Esel und Gelehrte
Wenn es ein anderes Wort für Geheimnis gibt, dann ist das: Ägypten. Die Gründe sind rasch erklärt. Spätestens seit der Antike fühlen sich Europas Menschen mit Kultur und Zivilisation an den Ufern des Nils verbunden. Über viele Jahrhunderte jedoch lag das, worin man die eigenen Wurzeln mehr ahnte als kannte, im Dunkel der Vergangenheit. Augenfällig waren die Riesenbauwerke der Pharaonen schon für Geistesgrößen wie Herodot und Platon. Die Sphinx zeigte ihr Gesicht den Reisenden aller Epochen. Was aber hat sie zu bedeuten? Welcher Sinn steckt hinter den steinernen Zeugen im Sand?Schweigen und Neugier
Stumm blieben die sichtbaren Monumente, weil die Sprache, die sie erklärte, im vierten nachchristlichen Jahrhundert verloren ging. Keine Schriftrolle, kein in Basalt gehauener Text redete noch über die Techniken der Baumeister, über Liebe und Alltag, über Macht und Religion. So entstand das Geheimnis Ägypten, mit seinem großen Spielraum für Phantasten und Scharlatane, doch auch als ungeheurer Anreiz für menschliche Neugier - und fleißiges Forschen.
Mit Bonaparte in Ägypten
Erster Schritt zur Enthüllung war gründliches Beschreiben: 1798, mit dem Feldzug General Napoleon Bonapartes, der das Land am Nil für die Französische Republik erobern sollte, schlug die Geburtsstunde der Ägyptologie. Vielleicht hat sein Vorname - Napoleon bedeutet Wüstenlöwe - dem jungen General den Fingerzeig gegeben. Jedenfalls, im Tross der mühsam übers Mittelmeer verschifften riesigen Truppenmacht reiste ein ganzer Stab von Wissenschaftlern, Künstlern und Literaten, darunter führende Köpfe ihrer Zeit.
Tempel, Begräbnisstätten, Goldschmuck
Nicht die Militärs ließen Bonapartes Feldzug in die Geschichte eingehen - sondern Forscher und Zeichner. In wenigen Monaten Präsenz, zwischen Marsch und Gefecht, sammelten, vermaßen und zeichneten sie, was es nur zu sammeln, zu messen und zu zeichnen gab: Tempel und Begräbnisstätten, Goldschmuck und - mysteriöse, in Stein geprägte Schrift.
Schützenswertes Gut
Das Verhältnis von Forschern und General war exzellent: In keinem Geschichtsbuch fehlt Bonapartes ruppiger Befehl vor der Schlacht bei den Pyramiden: "Esel und Gelehrte in die Mitte!" Dem Strategen schienen die Vertreter der Wissenschaft, nächst den wertvollen Lasttieren, nun mal schützenswertes Gut. Das Ergebnis von so viel Obhut und Fleiß füllt zwanzig großformatige Bände. Unter dem Titel Description de l'Egypte sind sie von 1809 bis 1822 in Paris erschienen.
Liebe zum Detail
Seele des Ganzen ist der Maler D. Vivant Denon (1747 bis 1825). Während der Revolution ein bekannter Pornograph, wendet Denon die dort geübte Liebe zum Detail nun auf Altertümer aus Stein. Selbst als Frankreich die in Ägypten zusammengetragenen Dinge den am Ende erfolgreichen Briten überlassen muss, bleiben Denons Zeichnungen der Republik erhalten - Deskription, Beschreibung dessen, wovon noch kein lesbarer Text den Sinn entschleiert...
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Infobox
Der Italiener Ippolito Rosellini (1800 bis 1843) reist 1828 gemeinsam mit dem Sprachforscher Champollion durch Ägypten, gelangt bis zu den Tempeln von Abu Simbel, kopiert und übersetzt alle aufgefundenen Texte. Der Deutsche Karl Richard Lepsius (1810 bis 1884) unternimmt seine Reise zwischen 1842 und 1845 im Auftrag des preußischen Königs. Resultat ist die zwölfbändige Ausgabe der Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien, mit 894 Farbtafeln 1859 veröffentlicht. Auguste Mariette (1821 bis 1888) entdeckt nach 1850 die Begräbnisstätte der heiligen Apisstiere und erforscht Stätten wie Abydos, Theben und Elephantine. Er startet die ersten großen, systematischen Grabungsprojekte und ist der Gründer des Ägyptischen Museums in Kairo. Sir William Mathew Flinder Petrie (1853 bis 1942), der "Messer und Deuter", jagt nicht nur wertvollen Stücken nach, sondern legt die Basis für künftige, auf den Kontext des Grabungsortes bezogene Deutungen. Und Sprachforscher wie Sir Alan H. Gardiner (1879 bis 1963) sorgten dafür, dass Stimmen aus der versunkenen Kultur deutlicher zu uns sprechen können.


