Der Sieg der Bilder
Gab es Troja? Gab es den Trojanischen Krieg? Und gab es einen Dichter namens Homer? Das sind umstrittene Fragen. Immerhin, eines ist sicher: Es gibt Brad Pitt.Achilles oder Brad Pitt? Dieses Ölbild von Léon Benouville (1847) zeigt tatsächlich den griechischen Helden.
Geschichte sei mehr als das, meinen Forscher: Geschichte müsse es wirklich gegeben haben, sonst sei sie keine, sondern bloße Fantasie. Hinter solcher Auffassung verbirgt sich das Denkmodell der Zeitreise: Könnte Vergangenheit nicht objektiv vor unseren Augen liegen, wenn es gelänge, Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende zu überfliegen?
Auf die Deutung kommt es an
Fliegen wir also ins Jahr 1200 v. Chr. auf den Hügel von Hisarlık, dahin, wo Troja gestanden haben soll. Uns erwartet eine Überraschung: Was wir dort sehen, ist Troja - der Film! Die Bronzespitze im Sand ist der Pfeil, der in Brad Pitts Ferse steckte. Denn beinahe alles hängt ab von den Bildern, die wir im Kopf mit uns tragen. Die Funde sind viel, die Deutung, die wir für sie finden, ist mehr. So entsteht Geschichte.
Verkürzen wir unsere Zeitreise um ein halbes Jahrtausend: Irgendwann nach 700 v. Chr. begegnet uns ein wandernder blinder Sänger. Arm wie dieser Sänger, sein Name ist übrigens Homer, ist auch das Leben in jener Epoche. Sogar die Schrift hat man vergessen. Wir hören Homer also klagen, in kunstvollen, gesungenen Versen: über die Gegenwart, die ihm nur "Dunkles Zeitalter" ist.
So stellte sich der Maler William-Adolphe Bouguereau 1874 den blinden Sänger vor. Natürlich mit Blindenführer.
Homers gesungenes Gemälde
Sein Gesang handelt von Göttern, wie die Menschen ewig miteinander im Streit, und von einem gewaltigen, fünfhundert Jahre zurückliegenden Krieg: Helden aus vielen griechischen Stämmen belagerten mit ihren Gefolgen das mächtige Ilion zwischen den Quellen des Flusses Skamandros, berichtet der blinde Sänger.
Homers gesungenes Gemälde ist voll skurriler Details: Den wahren Kriegsgrund schaffen Vernichtungspläne des Zeus, dann olympische Eifersucht; der irdische Anlass ist banal: Paris, ein Prinz aus Ilion, welches die Landschaft Troas beherrscht, entführte die Gattin des Menelaos, des spartanischen Königs.
Zornig stehen sie nun alle vor Ilion, die griechischen Heroen: Agamemnon und Menelaos, Achilles und Patroklos, Aias und Diomedes, Nestor und Odysseus, der Listenreiche. Volle zehn Jahre dauert der Kampf, auch die Gegenseite hat schließlich Helden. Wie das Gemetzel ausging, ist Weltliteratur. Die Helden sind tot. Die Zeit der Zwerge beginnt.
Es musste so gewesen sein
Sobald Menschen wieder über die Schrift verfügen, wird aus den Bildern Text. Jemand schreibt auf, was er gehört hat davon, was ein Sänger namens Homer vom großen Krieg vor Ilion gesungen haben soll. Später kommen andere, die den Schriftrollen manches hinzufügen und manches streichen. Auf die Nachwelt gehen zwei bedeutende Texte über: Ilias und Odyssee.
Bilder können sterben. Um ihnen Dauer zu verleihen, bedarf es des Interesses. Bereits den Griechen war Troja wichtig. Alexander der Große empfand sich mit Helden gleich beider Seiten verwandt. Rom baute gar seinen Gründungsmythos auf die Troja-Legende: Aineas, nach Hektor Tapferster der Trojaner und aus dem brennenden Troja entkommen, galt als Stammvater der Römer. Die Abstammung von Aineas legitimierte das iulisch-claudische Herrscherhaus und den römischen Staat. Für Zweifel am Realitätsgehalt des Troja-Stoffes blieb wenig Raum. Es musste so gewesen sein.
Aineas flieht aus dem brennenden Troja. Auf dem Arm trägt er seinen alten Vater Anchises. Das Bild malte 1598 Federico Barocci.
Bis weit in die Neuzeit hinein betrachteten Menschen ihr historisches Schicksal auf dem Hintergrund der Troja-"Erinnerung": Ob Türkenkriege, ob Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei, überall spielte Troja irgendwie mit. Dass die Zweifler nie zum Schweigen zu bringen waren, grenzt an ein Wunder.
Schliemann will Troja finden
Den Deutschen brachte die alten Texte der Idealismus des 19. Jahrhunderts nahe: Hellenismus und deutsches Wesen enthielten, glaubte man, identische Züge. Troja gehörte bald zum Bildungskanon breiter sozialer Schichten. Auf solche Weise lernte auch Heinrich Schliemann den Mythos kennen. Reich geworden mit Pulverlieferungen im Krimkrieg kannte der Kaufmann und wissenschaftliche Laie nur noch ein Lebensziel: Troja zu finden.
Wo Schliemann Troja "fand", nämlich auf dem Hügel Hisarlık, ist weit verbreitetes Wissensgut. Überzeugend wirkte die Kraft der Bilder: der Schatz des Priamos, Friese an freigelegten Mauern, Waffen und Gerät. Schliemanns Funde schienen von selbst zu sprechen.
Wie Schliemann, bei allen Verdiensten, dramatisch irrte, ist weniger bekannt, zählt jedoch zu den Gemeinplätzen der Wissenschaft: Hisarlık, Schliemanns Troja, besteht ja aus Schichten, die verschiedenen Epochen entstammen. "Priamos'" Schatz war nach neuerer Einschätzung rund tausend Jahre zu alt für Homers Trojanischen Krieg. So zeigt sich, dass immer nur Menschen über Funde sprechen, ihnen Bedeutung erst geben!
Nur in der Ilias finden Sie Troja! Hier liest Johann Joachim Winckelmann in Homers Epos. Das Bild malte Rafael Mengs 1755.
Auf welchen Wegen sie das tun, entscheidet manchmal über den Wahrheitsgehalt, gewiss aber über den Effekt: Das 19. Jahrhundert, Schliemanns Lebenszeit, ist das Geburtsjahrhundert von Massenpresse, Populärwissen und Massenkultur. Zeitungsmeldungen, Zeichnungen und Fotografien in riesiger Auflage machten Schliemann berühmt.
Leicht verständliche, handfeste "Beweise" stützten die These, der Ausgräber habe den Sieg über alle Troja-Skeptiker davongetragen. Wer wollte da noch kleinkarierte Einwände hören, etwa, dass es Beweise für einen Ort des Trojanischen Krieges gar nicht geben kann. Das Publikum glaubte an Troja und an den Trojanischen Krieg, weil es beides, dank Schliemanns Bildern, doch sah!
In den Fußstapfen Heinrich Schliemanns folgten andere Ausgräber auf den Hügel von Hisarlık. Neue, auch politische Motive sind längst an die Stelle der alten Interessen aus Antike und Mittelalter getreten. Sie bringen heute Forschungsgelder zum Fließen und hin und wieder Funde hervor. Touristen reisen nach Hisarlık, um einmal, wie der Poet Lord Byron, "auf Achilles' Grab zu stehen".
Nicht verstummen wollen trotz allem die Bilderstürmer: "Sparen Sie sich die Reise, bleiben Sie zu Hause, und lesen Sie die Ilias! Dort, und nur dort, finden Sie die homerische Ilios", empfiehlt der Althistoriker Frank Kolb. Aber sind die Bilder nicht viel zu schön? Im Wissen um ihre eigene haushohe Unterlegenheit haben Leute wie Kolb den Mythos als Mythos enttarnt. Man muss ihnen Recht geben; man tut es nicht gern. Man geht ins Kino: Gab es Troja? Na klar!
Michael Schmittbetz (04.01.2012)
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Hisarlık, Ilion und "Troja"
Der Hügel von Hisarlık liegt im nördlichen Anatolien, rund dreieinhalb Kilometer südlich der Dardanellen, in der türkischen Provinz Çanakkale. Experten diskutieren darüber, ob die bronzezeitliche Siedlungsstruktur in einigen der archäologischen Schichten zu ihrer Zeit das Potential hatte, die Dardanellen zu sperren. Falls es so war, könnte das, auch unabhängig von der homerischen Überlieferung, ein Kriegsgrund gewesen sein.
Am 9. August 1868 kam Heinrich Schliemann in die Ebene der Troas, also in die Landschaft am Fuß des Ida-Gebirges, die den Hügel von Hisarlık umgibt. Nach Hinweisen des Engländers Frank Calvert gelangte Schliemann zu der Überzeugung, dass der Hügel die Ruinen des homerischen Ilion berge - und demzufolge als Schauplatz des Trojanischen Krieges anzusehen sei.
1873 teilte Schliemann der Öffentlichkeit mit, "Troja" ebendort entdeckt zu haben. Doch erst sein spektakulärster Fund, der von ihm selbst so genannte Schatz des Priamos, verschaffte dem frisch gebackenen Archäologen Glaubwürdigkeit. Priamos war, laut Homer, der letzte König von Ilion. Ironischerweise ist die Schicht, in der Schliemann sein Hauptargument freilegte, rund tausend Jahre zu alt, um zur homerischen Überlieferung zu passen.
In den Homer zugeschriebenen Texten heißt die von den Griechen belagerte und eroberte Burg nicht Troja, sondern Ilion, gelegentlich Ilios. Mit dem Wort Troas bezeichnet der Dichter die Landschaft, in der Ilion liegt. Die Bewohner der Troas, mithin die Gegner der griechischen Belagerer, heißen bei ihm Troer.
Ilion, die in den homerischen Texten bezeichnete Burg mit anschließender Unterstadt, könnte mit den archäologischen Schichten Troja VI oder Troja VIIa identisch sein. Entweder durch eines der dort häufigen Erdbeben oder durch eine Eroberung wurde diese Siedlung gegen 1200 v. Chr. zerstört.
Am 9. August 1868 kam Heinrich Schliemann in die Ebene der Troas, also in die Landschaft am Fuß des Ida-Gebirges, die den Hügel von Hisarlık umgibt. Nach Hinweisen des Engländers Frank Calvert gelangte Schliemann zu der Überzeugung, dass der Hügel die Ruinen des homerischen Ilion berge - und demzufolge als Schauplatz des Trojanischen Krieges anzusehen sei.
1873 teilte Schliemann der Öffentlichkeit mit, "Troja" ebendort entdeckt zu haben. Doch erst sein spektakulärster Fund, der von ihm selbst so genannte Schatz des Priamos, verschaffte dem frisch gebackenen Archäologen Glaubwürdigkeit. Priamos war, laut Homer, der letzte König von Ilion. Ironischerweise ist die Schicht, in der Schliemann sein Hauptargument freilegte, rund tausend Jahre zu alt, um zur homerischen Überlieferung zu passen.
In den Homer zugeschriebenen Texten heißt die von den Griechen belagerte und eroberte Burg nicht Troja, sondern Ilion, gelegentlich Ilios. Mit dem Wort Troas bezeichnet der Dichter die Landschaft, in der Ilion liegt. Die Bewohner der Troas, mithin die Gegner der griechischen Belagerer, heißen bei ihm Troer.
Ilion, die in den homerischen Texten bezeichnete Burg mit anschließender Unterstadt, könnte mit den archäologischen Schichten Troja VI oder Troja VIIa identisch sein. Entweder durch eines der dort häufigen Erdbeben oder durch eine Eroberung wurde diese Siedlung gegen 1200 v. Chr. zerstört.
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Der "Zweite Trojanische Krieg"
Mit geistiger Klinge kämpfen seit mehr als zehn Jahren deutsche Wissenschaftler gegeneinander: Archäologen und Althistoriker streiten, ob Homers Epen, also Ilias und Odyssee, auf Tatsachen gründen, ob Troja wirklich existierte - und ob das, was Ausgräber seit Schliemann im Hügel von Hisarlık fanden, das Ilion des Trojanischen Krieges sei.
Vorstellen kann man sich das geistige Gefecht wie den Kampf zweier Heere, fast wie den Krieg der Griechen und Trojaner, wenn es ihn denn gab. Anführer der Trojaner war der Archäologe Manfred Korfmann, der bis zu seinem Tod 2005 vehement die These von der Historizität der homerischen Überlieferung vertrat.
Ab 1988 war Korfmann Leiter des von der Mercedes AG (später DaimlerChrysler, jetzt Daimler AG) gesponserten und von der türkischen Regierung unterstützten Ausgrabungsprojekts von Hisarlık. Korfmann sah die Existenz Trojas auf dem Hügel von Hisarlık als erwiesen an, musste unter dem Druck des feindlichen Heeres allerdings im Detail Rückzieher machen.
Dessen Anführer, der Althistoriker Frank Kolb, erhob in diversen Äußerungen den Vorwurf bewusster Irreführung. Die Siedlungsstruktur sei, so Kolb, ein unbedeutendes lokales Zentrum gewesen. Für ein "Troja" auf Hisarlık, ja überhaupt für einen Trojanischen Krieg gebe es keinerlei Beweise. Mittels gut organisierter Medienkampagnen, besonders im auf Bilder angewiesenen Fernsehen, sei es Korfmann gelungen, seine Sicht auf die Dinge durchzudrücken.
Während Korfmann beziehungsweise dessen Nachfolger auf ihre Funde verweisen, rügt Kolb deren Interpretation und verweist auf Indizien für Voreingenommenheit: Korfmann, dem kurz vor seinem Tod die türkische Staatsbürgerschaft verliehen wurde, habe Begehrlichkeiten der türkischen Politik und wirtschaftlichen Interessen entsprochen. Der Beweis der "Echtheit" Trojas solle lediglich Befürwortern eines EU-Beitritts der Türkei entgegenkommen.
Nach seinem Höhepunkt im Sommer 2001 ist der Zweite Trojanische Krieg inzwischen stark abgeflaut. Zwar gehen die Grabungen weiter, der türkische Staat aber zeigt ein eher moderates Engagement. Am Islam orientierte Kräfte in der türkischen Politik setzen weniger als ihre Vorgänger auf Grabungsergebnisse, die eine Wiege der europäischen Kultur auf türkischem Boden nahelegen.
Kolb, dem nach Meinung eines Rezensenten etwas "die Gegner abhanden kamen", veröffentlichte dennoch 2010 ein Buch unter dem Titel Tatort "Troja", in dem er die Debatte aus seiner Sicht resümiert. Die Ausgräber vor Ort hingegen halten weiter an der Authentizität Trojas fest, legen den Schwerpunkt aber auf archäologische Feinarbeit an einer zweifellos interessanten bronzezeitlichen Formation.
Vorstellen kann man sich das geistige Gefecht wie den Kampf zweier Heere, fast wie den Krieg der Griechen und Trojaner, wenn es ihn denn gab. Anführer der Trojaner war der Archäologe Manfred Korfmann, der bis zu seinem Tod 2005 vehement die These von der Historizität der homerischen Überlieferung vertrat.
Ab 1988 war Korfmann Leiter des von der Mercedes AG (später DaimlerChrysler, jetzt Daimler AG) gesponserten und von der türkischen Regierung unterstützten Ausgrabungsprojekts von Hisarlık. Korfmann sah die Existenz Trojas auf dem Hügel von Hisarlık als erwiesen an, musste unter dem Druck des feindlichen Heeres allerdings im Detail Rückzieher machen.
Dessen Anführer, der Althistoriker Frank Kolb, erhob in diversen Äußerungen den Vorwurf bewusster Irreführung. Die Siedlungsstruktur sei, so Kolb, ein unbedeutendes lokales Zentrum gewesen. Für ein "Troja" auf Hisarlık, ja überhaupt für einen Trojanischen Krieg gebe es keinerlei Beweise. Mittels gut organisierter Medienkampagnen, besonders im auf Bilder angewiesenen Fernsehen, sei es Korfmann gelungen, seine Sicht auf die Dinge durchzudrücken.
Während Korfmann beziehungsweise dessen Nachfolger auf ihre Funde verweisen, rügt Kolb deren Interpretation und verweist auf Indizien für Voreingenommenheit: Korfmann, dem kurz vor seinem Tod die türkische Staatsbürgerschaft verliehen wurde, habe Begehrlichkeiten der türkischen Politik und wirtschaftlichen Interessen entsprochen. Der Beweis der "Echtheit" Trojas solle lediglich Befürwortern eines EU-Beitritts der Türkei entgegenkommen.
Nach seinem Höhepunkt im Sommer 2001 ist der Zweite Trojanische Krieg inzwischen stark abgeflaut. Zwar gehen die Grabungen weiter, der türkische Staat aber zeigt ein eher moderates Engagement. Am Islam orientierte Kräfte in der türkischen Politik setzen weniger als ihre Vorgänger auf Grabungsergebnisse, die eine Wiege der europäischen Kultur auf türkischem Boden nahelegen.
Kolb, dem nach Meinung eines Rezensenten etwas "die Gegner abhanden kamen", veröffentlichte dennoch 2010 ein Buch unter dem Titel Tatort "Troja", in dem er die Debatte aus seiner Sicht resümiert. Die Ausgräber vor Ort hingegen halten weiter an der Authentizität Trojas fest, legen den Schwerpunkt aber auf archäologische Feinarbeit an einer zweifellos interessanten bronzezeitlichen Formation.



