Der kulturelle Bruch
Eine Tour d'Horizon durch die Geschichte der Sklaverei bietet das Interview mit Professor Egon Flaig, Althistoriker an der Universität Rostock. Was ist Sklaverei? Eine spannende Frage.In den folgenden Interviewabschnitten erläutert Professor Egon Flaig, Althistoriker an der Universität Rostock, die Entwicklung der Sklaverei als historisches Phänomen von der Antike bis zur Neuzeit. Die Texte neben den Videos geben kurze Zusammenfassungen des gesprochenen Wortes und liefern, wo nötig, Zusammenhänge.
Was ist Sklaverei? Sklaverei ist eine Institution. Das bedeutet, man kann im eigentlichen Wortsinn nur dort von Sklaverei sprechen, wo sie als Form der Nutzung menschlicher Arbeitskraft anerkannt und in wesentlichen gesellschaftlichen Strukturen verankert ist. Beim Vergleich zwischen sklavistischen Gesellschaften, seien sie nun vom Islam oder europäisch-christlich geprägt, stellt sich heraus, dass hinsichtlich der Behandlung von Sklaven kaum Unterschiede bestehen. Dramatische Unterschiede existieren jedoch in der jeweiligen Kultur abhängig vom konkreten Verwendungszweck des Sklaven: etwa als Minensklave, Haussklave oder Verwalter. Daraus resultieren sehr verschiedene Lebenssituationen und -chancen: Sklavistische Gesellschaften ähneln einander also in mancher Weise beim Umgang mit ihrer Unterschicht. Aber: Sklave ist nicht gleich Sklave.
8. Jahrhundert v. Chr. bis etwa 146 v. Chr.
Beinahe überall kommen im antiken Griechenland Sklaven zum Einsatz. Da gibt es die Arbeit in den Minen, in der Landwirtschaft, im Haus, als Pädagoge oder als Handwerker. Wichtig ist die Ausnahme: Anders als in späteren, islamisch geprägten Kulturen leisten Sklaven hier keinen Militärdienst. Denn Kulturen, die politischer Teilhabe der freien Bürger einen hohen Stellenwert zumessen, würden niemals Waffen in die Hände von Unfreien legen. Sparta, mit seinen Heloten (Staatssklaven), spielt innerhalb der antiken griechischen Kultur eine Sonderrolle: Dort leben Sklaven als eigene Ethnie mit innerem Zusammenhalt. Das diktatorisch regierte Sparta ist daher, im Unterschied etwa zum demokratisch verfassten Athen, dem Risiko von Sklavenaufständen ausgesetzt.
7. Jahrhundert v. Chr. bis 8. Jahrhundert n. Chr.
Ein wichtiges Merkmal der römischen Sklaverei ist das Delegieren auch verantwortungsvollster Aufgaben an Sklaven. Warum und wie geschieht das? Schon weil niemals ein freier römischer Bürger zu einem anderen in ein Lohnarbeitsverhältnis auf dessen Besitztümern treten würde, ist der Rückgriff auf Sklaven, etwa beim Besetzen von Verwalterstellen, unvermeidlich. Gewiss, Sklaven sind zum Tragen von Verantwortung denkbar schlecht motiviert. Also muss man ihnen wirkungsvolle Anreize geben: Das ist vor allem die Freilassung nach einer Frist, sofern der Sklave sich in seinem Aufgabenbereich bewährt. Dieses System funktioniert teuflisch gut, weil es als Belohnung ansetzt, was das wichtigste im Leben ist: die Freiheit.
7. Jahrhundert bis heute (zum Beispiel im Sudan)
Die islamische Sklaverei entsteht in einer längst sklavistischen Gesellschaft: Denn der Import schwarzer Sklaven nach Nordarabien und Persien hat eine lange zurückreichende Tradition. Kein anderes sklavistisches System importiert in derart großem Umfang Menschen. Die Ausbreitung des Islam mittels Eroberung fremder Territorien erfolgt rasend schnell. Folglich muss eine zahlenmäßig schwache islamische Herrenschicht riesige Menschenmassen beherrschen. Wie funktioniert das? Millionen unterworfene Christen und Angehörige von Naturreligionen werden im Zaum gehalten auch durch bewaffnete, zwangskonvertierte Sklaven. Zwangsbekehrungen und Freilassungen verschieben das für die Herrenschicht ungünstige demografische Verhältnis ins vom Machtstandpunkt aus Erträgliche. Weil die Freilassungsrate hoch ist, muss Ersatz heran. So ist die islamische Sklavenwirtschaft außerordentlich extensiv - mit fatalen Konsequenzen für angrenzende Kulturen.
16. Jahrhundert bis weit ins 19. Jahrhundert
Der Import von Menschen nach den Amerikas, die meist bereits in Afrika von afrikanischen Herrschern versklavt wurden, ist eine Notlösung: Ursprünglich sollten auf den großen Plantagen Nord-, Mittel- und Südamerikas weiße Aussiedler unter Vertrag genommen werden und arbeiten. Das allerdings geht aus einer Reihe sozialer und medizinischer Gründe daneben. Deshalb setzt ein Prozess ein, in dessen Verlauf rund 11 Millionen Menschen im atlantischen Sklavenhandel über den Ozean gelangen.
Von enormer Bedeutung für das Ende der Sklaverei ist der Sieg der Nord- über die Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865). Das zu diesem Zeitpunkt stärkste sklavistische Staatswesen der Welt verschwindet von der Landkarte. Die nun folgende Abschaffung der Sklaverei ist der tiefste kulturelle Bruch in der Geschichte der Menschheit. Alle Hochkulturen beruhten auf Sklaverei. Jetzt erst, im 19. Jahrhundert, wird dieses System plötzlich illegitim.
Das Interview führte Fernsehautorin Kristin Hansen, für den Text auf der Website: Michael Schmittbetz (12.08.2010)
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Egon Flaig...
ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Rostock. Über akademische Kreise hinaus bekannt wurde der Historiker durch seine Analyse des dschihadistischen Islam. In diesem Zusammenhang steht auch Flaigs Interpretation des weltweiten Phänomens Sklaverei: Erst durch die muslimischen Eroberungen, insbesondere des 7. und 8. Jahrhunderts, sei Afrika zum größten Sklavenlieferanten der Weltgeschichte geworden.
Damit relativiert der Althistoriker Flaig die bislang vorherrschende Schuldzuweisung an die europäisch-christliche Kultur. Ganz im Gegenteil habe allein die Kultur Europas in einem jahrhundertelangen widerspruchsvollen Prozess kritischer Reflexion den Abolitionismus (die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) hervorgebracht. Das sei der entscheidende Schritt gewesen auf dem Weg zur Formulierung und teilweise auch praktischen Durchsetzung uneingeschränkt geltender Menschenrechte.
Damit relativiert der Althistoriker Flaig die bislang vorherrschende Schuldzuweisung an die europäisch-christliche Kultur. Ganz im Gegenteil habe allein die Kultur Europas in einem jahrhundertelangen widerspruchsvollen Prozess kritischer Reflexion den Abolitionismus (die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) hervorgebracht. Das sei der entscheidende Schritt gewesen auf dem Weg zur Formulierung und teilweise auch praktischen Durchsetzung uneingeschränkt geltender Menschenrechte.
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Wirtschaft oder Moral?
Zwischen dem frühen 16. Jahrhundert und dem Anfang des 19. Jahrhunderts wurden rund 11 Millionen schwarzafrikanische Sklaven in die Neue Welt verschleppt. Die Verschleppten deckten den Arbeitskräftebedarf besonders beim Zuckerrohr-, Kaffee-, Baumwoll- und Tabakanbau. Der Sklavenhandel über die Atlantikroute war ein risikoreiches, aber profitträchtiges Unternehmen, finanziert von europäischen, oft weltumspannend agierenden Konsortien.
Solche Konsortien beschafften Tauschwaren, rüsteten Schiffe aus, organisierten den Handel an der afrikanischen Küste, verkauften die menschliche Ware in den Amerikas, kauften dort wiederum Waren - und zahlten Gewinne an ihre Aktionäre. Im Sklavenhandel entstanden riesige Vermögen, die als Kapitalstock eine Grundlage bildeten für die industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts. Sklavenhandel trug bei zur Herausbildung globaler Finanzstrukturen.
Was geschah, wenn die Schiffe der Konsortien die afrikanische Küste erreichten? Forschungen zeigen, dass das Bild vom weißen Sklavenjäger, der freie Afrikaner zu Sklaven macht, weitgehend unzutreffend ist. Vielmehr erwarben europäische Agenten dort Sklaven von Vertretern afrikanischer Eliten, und zwar im Tausch gegen Industriewaren.
"Der atlantische Sklavenhandel wäre ohne die Mitwirkung der Afrikaner nicht möglich gewesen", resümieren Jochen Meissner, Ulrich Mücke und Klaus Weber in ihrem Buch Schwarzes Amerika. Zur hohen Zeit des transatlantischen Sklavenhandels betrieben kriegerische, fest gefügte afrikanische Territorialreiche die Versklavung Einheimischer, wonach ein Teil der so versklavten Afrikaner in die Gewalt europäischer Händler gelangte.
"Der atlantische Sklavenhandel wäre ohne die Mitwirkung der Afrikaner nicht möglich gewesen", resümieren Jochen Meissner, Ulrich Mücke und Klaus Weber in ihrem Buch Schwarzes Amerika. Zur hohen Zeit des transatlantischen Sklavenhandels betrieben kriegerische, fest gefügte afrikanische Territorialreiche die Versklavung Einheimischer, wonach ein Teil der so versklavten Afrikaner in die Gewalt europäischer Händler gelangte.
Diese historischen Tatsachen werfen Wertungsprobleme auf. Das bezieht sich auch auf die Wertung des vorwiegend britisch-französischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Die kolonialistischen Vorstöße jener Epoche waren es nämlich, die gemeinsam mit dem offiziellen britischen Verbot ab 1807 den Sklavenhandel zum Erliegen brachten: Afrikanische sklavistische Reiche wurden beseitigt; am Sklavenhandel verdienende afrikanische Eliten verloren an Einfluss. Der Kampf gegen die Sklaverei war ein wichtiges Argument, welches zeitgenössische Befürworter des Kolonialismus verwendeten.
Die anti-sklavistische Motivationsstruktur im Europa des 19. Jahrhunderts war sicher komplex: Experten heben hervor, dass die Phase der ursprünglichen Kapitalakkumulation, zu der der Sklavenhandel beigetragen hatte, in den sich herausbildenden Industriegesellschaften ganz einfach abgeschlossen war. Andere stellen das Agieren evangelikaler protestantischer Gruppen gegen die Sklaverei in den Vordergrund. Wie fast immer, dürften wirtschaftliche und moralische Motive zusammengespielt haben, um letztlich einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel zu bewirken.
Michael Schmittbetz (18.08.2010)
Michael Schmittbetz (18.08.2010)








