odoaker, wiederum am Hof zu Ravenna, 493 n. Chr. eigenhändig ums Leben bringt.
waren am römischen Hof zu Ravenna Sitte: wenigstens griffen die Mächtigen damals noch selbst zum Schwert oder zum Dolch. Die Lebensgeschichte des Germanen Odoaker belegt das: Aufgewachsen im Umkreis des Hunnenkönigs Attila wurde der ruppige Heruler 470 n. Chr. Anführer der germanischen Hilfskontingente Westroms. Damit hatte der "Barbar" fast die ganze bewaffnete Streitkraft in Italien unter Kontrolle, schon weil es kaum noch reguläre weströmische Truppen gab.
Im Jahr 476 n. Chr. tötete Odoaker persönlich den Vertreter des Kaisers beim Heer, Orestes, weil der den Forderungen der germanischen Söldner nach Land und Reichtum entgegentrat. Nach jener Tat besetzte Odoaker den Palast und jagte Romulus Augustulus, den Sohn des Orestes, vom Thron. Der Kaiser Ostroms, Zenon, sah die neuen Machtverhältnisse realistisch und erkannte Odoaker als rex italiae an.
Ab 488 n. Chr. muss Odoaker selbst sich allerdings gegen die Ostgoten unter König Theoderich wehren, die von Ostrom aus nach Italien dringen. Theoderich ist es dann auch, der den Odoaker, wiederum am Hof zu Ravenna, 493 n. Chr. eigenhändig ums Leben bringt.



