Rückkehr nach Europa
Über Jahrhunderte war Fremdbestimmung das Schicksal der Region, stritten europäische Mächte um Einfluss auf dem Baltikum. Staatliche Unabhängigkeit war den drei baltischen Ländern lange Zeit verwehrt.Mit der Aufnahme in die Europäische Union am 1. Mai 2004 wurde Estlands, Lettlands und Litauens Zugehörigkeit zum europäischen Wirtschafts- und Kulturkreis klar manifestiert. Damit gelangten sie auch zurück ins Bewusstsein vieler Mittel- und Westeuropäer. Denn dort existierten die drei kleinen Ostseestaaten auch lange nach dem Zerfall der Sowjetunion und der staatlichen Unabhängigkeit lediglich schemenhaft.
In weite Ferne
Dabei gehörten die baltischen Länder über eine lange Zeit zu Mitteleuropa - wovon Architektur, Literatur, Musik und Geschichte Zeugnis geben. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 zerstörte aber die in Jahrhunderten gewachsenen Verbindungen und rückte das Baltikum in weite Ferne. Nun allerdings schicken sich Estland, Lettland und Litauen an, wieder zu dem zu werden, was sie einst waren: Brücke zwischen West und Ost.
Historische Bande
In ihren Beziehungen zu Westeuropa können die Balten an spezielle historische Bande anknüpfen, und jedes der drei Länder kann auf einen anderen "Verbündeten" zurückgreifen: Die engsten Verbindungen zu Deutschland hat aus der Geschichte heraus Lettland, das im 13. Jahrhundert von Rittern des Deutschen Ordens gegründet wurde. Ihre Nachkommen, die so genannten Baltendeutschen, hatten für Jahrhunderte großen Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur des Landes. Die Hauptsstadt Lettlands, Riga, gehörte lange Zeit zur Hanse.
Verbindungen nach Norden und nach Westen
Estland orientiert sich - bedingt auch durch die geografische Lage - mehr nach Norden: Wichtigster Handelspartner der Esten ist Finnland, das nur durch den Finnischen Meerbusen von Estland getrennt ist und dessen Bewohner eine ähnliche Sprache sprechen wie die Menschen im kleinen südlichen Nachbarland. Und Litauen pflegt traditionell zu Polen die engsten Beziehungen; beide Länder wurden bis zum 16. Jahrhundert von der Dynastie der Jagiellonen beherrscht. Heute arbeiten sie politisch, wirtschaftlich und auch militärisch zusammen.
Gemeinsames Schicksal
Ungeachtet dieser Unterschiede in der historischen Entwicklung eint die baltischen Staaten ein großer Teil gemeinsamer Geschichtserfahrung: Fremdbestimmung war über viele Jahrhunderte ihr Schicksal. Immer wieder stritten europäische Mächte um Einfluss auf dem Baltikum, speziell um die für den Handel wichtigen Hafenstädte. Nachdem Schweden lange Zeit in Estland und Lettland die Macht inne hatte, begann mit dem Großen Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts die zwei Jahrhunderte währende russische Herrschaft über das Baltikum - und führte in der vom Krieg bereits verwüsteten Region zu Unterdrückung und Verarmung.
Im Strudel europäischer Machtpolitik
Erst nach Ende des Ersten Weltkriegs gelang es den drei Völkern, von Russland unabhängig zu werden. Sie gründeten demokratisch regierte Republiken, die jedoch 1939 erneut in den Strudel europäischer Machtpolitik gerieten. Die Auswirkungen des Hitler-Stalin-Pakts, der für die baltischen Länder das Ende ihrer Souveränität bedeutete, waren fatal: Die Sowjetunion besetzte zunächst das Baltikum und deportierte große Teile der baltischen Bevölkerung. Dem deutschen Besatzungsregime 1941 bis 1944 fiel die jüdische Bevölkerungsgruppe fast vollständig zum Opfer.
Repressionen und Massendeportationen
1944 eroberte Stalin das Baltikum zurück. Bis zum Tod des Diktators war die "Sowjetisierung" aller Gesellschaftsbereiche erneut durch Repressionen und Massendeportationen gezeichnet. Obwohl die Balten die gewaltvolle Annexion durch die Sowjetunion nie anerkannten, blieb sie bis zum Beginn der 1990er Jahre, als Letten, Esten und Litauer im friedlichen Umbruch die Freiheit wiedererlangten, Fakt.
"Vorteil für sich selbst"
Bis heute prägt die Erfahrung Jahrhunderte langer Fremdbestimmung das politische Klima im Baltikum. Die Balten setzen große Hoffnungen in die Zugehörigkeit zur EU und sehen laut einer Umfrage des EU-Parlaments zu über achtzig Prozent im Beitritt ihrer Länder einen "Vorteil für sich selbst". Und neben der wirtschaftlichen Entwicklung geht es den Balten vor allem um die Garantie, dauerhaft als eigenständige Staaten existieren zu können und von der Last wechselnder Fremdherrschaft endgültig befreit zu sein.
Ulrike Wolf (akt. 02.02.2011)
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Infobox
Die Baltendeutschen
Bis 1918 gehörten weite Teile des baltischen Großgrundbesitzes den Baltendeutschen. Bis zu ihrer Enteignung durch die Agrarreformen der unabhängig gewordenen Republiken Estland und Lettland bildeten sie die Oberschicht in dieser Region des Baltikums. Esten und Letten waren im eigenen Lande erbuntertänige Bauern oder Leibeigene der "baltischen Barone".
Seit der ersten Besiedelung baltischer Gebiete durch deutsche Kaufleute Anfang des 13. Jahrhunderts - im Gefolge der Glaubensritter - bestimmten Deutsche die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Region. Im Lauf der Geschichte konnten sie sich einige Privilegien sichern, wie zum Beispiel den Beibehalt des evangelischen Glaubens, der deutschen Amtssprache oder des deutschen Rechts. Diese wurden auch von stets wechselnden Herrschern respektiert.
Während der dreihundert Jahre andauernden russischen Zarenherrschaft erreichte der politische und kulturelle Einfluss der Baltendeutschen den Höhepunkt: Obwohl sie nur etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, wurden sie zur dominierenden Gruppe in der russischen Beamtenschaft und in der zaristischen Armee. Nach der Enteignung jedoch setzte eine erste Auswanderungswelle ein; mit der Umsiedlung ab 1939, als Zehntausende Menschen ihre Heimat verließen, war die Jahrhunderte währende Geschichte der Deutschen im Baltikum beendet.
Bis 1918 gehörten weite Teile des baltischen Großgrundbesitzes den Baltendeutschen. Bis zu ihrer Enteignung durch die Agrarreformen der unabhängig gewordenen Republiken Estland und Lettland bildeten sie die Oberschicht in dieser Region des Baltikums. Esten und Letten waren im eigenen Lande erbuntertänige Bauern oder Leibeigene der "baltischen Barone".
Seit der ersten Besiedelung baltischer Gebiete durch deutsche Kaufleute Anfang des 13. Jahrhunderts - im Gefolge der Glaubensritter - bestimmten Deutsche die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Region. Im Lauf der Geschichte konnten sie sich einige Privilegien sichern, wie zum Beispiel den Beibehalt des evangelischen Glaubens, der deutschen Amtssprache oder des deutschen Rechts. Diese wurden auch von stets wechselnden Herrschern respektiert.
Während der dreihundert Jahre andauernden russischen Zarenherrschaft erreichte der politische und kulturelle Einfluss der Baltendeutschen den Höhepunkt: Obwohl sie nur etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, wurden sie zur dominierenden Gruppe in der russischen Beamtenschaft und in der zaristischen Armee. Nach der Enteignung jedoch setzte eine erste Auswanderungswelle ein; mit der Umsiedlung ab 1939, als Zehntausende Menschen ihre Heimat verließen, war die Jahrhunderte währende Geschichte der Deutschen im Baltikum beendet.
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Russen im Baltikum
Mit der Ansiedlung von Russen im Baltikum wollte die Sowjetunion die Annektierung Lettlands, Estland und Litauens unumkehrbar machen. Russisch wurde zur Amtssprache, die Landessprachen waren verboten.
Dieses halbe Jahrhundert erzwungener Russifizierung rächte sich nach der Unabhängigkeit in einer verfehlten Minderheitenpolitik. Lettland und Estland erkannten Russen - die dort immerhin mehr als vierzig beziehungsweise dreißig Prozent der Einwohner stellen - nicht als Staatsbürger an. Diesen blieben damit Wahlrecht, Wehrpflicht und Anstellungen im Staatsdienst verwehrt. Weder Straßenschilder noch Antragsformulare gab es auf Russisch.
Mit Beginn der Beitrittsverhandlungen mussten Estland und Lettland, nach Kritik der EU und der OSZE, einige Gesetze nachbessern. Zwar dürfen Staatenlose weiter nur unter bestimmten Auflagen - vor allem die Kenntnis der Landessprache - zu lettischen und estnischen Staatsbürgern werden, doch bereits drei Viertel der ehemaligen Russen sind jetzt auch Bürger der EU.
Mit der Ansiedlung von Russen im Baltikum wollte die Sowjetunion die Annektierung Lettlands, Estland und Litauens unumkehrbar machen. Russisch wurde zur Amtssprache, die Landessprachen waren verboten.
Dieses halbe Jahrhundert erzwungener Russifizierung rächte sich nach der Unabhängigkeit in einer verfehlten Minderheitenpolitik. Lettland und Estland erkannten Russen - die dort immerhin mehr als vierzig beziehungsweise dreißig Prozent der Einwohner stellen - nicht als Staatsbürger an. Diesen blieben damit Wahlrecht, Wehrpflicht und Anstellungen im Staatsdienst verwehrt. Weder Straßenschilder noch Antragsformulare gab es auf Russisch.
Mit Beginn der Beitrittsverhandlungen mussten Estland und Lettland, nach Kritik der EU und der OSZE, einige Gesetze nachbessern. Zwar dürfen Staatenlose weiter nur unter bestimmten Auflagen - vor allem die Kenntnis der Landessprache - zu lettischen und estnischen Staatsbürgern werden, doch bereits drei Viertel der ehemaligen Russen sind jetzt auch Bürger der EU.



