Schwere Bürde?
Dem Menschen von heute scheint die Steinzeit weit weit weg zu sein. In seinem Geiste aber, so meinen Experten, regiere noch das Erbe der Jäger- und Sammlervorfahren.Der Steinzeitmensch: Jäger und Sammler. Der Mensch von heute, so eine These, sei psychisch noch immer auf diesem Stand. (Gemälde von Viktor Wasnezow, 1885)
Spuren der Ahnen
Mit großen Schritten entwickelten sich seitdem Technik und Kultur; biologisch aber ist der Mensch am Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen sammelnden und jagenden Vorfahren identisch. Anatomisch nämlich hat sich der Homo sapiens seit rund vierzigtausend Jahren nicht verändert. Und auch in der Psyche lassen sich Spuren seiner Urahnen suchen und finden.
Gepäck im Kopf
1974 stellte der Geologe und Paläontologe Hans Georg Wunderlich in seinem Buch Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende fest, der Mensch von heute schleppe das geistige und psychische Erbe von sechzigtausend Steinzeitgenerationen unbewusst mit sich herum. "Alle kulturellen Anstrengungen der 150 bis 200 nachsteinzeitlichen Generationen", schreibt Wunderlich, "haben nicht vermocht, das steinzeitliche Erbe völlig zu bewältigen. Wir alle tragen noch heute an einer schweren Bürde: Die Nachsteinzeit war zu kurz, um unser kollektives Unterbewusstsein von steinzeitlichem Gedankengut zu befreien."
Knüppel schwingender Waldmensch
Die Idee, der Mensch stehe am Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts psychisch noch auf einer Stufe mit dem den Knüppel schwingenden Waldmenschen, fand überraschend wenig Widerspruch. Wie ließe sich sonst auch erklären, dass es in der heutigen Welt Egoismus und Gewalt, Mord und Totschlag gibt? Dass solche Triebe aus der Steinzeitwelt kommen, sei doch klar: Damals, als ständige Lebensgefahr herrschte, Nahrung und Fortpflanzungspartner knapp waren, habe nur überlebt, wer sich durchsetzte.
Starke Triebe
Im Vorteil sei also der brutale Draufgänger gewesen, der Mammuts erlegte, sich die größten Fleischbrocken erstritt und Nebenbuhler um die Ecke brachte. Bis heute lebten solche Verhaltensweisen im Menschen weiter - offenbar seien steinzeitliche Triebe stärker als Rechts- und Moralvorstellungen, die ja erst seit wenigen Jahrtausenden existieren.
Der Neandertaler auf einer Zeichnung von Hermann Schaaffhausen, 1888.
Und noch mehr menschliche Eigenschaften lassen sich dank der gängigen Interpretation der Steinzeit "erklären". Autoren populärwissenschaftlicher Bücher greifen gern auf vermeintliche Züge des Steinzeitmenschen zurück, um zu begründen, dass Frauen von heute schlecht einparken und Männer nicht zuhören. Am Ende der Argumentationskette lauert dann, mehr oder minder explizit, das Resümee, Frauen hätten sich auch heute gefälligst um den Nachwuchs zu kümmern und Männer die Jagdbeute nach Hause zu bringen - schließlich entspreche das ihren während der Steinzeit antrainierten Fähigkeiten.
Gekonnter Zirkelschluss
Für die Soziologin Nina Degele haben solche Argumente zur "naturgemäßen" Stellung der Frau nichts mit objektiver Wahrheit oder auch nur mit wissenschaftlichem Konsens zu tun. Vielmehr stammten sie daher, "dass männliche Kollegen ihre Vorstellungen einer natürlichen Ordnung von Geschlechtern auf die Steinzeit rückprojizierten." Nicht selten komme es, so Degele weiter, bei solchen Projektionen zu Zirkelschlüssen: Heute ist es so, weil es damals so war; und dass es damals so war, steht fest, weil es noch immer so ist.
Die Ernährerin
Die Steinzeitrealität indes war komplexer, als mancher selbst ernannte Experte glaubt. Mütter saßen keineswegs nur zu Hause herum, hüteten die Kleinen und erwarteten, dass der Vater für Nahrung sorge. "Untersuchungen an heutigen Jäger- und Sammlervölkern", schreibt der Evolutionsbiologe Jared Diamond, "zeigen, dass der größte Teil der Kalorienaufnahme einer Familie auf die von Frauen gesammelte Pflanzenkost entfällt." Gleiches dürfte für den Steinzeitmenschen gegolten haben, der viel primitivere Waffen besaß: Weil es selbst die besten Jäger nicht kontinuierlich schafften, Mammuts zu umzingeln und zu erlegen, waren es Frauen, die den Großteil der Nahrung beschafften und so das Überleben der Gruppe sicherten.
Rekonstruktion der Jungsteinzeit-Siedlung am Federsee: Der Mensch lebt seit jeher in Gruppen. Schon während der Steinzeit kannte er Fürsorge und Gemeinsinn.
Überhaupt spielte sich das Leben des Steinzeitmenschen in der Gruppe ab - wie hätte ein Einzelner erfolgreich jagen oder sich gegen Säbelzahnkatzen verteidigen können? Nicht mit Konkurrenz und Egoismus reagierte der Mensch auf die Bedrohung durch Kälte, Hunger und wilde Tiere, sondern indem er soziale Netze schuf und Verantwortung für andere übernahm. Man ging gemeinsam auf Nahrungssuche, teilte die Beute und beschützte einander. Die Fürsorge ging so weit, dass verletzte Gruppenmitglieder Pflege erhielten, bis sie wieder auf den Beinen waren.
Mitgefühl und Zusammenarbeit
Aus heutiger Sicht gilt die Steinzeit oft als primitive Epoche, grob, hart und kalt wie das Material, das ihr den Namen gab. Ein wichtiger Aspekt wird meist ausgespart: Viele Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen machen, entstanden bereits in der Steinzeit - die Fähigkeit zu sprechen, zu kooperieren, Empathie zu empfinden und für andere zu sorgen. Wann schreibt jemand ein Buch über dieses Erbe?
Urte Paul (29.05.2008)
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Infobox
Die ältesten Steinwerkzeuge, so genannte Oldowan, stammen aus Äthiopien und sind etwa zweieinhalb Millionen Jahre alt. Vermutlich durch Aneinanderschlagen brachte ein früher Vertreter der Gattung Homo den Steinen scharfe Kanten bei. Das Werkzeug stellte sich als nützlich heraus; wie es herzustellen und zu verwenden sei, wurde von Generation zu Generation tradiert.
Vor anderthalb Millionen Jahren gab es erste Faustkeile - ovale bis birnenförmige Steinwerkzeuge, die gut in der Hand lagen und vermutlich zahlreiche Funktionen wie Hacken, Schlagen, Schaben und Schneiden erfüllten. Mit der Zeit wurden die Faustkeile kleiner, leichter und flexibler. In der mittleren Altsteinzeit (ab etwa zweihunderttausend bis vor vierzigtausend Jahren) stellte der Mensch schon zusammengesetzte Waffen wie Speere her. Musikinstrumente und Gräber aus dieser Zeit sind frühe Zeugen von Kunst und Kultur, später gab es Felsmalereien und Skulpturen von Löwenmenschen und Fruchtbarkeitsgöttinnen.
Mit dem Übergang von einer aneignenden (Sammeln und Jagen) zur produzierenden (Viehzucht und Ackerbau) Wirtschaftsweise wurde der Mensch vor rund siebentausend Jahren sesshaft. Vor etwa viertausend Jahren begann er, Metall zu verhütten - die Steinzeit war vorüber.
Vor anderthalb Millionen Jahren gab es erste Faustkeile - ovale bis birnenförmige Steinwerkzeuge, die gut in der Hand lagen und vermutlich zahlreiche Funktionen wie Hacken, Schlagen, Schaben und Schneiden erfüllten. Mit der Zeit wurden die Faustkeile kleiner, leichter und flexibler. In der mittleren Altsteinzeit (ab etwa zweihunderttausend bis vor vierzigtausend Jahren) stellte der Mensch schon zusammengesetzte Waffen wie Speere her. Musikinstrumente und Gräber aus dieser Zeit sind frühe Zeugen von Kunst und Kultur, später gab es Felsmalereien und Skulpturen von Löwenmenschen und Fruchtbarkeitsgöttinnen.
Mit dem Übergang von einer aneignenden (Sammeln und Jagen) zur produzierenden (Viehzucht und Ackerbau) Wirtschaftsweise wurde der Mensch vor rund siebentausend Jahren sesshaft. Vor etwa viertausend Jahren begann er, Metall zu verhütten - die Steinzeit war vorüber.
Infobox
Inbegriff des rückständigen, vor Kraft strotzenden aber geistig minder bemittelten Steinzeitmenschen war lange Zeit der Neandertaler. Er tauchte vor rund 160.000 Jahren in Europa auf und starb vor etwa 30.000 Jahren aus.
Der Neandertaler hatte starke Knochen und war muskulös - sein Körperbau dürfte etwa dem eines Gewichthebers von heute entsprochen haben. Dümmer und primitiver als der Homo sapiens war er jedoch nicht: Funde von Elfenbeinringen, durchbohrten Zähnen und Schnitzereien bezeugen seine kulturelle Kompetenz. Auch kümmerte er sich nachweislich um verletzte Clanmitglieder und legte Gräber für Verstorbene an.
Das Ende des Neandertalers gibt bis heute Rätsel auf. Jahrtausendelang lebte er neben dem aus Afrika eingewanderten Homo sapiens, wurde aber vermutlich nach und nach von ihm verdrängt. Vielleicht hatten eingeschleppte Krankheiten damit zu tun, vielleicht war der Einwanderer einfach fruchtbarer und hatte mehr Kinder. Das Vermischen der Menschenarten schließen die meisten Wissenschaftler aus: Genspuren des Neandertalers im heutigen Homo sapiens ließen sich bisher nicht nachweisen.
Der Neandertaler hatte starke Knochen und war muskulös - sein Körperbau dürfte etwa dem eines Gewichthebers von heute entsprochen haben. Dümmer und primitiver als der Homo sapiens war er jedoch nicht: Funde von Elfenbeinringen, durchbohrten Zähnen und Schnitzereien bezeugen seine kulturelle Kompetenz. Auch kümmerte er sich nachweislich um verletzte Clanmitglieder und legte Gräber für Verstorbene an.
Das Ende des Neandertalers gibt bis heute Rätsel auf. Jahrtausendelang lebte er neben dem aus Afrika eingewanderten Homo sapiens, wurde aber vermutlich nach und nach von ihm verdrängt. Vielleicht hatten eingeschleppte Krankheiten damit zu tun, vielleicht war der Einwanderer einfach fruchtbarer und hatte mehr Kinder. Das Vermischen der Menschenarten schließen die meisten Wissenschaftler aus: Genspuren des Neandertalers im heutigen Homo sapiens ließen sich bisher nicht nachweisen.



